Gütersloher Pathologe: "Krimis haben mit der Realität nichts zu tun"

Pathologen untersuchen Leichen? Keineswegs, wie der Mediziner Wilfried Belder erläutert

Anja Hustert

Bevor Dr. Wilfried Belder sich die Proben unter dem Mikroskop anschauen kann, müssen kleinste Teile davon auf Glasplatten aufgebracht werden. - © Andreas Frücht
Bevor Dr. Wilfried Belder sich die Proben unter dem Mikroskop anschauen kann, müssen kleinste Teile davon auf Glasplatten aufgebracht werden. (© Andreas Frücht)
Etwa 100 Proben werden täglich in der Pathologiepraxis untersucht. - © Andreas Frücht
Etwa 100 Proben werden täglich in der Pathologiepraxis untersucht. (© Andreas Frücht)

Gütersloh. Das Tatort-Duo aus Münster schaut sich Wilfried Belder gerne an. Auch über den Gerichtsmediziner Carl Friedrich Boerne kann er herzlich lachen. „Doch das, was in den Krimis immer als ,Pathologie‘ gezeigt wird, hat mit der Realität nichts zu tun", sagt der Mediziner. Er muss es wissen – schließlich betreibt er mit seinem Kollegen Michael Leichsenring in Gütersloh eine Gemeinschaftspraxis für Pathologie. Leichen liegen hier jedoch nie auf dem Untersuchungstisch.

Die Arbeit der Gütersloher Pathologiepraxis besteht im Dienst am lebenden Menschen – nur ganz selten am verstorbenen. „Wir ermitteln auf Wunsch unserer klinischen Kollegen und mit Zustimmung der Angehörigen die Todesursache, wenn sie nicht eindeutig ist", sagt Belder. Dies sei im vergangenen Jahr jedoch nur 14 Mal vorgekommen – bei allen vier Kliniken, die die Praxis betreut. Das sind neben dem Klinikum und dem St.-Elisabeth-Hospital noch die LWL-Klinik für Innere Medizin und das Marienhospital in Oelde.

Links zum Thema
So wird das "Tatort-Jahr" 2019: Dreimal Münster, keinmal Schweiger

Reportage: Pathologen zwischen Realität und Fitkion
Diese Gewebeteile – Ergebnis einer Ausschabung beim Gynäkologen – sollen auf Veränderungen überprüft werden. - © Andreas Frücht
Diese Gewebeteile – Ergebnis einer Ausschabung beim Gynäkologen – sollen auf Veränderungen überprüft werden. (© Andreas Frücht)

"Die Arbeit findet im Verborgenen statt"

„Die Arbeit eines Pathologen findet im Verborgenen statt", erläutert Belder. Denn in der Pathologie werden vor allem Gewebeproben untersucht. Entfernt ein Arzt beispielsweise bei einem Patienten einen Leberfleck mit Verdacht auf Krebs, so ist es der Job eines Pathologen, herauszufinden, ob es sich wirklich um eine bösartige Veränderung handelt. Belder und seine Kollegen bekommen durchschnittlich am Tag etwa 100 Proben auf den Tisch. „Wir untersuchen menschliches Gewebe oder Zellen auf krankhafte Veränderungen", bringt Belder die Arbeit in seiner Praxis auf den Punkt. Seine Ergebnisse dienen zur Diagnosestellung, zur Therapiebestätigung oder zur Verlaufskontrolle.

Die Praxisräume an der Oststraße sind sehr hell und klinisch rein. Die angelieferten Präparate stehen in Plastikgefäßen auf Metalltischen. Sie schwimmen in Formaldehyd, damit die Zellen sich nicht verändern. Die entnommenen Gewebeteile werden in Paraffin eingelegt und so haltbar gemacht. Medizinisch-technische Assistenzen schneiden die Proben in dünne Scheiben und geben sie auf Objektträger, damit sie unter dem Mikroskop untersucht werden können.

Wurde krankes Gewebe vollständig entfernt?

Auch in Belders Büro steht ein Mikroskop. Daneben liegen – Kante auf Kante – Mappen mit vielen Glas-Objektträgern. Belder und sein Team interessieren sich besonders für den Bereich an der Grenze vom gesunden zum kranken Gewebe. „Wichtig ist, ob krankes Gewebe vollständig entfernt wurde", erläutert er. Ist eine Probe – beispielsweise bei einem Mammakarzinom, also einem Brustkrebs, „randbildend", so bedeutet das, das noch einmal nachoperiert werden muss.

Wilfried Belder ist ein großer Freund von Früherkennungsuntersuchungen. „Sehr gut ist beispielsweise das Krebsfrüherkennungsprogramm für Gebärmutterhalskrebs", sagt er. Es sind nur einzelne Zellen, die die Frauenärzte in Form eines Abstrichs bei ihren Patientinnen entnehmen. Aber anhand derer kann Belder dann frühzeitig krankhafte Veränderungen erkennen. „Ich sehe jede Woche fünf Därme von Menschen, die nicht zur Darmkrebsfrüherkennung gegangen sind", so Belder. Darmspiegelungen hätten – ebenso wie die Vorsorge bei Gebärmutterhalskrebs – eine hohe Trefferquote.

Warum sich Pathologen manchmal unbeliebt machen

Bei den Tumorkonferenzen der Kliniken sitzt Belder mit am Tisch – donnerstags um 7.30 Uhr im Elisabeth-Hospital, mittwochs ab 14 Uhr im Klinikum. Für Tumore an Brust und Prostata gibt es noch eigene Treffen. „Bei den Tumorkonferenzen werden dann interdisziplinär alle Patienten besprochen – Diagnostik und Therapie", so Belder. Als Pathologe mache er sich manchmal unbeliebt, wenn er über die Schnittgenauigkeit der Kollegen spreche. „Aber da muss man durchsetzungsfreudig sein", sagt er schmunzelnd.

Häufig muss er während einer Operation frisches Gewebe untersuchen – das ist der sogenannte „Schnellschnitt". Dann ergeben sich während einer OP Fragestellungen hinsichtlich des Gewebezustandes, meistens geht es dabei um Krebs. „Der Rand des Gewebes wird schockgefroren", erläutert der Pathologe. Auch daraus werden dann dünne Scheiben geschnitten und auf Glasplatten gegeben. Eine farbliche Markierung verdeutlicht die Lage des Gewebes.

Tagelang waren Datenleitungen tot

Die Probe wird anschließend unter dem Mikroskop untersucht. „Wir senden die Befunde elektronisch an die Krankenhäuser", so Belder. Mit Entsetzen denkt er noch an den Spätsommer zurück, als die Telekom seine Praxis auf Internet-Telefonie umstellte und mehrere Tage die Datenleitungen tot waren. Da konnten wichtige Befunde die Krankenhäuser nur auf analogen Umwegen erreichen. „Wenn einem Patienten Gewebe entnommen wurde, will er ja wissen, was es war", so der Pathologe. Daran arbeitet er Tag für Tag.

Copyright © Haller Kreisblatt 2019
Texte und Fotos vom Haller Kreisblatt sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.