Risiko im Straßenverkehr? Diskussion über Verkehrstests für Senioren

2017 verstarben im Kreis Gütersloh sechs Senioren wegen Unfällen

Jemima Wittig

Christa Teckentrup (80) nimmt jährlich eine Fahrstunde. Auch auf bekannten Strecken könne schließlich immer etwas Unvorhergesehenes geschehen, begründet sie ihre freiwilligen Tests. - © Andreas Frücht
Christa Teckentrup (80) nimmt jährlich eine Fahrstunde. Auch auf bekannten Strecken könne schließlich immer etwas Unvorhergesehenes geschehen, begründet sie ihre freiwilligen Tests. (© Andreas Frücht)

Gütersloh. Schon zum vierten Mal hat die 80-jährige Gütersloherin jetzt ihre Fahrkünste überprüfen lassen. „Das beruhigt mich selbst", sagt Christa Teckentrup und zeigt das Formular vor, dass ihr Fahrlehrer Tassilo Hardung ausgestellt hat. „Ihr Geburtsdatum in 1938 und das damit erreichte Alter hat sich in keiner Form negativ ausgewirkt", bestätigt er ihr darin. Schon ihre vier Kinder haben den Führerschein bei Hardung gemacht. So entstand der Kontakt und ihr Vertrauen in den Mann, der inzwischen auch schon mehr als 80 Jahre alt ist.

Christa Teckenrtup ist für eine Verpflichtung

Christa Teckentrup ist dafür, dass der Bundesverkehrsminister verpflichtende Verkehrstests für Senioren einführt. Denn in ihrem Freundeskreis wird sie für ihre freiwilligen Fahrstunden eher belächelt. Auf eben diese Eigenverantwortung setzt aber Andreas Scheuer (CSU). „Einen Verkehrstest für Senioren wird es bei mir nicht geben", sagte er gerade erst.
Jürgen Jentsch ist dagegen

Jürgen Jentsch bezeichnet Scheuer als „Sprücheklopfer". „Wir als Seniorenrat kämpfen auf allen Ebenen für die Sicherheit gerade älterer Menschen", so der Vorsitzende des Gütersloher Seniorenbeirats. Dennoch halte er nichts von einem verpflichtenden Test nur für Ältere. Jeder, der nicht mehr fahren wolle, solle seinen „Führerschein zu den Akten legen".

Ohne sei es aber gar nicht so einfach, weil der öffentliche Nahverkehr in Gütersloh „zu wünschen übrig" lasse. „Siehe nur die Möglichkeit den Johannesfriedhof zu besuchen oder die oft noch fehlende Barrierefreiheit an den Haltestellen oder die fehlende Unterschutzmöglichkeit auf dem ZOB", führt er aus.

Dennoch haben 2018 90 Menschen im Kreis ihren Führerschein abgegeben. Das geht in der Führerscheinstelle des Kreises. Dabei wird das Alter der Verzichtenden allerdings nicht erfasst.

2017 verstarben im Kreis Gütersloh sechs Senioren wegen Unfällen

Scheuer zufolge könnten jungen Fahrern genau so viele Unfälle passieren wie alten. Tatsächlich waren junge Fahrer im Kreis Gütersloh 2017 in 37 Unfälle mehr verwickelt, als alte. In beiden Gruppen war die Zahl der Unfälle aber zurückgegangen, zeigte die Statistik zur Verkehrsunfallentwicklung, die die Kreispolizeibehörde im vergangenen Jahr vorstellte.

„Obwohl unsere Gesellschaft immer älter wird, ist die Zahl verunglückter Senioren zurückgegangen", sagte Karsten Fehring, damals noch Polizeichef. Um sieben Prozent von 243 auf 226 Fälle, „aber leider verstarben sechs von ihnen".

Auch bei kleinen Unfällen können die Folgen für Senioren gravierender ausfallen, bestätigt Pia Coulthard von der Verkehrswacht. „Die Unfälle ereignen sich meist in komplexen Vorgängen. Zum Beispiel beim Abbiegen, wenn die Situation schwieriger zu überblicken ist." Der Verein bietet deswegen auch in diesem Jahr wieder Fahrsicherheitstrainings für Senioren an. Mit dem eigenen Fahrzeug können die Teilnehmer dabei auf dem Gütersloher Flughafengelände ihre Fähigkeiten testen.

Schon ab 40 Jahren lässt die Sehkraft nach

Probleme könnten durch altersbedingte Einschränkungen entstehen. „Ab 40 Jahren lässt die Sehkraft nach", sagt Coulthard. Auch die Ohren, die körperliche Beweglichkeit und die Aufmerksamkeit würden schlechter. „Ab 75 Jahren kommt es deswegen öfter zu Unfällen", weiß sie. Zu den drei Veranstaltungen 2018 kamen etwa 35 Senioren. „Jeder muss für sich selbst überprüfen, ob er als Fahrzeugführer geeignet ist. Nicht nur im Alter", so Coulthard. Viele ältere Frauen seien zum Beispiel immer von ihrem Mann gefahren worden. Der könne inzwischen entweder nicht mehr fahren, oder lebe nicht mehr und so müssten die Seniorinnen plötzlich selbst fahren. „Da fehlt dann einfach die Fahrpraxis."

Christa Teckentrup fährt schon seit ihrem 18. Lebensjahr Auto. Während ihrer Ehe hat sie sich die Autofahrten immer mit ihrem Mann geteilt. Jetzt, wo er verstorben ist, fährt nur noch sie. Manchmal auch gezwungenermaßen: Bei einem Urlaub in Irland habe sie kürzlich nur durch Hardungs Bestätigung einen Wagen mieten können. Die Freundin, mit der sie unterwegs war, konnte das nicht. Auch im kommenden Jahr wird sie sich wieder prüfen lassen. Und nur noch so lange Auto fahren, wie sie ihre Fahrtüchtigkeit bestätigt bekäme.

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