Weg damit! Gütersloherin stößt mutige Diskussion um BHs an

Die Gütersloher Bekleidungsingenieurin Oksana Rakosy hat sich angeschaut, was sich Frauen täglich um ihre Brust schnüren. Ihr Ergebnis: Es passt nicht. Sie stößt eine mutige Diskussion an.

Jeanette Salzmann

Oksana Rakosy wirft Büstenhalter weg. - © Andreas Frücht
Oksana Rakosy wirft Büstenhalter weg. (© Andreas Frücht)

Gütersloh. Keinen BH anziehen? Der Gedanke kommt den meisten Frauen gar nicht in den Sinn, denn der Büstenhalter gehört unter das T-Shirt wie die Socken in die Schuhe. So haben wir das von unseren Müttern gelernt, so macht man das. Auch Oksana Rakosy hätte ihre Wäsche kaum in Frage gestellt, wäre da nicht diese Narbe aufgrund einer Tumor-Operation. Plötzlich drücken die BHs, kneifen, tun weh. Die 39-Jährige sortiert ihre Wäsche durch, probiert alles Mögliche aus und stellt immer wieder fest: „Ich kann das nicht mehr auf der Haut (er)tragen." Wirklich gut fühlt es sich nur an, wenn es gar nicht da ist.

Für Ärzte ist dieses Phänomen nicht verwunderlich, für Frauen schon. Es bleibt ein etwas hilfloses Gefühl von Nacktheit – egal wie viele Pullis oben drüber sind. „Ich habe im vergangenen Jahr millionenmal vor dem Spiegel gestanden und mich gefragt: Kann ich so rausgehen?" Dabei muss die Gütersloherin über sich selber lachen. „Es ist schon verrückt, dass das Thema mich auf diese Weise wieder einholt."

Oksana Rakosy ist Bekleidungs-Ingenieurin. Nach ihrem Studium arbeitet sie in Wien für Triumph International. Für ihre Diplomarbeit 2002 erstellt sie bereits eine Wäsche-Kollektion und befasst sich mit der optimalen BH-Passform. Zuvor werden für eine Studie an der Uni Kommilitoninnen vermessen.

"Wir haben immer unsere gleichen BHs an"

Die Größenabmessungen werden in einem komplizierten Verfahren von 3D auf 2D übertragen. Fazit: „80 Prozent der Frauen hatten links und rechts unterschiedlich große Brüste", erinnert sich Rakosy, „und zwar bis zu einer Nummer." Im Gegenzug aber ist unsere Wäsche heute standardisiert. „Es gibt keine BHs mit unterschiedlichen Größen." Damals wie heute nicht. „Also kannst du dir überlegen, welcher deiner beiden Brüste du ein Übel zufügst." Erschwerend komme hinzu, dass die BH-Größe während eines Monatszyklus variiere, „wir haben aber immer unsere gleichen BHs an.

Egal wie eng sie zwischendurch werden. Wir halten das aus." Gemeint sind Metallbügel und Push-Up-Polsterungen, die nicht nur einengen, sondern auch einquetschen. Rakosy stimmt das nachdenklich: „Brustkrebs ist bei uns Frauen die Krankheit Nummer eins. Warum fragen wir uns nicht, ob das ursächlich auch etwas mit unserer Wäsche zu tun haben könnte?" Die Gesundheitsrisiken beim Tragen von Stilettos seien bekannt. Über den BH werde wenig gesprochen.

"Die Industrie kommt kaum hinterher"

Es gibt Alternativen, in denen man sich wohl fühlt, davon ist die junge Ingenieurin überzeugt. Zugleich ist sie selber auf der Suche, denn eines stört sie ganz besonders: der hohe Anteil von Polyester in der Wäscheherstellung. Alles, was man direkt am Körper trage, so Rakosy, sollte nicht synthetisch sein. Ein Credo ihrer Uni-Professoren. „Wir würden auch nicht auf die Idee kommen, unseren Babys synthetische Bodys anzuziehen." Reine Baumwolle sei das Maß der Dinge. „Warum bringt man stattdessen 13-jährigen Mädchen bei, vollsynthetische BHs zu tragen?" Die Körbchen sind häufig wattiert – mit Synthetik. Somit sind wir rundherum eingepackt in Kunststoff. Rakosy: „Die Brust schwitzt, weil die Haut nicht atmen kann."

Wurde die Wäsche früher noch gekocht, reicht heute eine 30-Grad-Wäsche. Die synthetische Faser gilt als formstabil, waschecht und vor allem billig. „Die Industrie kommt bei der Menge an Kollektionen pro Jahr kaum hinterher", so Rakosy, also sei es wichtig, eine rasante Herstellung zu gewährleisten. Die Expertin weiß: „Schnelllebigkeit tötet jeden Produktionsprozess!"

"Im Winter kann man Vieles verstecken"

Die ersten Skizzen sind gezeichnet. Das Brustband aus Gummi ersetzt ein Baumwollzug. Statt Metallverschluss gibt es einen pfiffigen Knopf an ungewohnter Stelle. Ein Schnürverfahren ermöglicht die richtige Größeneinstellung. Oksana Rakosy hat angefangen, ihre erste eigene BH-Kollektion zu entwerfen. Das Ziel ist sie selbst. „Ich möchte hübsche BHs erstellen, die ich jetzt im Sommer auch unter einer leichten Bluse tragen kann." Sie lacht. „Im Winter kann man ja Vieles verstecken."

Der Plan ist ehrgeizig, weil neu. Kompostierbar soll er sein, der Rakosy-BH. „Wir tragen heute Produkte am Körper, die nie mehr verrotten." Und selbst wenn das T-Shirt aus reiner Baumwolle hergestellt werde, glänze am Ende noch das Nähgarn und sorge für Unvergänglichkeit.

"Wir sind nicht alle Topmodels"

Das Garn aus Polyester reißt weniger, ist billiger. Zahlreiche Metallösen kommen beim durchschnittlichen BH noch dazu – unkaputtbar. „Ich möchte meinen BH nicht in den Restmüll, sondern in den Kompost werfen können."

Um das zu verwirklichen, hat die Ingenieurin Stoff aus einem Hanf-Baumwollgemisch bestellt, um erste Experimente in ihrem Nähatelier in der Hohenzollernstraße zu beginnen. Im Mai fährt sie auf die „Texprocess"-Messe nach Frankfurt, um mit Branchenkennern zu fachsimpeln. „Ich könnte mir vorstellen, dass es eine ganze Kollektion wird. Ob es Interesse auf dem Markt dafür gibt, weiß ich nicht", dazu bedürfe es guter Partner. Eins steht hingegen schon vorher fest: Die ausgesuchten Materialien für den kompostierbaren BH sind teuer, der Preis für das Produkt am Ende hoch.

„Wenn es ein reines Atelier-Produkt wird, bin ich auch zufrieden", erklärt die 39-Jährige. Ein BH als Maßschneiderarbeit? „Ja, warum nicht", sagt sie. „Wir sind nicht alle Topmodels. Wir passen nicht alle in 75 B."

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