Kinder getötet: Bielefelder Familiendrama durch Beziehungskrise ausgelöst?

Mordkommission Ziegel: Der Tatverdächtige soll einen Tag vor der Tat einen radikalen Wechsel in seinem Leben angekündigt haben. Nur wenige Tage zuvor soll ihn seine Partnerin aus der Wohnung geworfen haben

Jens Reichenbach

Ermittler der Mordkommission versuchen die Hintergründe der Tat herauszufinden. Löste ein Beziehungsstreit das Familiendrama aus? - © Christian Mathiesen
Ermittler der Mordkommission versuchen die Hintergründe der Tat herauszufinden. Löste ein Beziehungsstreit das Familiendrama aus? (© Christian Mathiesen)

Bielefeld. Fassungslos stehen Menschen vor dem Haus an der Ziegelstraße in Bielefeld, in dem am Sonntag zwei kleine Kinder getötet wurden. Einige haben Luftballons und Blumen mitgebracht - für einen Ort des Abschieds und der Trauer. Andere haben zwei kleine Kerzen angezündet. Niemand von ihnen kann das Geschehene begreifen.

Eine Nachbarin beschreibt den tatverdächtigen Vater (41) im Umgang mit seinen Kindern als liebevoll. Was ist seitdem passiert? Die siebenköpfige "Mordkommission Ziegel" versucht, die Hintergründe der Tat zu ergründen. Doch auch einen Tag nach der Tat liegt der dringend tatverdächtige Vater noch auf der Intensivstation.

Er soll am Sonntag mehrfach auf sich eingestochen und sich dabei lebensgefährlich verletzt haben. Nach einer Not-Operation konnten die Ärzte seinen Zustand zunächst stabilisieren, hieß es von der Polizei. Trotzdem war sein Zustand am Abend "weiterhin kritisch". Eine Vernehmung war demnach noch gar nicht möglich, das Motiv der Tat bleibt dadurch weiter unklar.

Hinweise verdichten sich - Tatverdacht richtet sich gegen Vater

Rutsche, Sandkasten, Fußball: Im Garten der Familie liegen noch die Spielsachen der kleinen Kinder. Ihr Vater soll mit seinem einjährigen Sohn und seiner zweijährigen Schwester stets liebevoll umgegangen sein. - © Jens Reichenbach
Rutsche, Sandkasten, Fußball: Im Garten der Familie liegen noch die Spielsachen der kleinen Kinder. Ihr Vater soll mit seinem einjährigen Sohn und seiner zweijährigen Schwester stets liebevoll umgegangen sein. (© Jens Reichenbach)

Trotzdem haben sich bei der Tatortaufnahme die Hinweise weiter darauf verdichtet, dass es der 41-Jährige war, der seinen einjährigen Sohn und dessen zweijährige Schwester getötet hat. "In der Wohnung wurden in jedem Raum Spuren und Hinweise gesucht", erklärt Polizeisprecherin Hella Christoph.

Dabei versuchen die Mordermittler auszuschließen, dass nicht doch ein unbekannter Dritter für die Tat in Frage kommt. Doch auch nach der zeitintensiven und gründlichen Spurensuche "richtet sich der Tatverdacht weiterhin gegen den Vater", so die Sprecherin. "Es fanden sich keinerlei Hinweise auf andere Täter."

Die Obduktion der Kinder ergab am Nachmittag, dass sie an den Folgen von Schnittverletzungen gestorben sind. Dem Vernehmen nach wurden den Kindern die Kehlen durchgeschnitten. Über eine mögliche Tatwaffe wollte Polizeisprecherin Christoph nicht sprechen. Dass aber sowohl die Kinder als auch der Vater erhebliche Verletzungen durch ein Schnittwerkzeug aufwiesen, scheint unzweifelhaft.

