Ermittlungskommission untersucht Attacken auf Bielefelder Stadtbahn

Massive Zerstörung im zweiten Fall passt nicht zur ersten Attacke. Zivile Kräfte der Kripo werden ab Einbruch der Dunkelheit patrouillieren

Jens Reichenbach

Unten an der ersten Tür durchschlug der Gegenstand die Sicherheitsglasscheibe (linkes Foto) und zersplitterte auch noch auf der gegenüberliegenden Seite die Türscheibe (r.). - © Wolfgang Rudolf
Unten an der ersten Tür durchschlug der Gegenstand die Sicherheitsglasscheibe (linkes Foto) und zersplitterte auch noch auf der gegenüberliegenden Seite die Türscheibe (r.). (© Wolfgang Rudolf)
Die roten Pfeile zeigen die beiden Einschlagstellen des Geschosses. Ob 

der Gegenstand hinten wieder nach außen ausgetreten ist oder zurück ins Innere der Bahn schleuderte,

ist noch unklar. Gefunden wurde ein Bolzen. - © Wolfgang Rudolf
Die roten Pfeile zeigen die beiden Einschlagstellen des Geschosses. Ob
der Gegenstand hinten wieder nach außen ausgetreten ist oder zurück ins Innere der Bahn schleuderte,
ist noch unklar. Gefunden wurde ein Bolzen. (© Wolfgang Rudolf)

Bielefeld. Die Kriminalpolizei hat nach den beiden Anschlägen auf zwei Bielefelder Stadtbahnen gestern eine sechsköpfige Ermittlungskommission (EK) eingerichtet, um möglichst schnell Ermittlungsansätze und Ergebnisse zu erwirken.

Als erstes untersuchten die Mitglieder der „EK StraB" auf dem MoBiel-Gelände in Sieker die beiden betroffenen Bahnen auf Spuren: Wie gestern erst bekannt wurde, durchschlug das unbekannte Geschoss am Montagabend gleich zwei Türen. Es drang also nicht nur durch das erste Sicherheitsglas, sondern erreichte auch noch mit großer Wucht die gegenüberliegende Tür, wo ein tennisballgroßes Loch in der Türscheibe entstand.

Die Tatorte - © Grafik: Jürgen Schultheiß
Die Tatorte (© Grafik: Jürgen Schultheiß)

Von außen gesehen drang der Gegenstand etwa auf 1,50 Meter Höhe von rechts in den vorderen Wagen des Typs M8D ein und zerstörte anschließend auf der anderen Seite in etwa 2,30 Meter Höhe die Scheibe der gegenüberliegenden Tür. Der Schusskanal führte also deutlich nach oben. Ob das Geschoss durch das Loch wieder austrat oder nach innen zurückprallte, ist weiter unklar.

Dritter Fall am Sonntag: Scheibe der Hauptfeuerwache beschädigt

Kriminalhauptkommissarin Tamara Lüning leitet die "Ermittlungskommission StraB". - © Wolfgang Rudolf
Kriminalhauptkommissarin Tamara Lüning leitet die "Ermittlungskommission StraB". (© Wolfgang Rudolf)

Wie Kriminalhauptkommissarin Tamara Lüning, Leiterin der "Ermittlungskommission StraB", berichtete, fand ein Fahrgast in der Bahn nach dem ohrenbetäubenden Knall einen Metallbolzen. Dieser ist etwa fünf Zentimeter lang und mit der Aufschlagspitze eines Bus-Nothammers oder mit einem Türbolzen vergleichbar. „Ob dieser Bolzen das Tatmittel ist und wie es in die Scheibe eingeschlagen ist, ist noch völlig unklar", sagt die Hauptkommissarin. Immer unwahrscheinlicher wird, dass hier jemand ein Projektil oder Bolzen geworfen haben könnte.

Klar ist, dass die Durchschlagskraft des Projektils am Montag deutlich größer war als beim ersten Vorfall, als am Samstag eine Scheibe eines Vamos-Zuges splitterte. Das Sicherheitsglas des Vamos soll allerdings auch deutlich robuster sein als bei M8D-Bahnen. Weitere Gemeinsamkeiten: die zeitliche Komponente (18.30 Uhr am Samstag und 19.17 Uhr am Montag) und das Objekt des Angriffs – zwei fahrende Stadtbahnen.

