Schlamperei: Klausuren von Bielefelder Jura-Studenten sind verschwunden

Beim Versand vom Erst- zum Zweitprüfer sind sie offenbar verloren gegangen

Dennis Rother

25 Klausuren sind verschwunden. - © Foto: Pixabay
25 Klausuren sind verschwunden. (© Foto: Pixabay)

Bielefeld/Hamm/Münster. Wer hier durchfällt, verliert viel Zeit. Das 1. Staatsexamen ist für angehende Juristen eine große Herausforderung und vor der Notenbekanntgabe stets eine große Anspannung. Und genau in dieser Phase ging jetzt ein ganzer Rutsch der Klausuren auf Seiten der Prüfer verloren.

Die Zeit der Ungewissheit zwischen Klausurenphase und Notenbekanntgabe ist oft kaum auszuhalten. Mit besonders viel nervlicher Anspannung müssen derzeit mehrere Bielefelder Studierende der Rechtswissenschaften zurechtkommen. Sie haben sechs schriftliche Arbeiten der ersten juristischen Prüfung hinter sich gebracht, mit dem ersten Staatsexamen sollen sie einen Meilenstein auf dem Weg zu ihren Beruf nehmen. Nun stellt sich aber heraus, dass ein Teil der bereits benoteten Arbeiten verloren ging. Eine außergewöhnliche Panne. Betroffen sind Prüflinge gleich dreier Hochschulen.

Es geht um Unterlagen einer Zivilrechtsklausur vom 21. August. Sie war eine der sechs staatlichen Pflichtfachprüfungen. Gestellt und bewertet werden die Klausuren von Justizprüfungsämtern der Länder. Für die Fakultät der Rechtswissenschaften an der Uni Bielefeld genauso wie für die Fakultäten an den Unis Münster und Bochum ist das Amt beim Oberlandesgericht (OLG) Hamm zuständig. Jeweils zwei Fachleute – etwa Staatsanwälte, Richter, Professoren – benoten die anonymisierten Klausuren.

Zuletzt wurden die Klausuren in Münster entgegengenommen

In diesem Fall war zunächst ein Richter des Hammer OLG dran, sagt Pressesprecher Martin Brandt. Am 19. Oktober gingen die Unterlagen per Post nach Münster, sollten als zweites von einem dortigen Richter begutachtet werden. Die Paket-Annahme wurde von der Münsteraner Staatsanwaltschaft laut DHL-Sendungsnummer quittiert – und dann verliert sich die Spur. Es folgte eine „umfangreiche Recherche", so Martin Brandt vom OLG. Sie blieb erfolglos.

Zur Schadensbegrenzung entschied das Prüfungsamt jetzt, den 25 Studierenden einen Deal anzubieten. Sie akzeptieren entweder die Note des ersten Korrektors als Endnote und erklären gleichzeitig den Verzicht auf Rechtsmittel, also auf Protest. Oder sie schreiben die Klausur noch einmal. Bis zum 14. Dezember müssen sie sich entscheiden

Um den 25 Studierenden die Wahl zu erleichtern, erhielten sie indes nicht nur die Nachricht über die fehlende Klausur, so Martin Brandt weiter, sondern auch die Noten ihrer restlichen fünf Klausuren. „So bekommen sie ein besseres Gefühl dafür, wie es insgesamt gelaufen ist." Es sei quasi ein Entgegenkommen.

Studierende finden "Entgegenkommen" der Behörde nicht fair

So richtig fair finden das etliche Kommilitonen der 25 Betroffenen aber nicht, wie diese Zeitung aus Studierendenkreisen erfuhr.

Denn die 25 Betroffenen könnten sich – falls sie nicht durchgefallen sind – jetzt schon auf mündliche Prüfungen vorbereiten. Alle anderen würden dagegen länger als üblich hingehalten. Nach drei Monaten gibt’s normalerweise die Noten. Diese Frist lief am vergangenen Freitag ab.

Die angehenden Juristen könnten kaum noch schlafen, hieß es, und die Zeit dränge, schließlich folgen schon in wenigen Wochen Referendariate.

Mehr als 10.000 Klausuren pro Jahr gilt es zu bewerten

Mit der Gemengelage rund um die verschollenen Klausuren hat die Verzögerung aber nichts zu tun, so OLG-Sprecher Martin Brandt. Es gebe derzeit schlicht einen „großen Anfall" an zu überprüfenden Jura-Klausuren. Das liege daran, dass gerade im November besonders viele Klausuren geschrieben worden seien.

Bei mehr als 10.000 Arbeiten liege das Gesamtaufkommen beim Prüfungsamt pro Jahr, alleine im August 2018 waren es 1.147. Die 25 verschwundenen Exemplare würden also rein prozentual weniger ins Gewicht fallen, so Brandt.

Klar sei aber auch: Der Vorfall ist intern ein lauter Weckruf, ein Alarmsignal. „Es gibt bei unseren Abläufen offensichtlich Optimierungsbedarf."

Das Prüfungsamt wolle überlegen, wie man Sicherheit beim Umherschicken sensibler Dokumente erhöhen kann.

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