Lügder Missbrauchsfall wird diskutiert: "Wäre sowas auch im Kreis Gütersloh möglich"?

Jugendhilfeausschuss: 236 Kinder leben derzeit in Pflegefamilien

Anja Hustert

Themenfoto - © Andreas Frücht
Themenfoto (© Andreas Frücht)

Kreis Gütersloh. Der Fall des vielfachen Kindesmissbrauchs im lippischen Lügde beschäftigt Politiker und Jugendämter. "Wäre sowas auch im Kreis Gütersloh möglich?", fragte beispielsweise die SPD-Fraktionsvorsitzende Liane Fülling im Kreistag. Und die grüne Fraktionsvorsitzende Helga Lange sagte an die Adresse der Abteilung Jugend: "Melden Sie sich deutlich zu Wort, wenn Sie personelle Engpässe haben und Sie die Fallbearbeitung nicht mehr wie notwendig zum Wohle der Kinder und Jugendlichen bewältigen können."

"Dass solche Dinge passieren können, davor ist niemand gefeit", meint Birgitt Rohde, Leiterin der Abteilung Jugend beim Kreis Gütersloh. In Lippe seien viele Einzelfehler gemacht worden, die dann zu einer Katastrophe geführt hätten. Beim Kreis Gütersloh habe man verschiedene Sicherheits-Barrieren, erläuterte sie - vorgeschriebene Handlungsanweisungen, enger Austausch der Mitarbeiter und verpflichtende Qualifizierungen. Sehr wichtig sei auch die gute Kooperation mit den Kommunen, der Polizei, dem Familiengericht und den freien Trägern der Jugendhilfe.

"Es ist nicht immer einfach, Pflegefamilien zu finden"

Im Jugendhilfeausschuss wurden jetzt die fachlichen Standards des Pflegekinderdienstes vorgestellt - auch mit Blick auf den Fall in Lügde, wo dem Hauptbeschuldigten ein Pflegekind anvertraut war. 236 Kinder leben derzeit im Kreis Gütersloh in Pflegefamilien und werden beim Kreis von 10 Mitarbeitern (in Voll- und Teilzeit) betreut. Das Landesjugendamt empfehle einen Betreuungsschlüssel von 1 zu 35, sagte Carina Brock von der Regionalstelle Ost des Pflegekinderdienstes in Rietberg, die neben Rietberg noch für Schloß Holte-Stukenbrock und Langenberg zuständig ist.

Beim Kreis liege der Schlüssel derzeit bei 1 zu 36. "Es ist nicht immer einfach, Pflegefamilien zu finden", so Brock. Zu den formalen Voraussetzungen gehört beispielsweise ein einwandfreies erweitertes polizeiliches Führungszeugnis aller im Haushalt lebenden Personen, eigenes Einkommen und ausreichende wohnräumliche Gegebenheiten.

"Das Kindeswohl steht im Mittelpunkt"

Auch die persönlichen Voraussetzungen werden von Mitarbeitern des Kreises geprüft - auf Belastbarkeit, ein soziales Netzwerk, die Bereitschaft zu Schulung und Qualifikation. "Es gibt Kinder, die bringen die Pflegeeltern an ihre Grenzen", so Birgitt Rohde - das ginge bis zum Anzünden der Fußleisten.

Marianne Kampwerth (CDU) fragte, wie der Kreis reagiere, wenn die Eltern eine bestimmte Pflegefamilie wünschen, wie es in Lügde wohl offenbar der Fall war. "Wir überprüfen die Wunschfamilie genauso wie jede andere Pflegefamilie und schauen, ob das Kind dort leben könnte", sage Melanie Flöthmann von der Regionalstelle West (Harsewinkel, Versmold, Herzebrock-Clarholz). Manchmal lebe das Kind jedoch schon lange bei Freunden der Eltern, so dass es gewachsene Beziehungen gebe und man abwägen müsse. "Das Kindeswohl steht im Mittelpunkt", so Rohde.

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