"Du willst nur Aufmerksamkeit": Eltern ignorieren Transsexualität ihres Kindes

Jans Familie kommt mit seiner Transsexualität nicht klar. Sie wollen sich nicht darauf einlassen. Stattdessen nennen sie ihn noch immer bei seinem Mädchen-Namen

Lena Vanessa Niewald

Jan war früher ein Mädchen, heute ist er sicher: "Das Outing war die richtige Entscheidung." - © Pixabay
Jan war früher ein Mädchen, heute ist er sicher: "Das Outing war die richtige Entscheidung." (© Pixabay)

Gütersloh. Jan (Name von der Redaktion geändert) war früher ein Mädchen. Er hatte lange Haare, ab und zu mal ein Kleid an und Barbies im Regal stehen. Zwar nicht unzählige der blonden Puppen, aber er hatte welche. Und er mochte pink – schon immer. Heute ist Jan ein Junge. Pink mag er immer noch, „ein bisschen", wie er selbst sagt. Viele andere Eigenschaften hat er abgelegt. Jan fühlte sich schon immer anders. Er ist ein Außenseiter gewesen, schon in der Grundschule.

„Ich hab irgendwie nie Anschluss gefunden. Ich war unsportlich, moppelig und hatte kaum Kontakt zu anderen." Erklären konnte sich das der heute 19-Jährige nicht. Er hat es immer so hingenommen. Als Jan auf die weiterführende Schule kommt, lässt er sich die Haare kurzschneiden. „Einfach, weil ich Lust drauf hatte." Das erste Mal hat er plötzlich einen Kurzhaar-Schnitt – und fühlt sich gut damit.

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Der Junge da vorne will auch mal

Ein Ereignis ist Jan bis heute im Kopf geblieben. Während eines Urlaubs war er mit seiner Familie an einem Bootsverleih. „Und da stand vor mir ein kleines Kind und meinte in meine Richtung: ’Mama, wir müssen uns beeilen, der Junge da möchte auch." Jan muss immer noch grinsen, wenn er daran denkt. Er habe sich nach diesem Erlebnis immer weiter mit dem Thema Homosexualität und Transsexualität beschäftigt. Blog-Einträge im Internet gelesen, Videos und Dokus geschaut. Bin ich etwa auch ein Junge? Diese Frage schwirrte ihm monatelang im Kopf herum. Heute ist ihm klar: „Ich bin ein Junge."

Er spricht mit einer Freundin darüber. Sie bleibt erstmal die einzige, die von seinem Geheimnis weiß. Nach und nach geht er mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit. Er zieht weite Klamotten an, trägt täglich ein spezielles Shirt, das seine Brust verdeckt. Die Reaktionen auf seine optische Veränderung sind gemischt. In der Schule sei es noch schwierig. Den Lehrer klar zu machen, dass er jetzt Jan heiße, sei eine „langwierige Aufgabe." Heute ist Jan glücklich, dass es raus ist.

"Du willst doch nur Aufmerksamkeit"

Er ist sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, auch, wenn er derzeit noch ziemlich alleine da steht. Seine Familie könne mit der neuen Situation nichts anfangen, sagt Jan und zuckt mit den Schultern. „Du willst doch nur Aufmerksamkeit", werfe ihm seine Mama regelmäßig an den Kopf. Noch immer nenne sie ihn konsequent bei seinem Mädchen-Namen. Einen Sohn? Habe sie nicht. Verständnis oder Respekt? Fehlanzeige.

Stattdessen immer wieder verletzende Worte für den 19-Jährigen. In einer Phase seines Lebens, in der er sich so dringend nach Unterstützung und Verständnis sehnt, würde er von seiner eigenen Familie nur Ablehnung erfahren, sagt er selbst. Auch sein Vater sei, „nicht sehr tolerant". Die gleiche Haltung bei seinen Großeltern. Die Ablehnung geht ihm nah, auch wenn er das niemals zugeben würde.

Eltern reden sich ein: "Das ist nur eine Phase"

Sexualpädagogin Almuth Duensing kennt diese Reaktionen von betroffenen Familien. Duensing arbeit bei Pro Familia und hat regelmäßig Kontakt mit Menschen, die sich im falschen Körper fühlen. „Viele Jugendliche, die in unsere Sprechstunden kommen, berichten genau von diesen Reaktionen auf ihr Outing." Manchmal seien auch Eltern mit bei den Beratungsgesprächen. „Da merkt man häufig, dass sie mit der Situation überfordert sind. Viele nehmen eine Abwehrhaltung an und sagen: Das ist bestimmt nur eine Phase."

Die Sensibilität für das Thema in der Öffentlichkeit sei zwar in den vergangenen Jahren gestiegen, trotzdem sei Transsexualität immer noch etwas „Fremdes", sagt die Pädagogin. Wie geht man mit einem Mädchen um, das plötzlich sagt, ich bin ein Junge? „Viele Eltern wollen das erstmal nicht wahrhaben." Die Berater bei Pro Familia versuchen in Gesprächen sowohl die Familie als auch den Betroffenen selbst zu unterstützen.

Bald startet Jan mit einer Hormontherapie

„Das ist ein individueller Prozess. Jeder braucht andere Unterstützung. Was aber immer gilt ist, dass man vor dem Thema keine Angst haben muss und genau das versuchen wir, zu vermitteln."Jan war bislang nicht bei einer Therapie-Sitzung. Er hat in seinem Bruder einen Ansprechpartner gefunden „Dabei konnte ich den früher gar nicht ausstehen", sagt er. Heute haben die beiden ein enges Verhältnis. Bei seinem Bruder kann Jan er selbst sein. Ein schönes Gefühl, wie er selbst sagt. Jan wünscht sich, dass auch der Rest seiner Familie irgendwann sein neues Ich akzeptiert.Ganz hat er die Hoffnung noch nicht aufgegeben.

Was sagt man beim ersten Date?

Bald will er eine Hormon-Therapie beginnen. Der nächste kleine Schritt in die richtige Richtung, sagt er. Über Brust-Operationen hat er sich auch schon informiert. Das will er auf jeden Fall irgendwann machen lassen. „Aber alles der Reihe nach." Ob er sich irgendwann komplett umoperieren lassen möchte? Abwarten.

In ein paar Tagen hat Jan erstmal ein Date. Sogar mit Übernachtung, gibt er zu und grinst. Noch weiß seine Date-Partnerin allerdings nicht, dass Jan selbst mal ein Mädchen war. „Das will ich auch nicht sofort sagen. Vielleicht schreckt das dann doch ab." Was aber, wenn aus dem Date mehr wird? Klar, darüber mache er sich schon Gedanken. Irgendwann müsse er schließlich Klartext reden. Das habe aber Zeit. Erstmal will Jan die Vorfreude genießen. Die Vorfreude auf sein erstes Date als Junge.

Der richtige Name des Jungen ist der Redaktion bekannt.

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