Darüber hinaus beschäftigt inzwischen noch ein dritter Vorfall die Kripoermittler. Wie Lüning mitteilte, wurde am Sonntag um 2.30 Uhr früh eine Scheibe der Hauptfeuerwache Am Stadtholz in der 2. Etage beschädigt. Hier fand sich allerdings nur in der ersten Ebene der Doppelverglasung ein Loch. Trotzdem: Wieder wurde eine Fensterscheibe beschädigt, wieder war eine öffentliche Einrichtung betroffen. „Wir müssen auch diesen Vorfall auch im Auge behalten."

Zivile Beamte sind an den Stadtbahnstrecken unterwegs

Mitglieder der Ermittlungskommission diskutieren vor der Einschlagstelle. - © Wolfgang Rudolf
Mitglieder der Ermittlungskommission diskutieren vor der Einschlagstelle. (© Wolfgang Rudolf)

Die Polizei ermittelt wegen „gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr", Sachbeschädigung und womöglich versuchter Körperverletzung. Zwar standen Fahrgäste in der Bahn, aber die Ermittler gehen nicht davon aus, dass der Täter Personen treffen wollte. „Sonst würde jetzt eine Mordkommission ermitteln", erklärt die EK-Leiterin.

Die Auswertung der MoBiel-Videos von den beiden Bahnsteigen und aus der Bahn sollen abgesehen von der Spurenanalyse weiter Klarheit in der Rekonstruktion des Geschehens schaffen. „Wir werden einen längeren Zeitraum analysieren, um auch zu erkennen, wer vorher ein- und ausstieg." Auch der gefundene Bolzen soll noch untersucht werden. So könnte ein Sprengstoffhund Klarheit bringen, sollte der Bolzen durch eine Treibladung beschleunigt worden sein.

Um einen weiteren Vorfall dieser Art zu verhindern, „werden ab Einbruch der Dunkelheit zivile Beamte in der Stadt unterwegs sein", kündigte Polizeisprecherin Hella Christoph an. „Sie werden nach Auffälligkeiten gucken, Ausschau nach Verdächtigen halten." Die EK soll gleichzeitig die Zeugen befragen sowie Spuren sichern und auswerten. „Ziel ist es, den Täter zeitnah zu ergreifen und damit Entwarnung geben zu können."

"Wir wollen keine Panik, aber das war auch kein Dummer-Jungen-Streich"

Die Mitglieder der Ermittlungskommission nahmen am Dienstag beide betroffenen Bahnen in Augenschein. - © Wolfgang Rudolf
Die Mitglieder der Ermittlungskommission nahmen am Dienstag beide betroffenen Bahnen in Augenschein. (© Wolfgang Rudolf)

Solange man die Motivation des Täters nicht kenne, so Christoph, sei es schwer einzuschätzen, ob wieder etwas passieren wird. „Wir wollen keine Panik auslösen, aber das war auch kein Dummer-Jungen-Streich", betont die Polizeisprecherin. Sie glaubt, dass grundsätzlich keine weitere Gefahr bestehe. Sicherheitshalber rät sie aber allen Fahrgästen, aufmerksam zu bleiben und Verdächtige im Zweifel per 110 der Polizei zu melden.

Die Polizei sucht weiterhin Zeugen, die im Bereich der beiden Tatorte (Montag, 19.15 Uhr am Niederwall zwischen "Landgericht" und "Rathaus" sowie Samstag, 18.30 Uhr, an der Kurt-Schumacher-Straße zwischen "Graf-von-Stauffenberg-Straße" und "Bültmannshof") Beobachtungen gemacht haben. Bisher seien nur nur Ohrenzeugen des Knalls aus der Bahn bekannt. Weitere Zeugen werden gebeten, sich an die Polizei zu wenden unter Tel. (05 21) 54 50.

Info

Nicht die ersten Schüsse

Bereits am 16. Juli 2014 nahm die Polizei einen 23-jährigen Bielefelder vorläufig fest, nachdem er mit seiner Druckluftpistole an der Schildescher Straße auf zwei Straßenbahnen geschossen hatte - an der Haltestelle Sudbrackstraße.

Auch damals hatten die Schüsse zwei Scheiben beschädigt, insgesamt stellte die Polizei drei Einschusslöcher fest. Durchgeschlagen waren die Projektile aber nicht.

Der Täter hatte seine Schüsse mit einer Druckluftpistole (Kaliber 4,5 mm) aus einem Fenster abgegeben. Er hatte aus Übermut auf das Dach gezielt, aber die Fenster getroffen. Gegen ihn wurde wegen gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr und wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz angezeigt.

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