Es soll bereits Polizeieinsätze wegen häuslicher Gewalt gegeben haben

Ort des Abschieds: Trauernde haben Luftballons für einen Jungen und ein Mädchen sowie Blumen vor dem Haus abgestellt. - © Sarah Jonek
Ort des Abschieds: Trauernde haben Luftballons für einen Jungen und ein Mädchen sowie Blumen vor dem Haus abgestellt. (© Sarah Jonek)

Nach Informationen dieser Zeitung war die Beziehung der Eltern schwierig, immer wieder gab es Trennungen. Erst kürzlich soll die Mutter den 41-Jährigen aus der Wohnung geworfen haben. Es soll dort auch bereits Polizeieinsätze wegen "häuslicher Gewalt" gegeben haben.

Nachbarn sahen erst am Freitag einen Streifenwagen vor dem Haus. Staatsanwaltschaft und Polizei hingegen sprechen in einer gemeinsamen Mitteilung davon, dass der 41-Jährige "noch nicht polizeilich in Erscheinung getreten" sei.

Eine Woche lang soll der Tatverdächtige schon nicht mehr an seinem Arbeitsplatz erschienen sein. Am Samstag, einen Tag vor der Tat, soll sich der 41-Jährige auch äußerlich verändert haben. Mit einem ungewöhnlich kurzen, soldatischen Haarschnitt verkündete er gegenüber Bekannten, sein Leben umkrempeln und sich beruflich umorientieren zu wollen. Von finanziellen Problemen und Beziehungsstress war die Rede. Zeugen sprachen davon, dass er am Samstag bereits einen sehr seltsamen Eindruck hinterließ.

Mutter erleidet bei der Todesnachricht schweren Schock

Einen Tag später ließ die Mutter den Vater mit den beiden Kita-Kindern in ihrer Wohnung allein. Offenbar wollte sie ihm aus dem Weg gehen und verließ ihr Heim. Er soll dort zuletzt nur noch seine Kinder besucht haben.

Um 13.15 Uhr kündigte er per Notruf seinen Suizid an und verletzte sich selbst. Die Ermittler gehen davon aus, dass die Kinder zu diesem Zeitpunkt schon tot waren. Wie viel früher das gewesen sein mag, konnte Polizeisprecherin Christoph nicht sagen.

Erst deutlich nach der Katastrophe konnten Kriminalbeamte die Mutter erreichen und ihr die Nachricht vom Tod ihrer Kinder überbringen. Sie erlitt einen schweren Schock und musste vom Rettungsdienst behandelt werden.

"In so einem Fall haben wir stets noch einen Notfallseelsorger dabei", erklärt Polizeisprecherin Hella Christoph. Der sei besonders geschult, um auf die verschiedenen möglichen Reaktionen eines Angehörigen adäquat zu reagieren.

"Er bleibt auch da, wenn die Kriminalbeamten weiterarbeiten müssen", so Christoph. Je nach Reaktion und psychischer Verfassung des Betroffenen kann das sehr lange sein. Manchmal reicht es aber auch, bis enge Freunde oder Angehörige übernehmen.

Info

Belastung für Polizeibeamte

- Auch erfahrene Mordermittler lässt ein Fall, in dem Kinder betroffen sind, nicht kalt.
- Die zuerst eingetroffenen Streifenbeamten, viele von ihnen selbst Familienväter und 
-mütter, reagierten sichtlich betroffen auf die Bilder am Tatort.
- Die Polizeibehörde mache ihren Beamten stets verschiedene Angebote, um das Erlebte besser verarbeiten zu können, erklärt Sprecherin Hella Christoph.
- So würden den Beamten Gespräche angeboten – etwa in Form einer ausführlichen Nachbesprechung unter Kollegen. Anderen helfe es mehr, mit Personen zu sprechen, die nichts mit dem Einsatz zu tun hatten, so Christoph.
- Für diese stünden den Einsatzkräften Notfallseelsorger zur Verfügung.
- Dieses Angebot werde mehrfach wiederholt, weil der Bedarf deutlich nach dem Einsatz auftreten kann.

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