Bielefelds Weinmarkt platzt aus allen Nähten - Riesenandrang sorgt für Diskussionen

Jens Reichenbach

Gemütlich oder zu eng? Weinmarktbesucher drängeln sich bei gutem Wetter schon vor Sonnenuntergang durch die City. - © Jörg Dieckmann/nw
Gemütlich oder zu eng? Weinmarktbesucher drängeln sich bei gutem Wetter schon vor Sonnenuntergang durch die City. (© Jörg Dieckmann/nw)
Für Entzerrung: Andreas Schimanski, Geschäftsführer beim Mäusewirt. - © Jörg Dieckmann/nw
Für Entzerrung: Andreas Schimanski, Geschäftsführer beim Mäusewirt. (© Jörg Dieckmann/nw)

Bielefeld. Der Weinmarkt hatte eine fantastische Woche. Der Zulauf der Besucher war bis zum Wochenende ungebremst. Und genau das war auch das Problem. Denn rund um die Weinstände platzte die Altstadt aus allen Nähten. Nicht zum Gefallen aller Beteiligten.

Für Sabine Hengstenberg aus Werther war der Weinmarkt jahrelang ihr "Lieblingsfest". "Ich habe es früher hier genossen - war drei bis vier Tage hier. Aber so macht es keinen Spaß mehr. Die Atmosphäre ist nicht mehr so gemütlich." Sie hat mit ihrem Ehemann und zwei Freunden vier Sitzplätze erobert. "Das ist inzwischen wie ein Sechser im Lotto. Sich mit Freunden hier zu treffen ist kaum mehr möglich."

Tatsächlich schieben sich die Besucher an Gut-Wetter-Tagen spätestens ab 20 Uhr nur noch voreinander her. An die Stände ist kaum heranzukommen, die Warteschlangen sind groß. Auch Hans-Jürgen Tacke kennt das Phänomen: "Ich trinke einen Wein für 7 bis 8 Euro gerne im Sitzen - nicht im Stehen. Aber ab 19 oder 20 Uhr ist hier kein Sitzplatz mehr zu finden."

»Warum verlängert man den Weinmarkt nicht zum Klosterplatz?«

Müssen das Areal und die Zahl der Stände vergrößert werden? Andreas Schimanski, Geschäftsführer vom Mäusewirt, sagt ja. Sein Stand befindet sich vor der Nicolaikirche. "Es war wirklich sehr voll. Die Leute konnten gar nicht mehr aufrücken. Das müsste hier entzerrt werden", sagt er. Weniger Umsatz durch mehr Anbieter befürchtet er nicht: "Konkurrenz belebt das Geschäft. Ich glaube, dass das sogar noch mehr Zulauf schaffen könnte."

Mario Amato vom Restaurant "Il Monastero" am Klosterplatz hat von anderen Gastro-Kollegen gehört, dass auch sie nicht zufrieden seien. Die Gäste blieben sitzen, weil sie ihren Sitzplatz nicht aufgeben wollen, statt nachzubestellen. "Warum verlängert man den Weinmarkt nicht zum Klosterplatz? Eine Entzerrung. Der Abendmarkt hat gezeigt, wie schön es hier sein kann."

Entschieden gegen Expansion: Dominik Heuer von Knigge. - © Christian Weische/nw
Entschieden gegen Expansion: Dominik Heuer von Knigge. (© Christian Weische/nw)

Martin Knabenreich von Veranstalter Bielefeld Marketing ist skeptisch: "Der Wunsch ist uns neu. Aber um die Winzermeile bis zum Klosterplatz zu verlängern, müssten wir den Weinmarkt gefühlt um 200 Prozent vergrößern." Zwischen den Orten müsste eine belebte Verbindung geschaffen werden. "Das wäre eine Explosion."

»Es funktioniert, weil der Weinmarkt klein und schnell ist«

Davon hält der Marketing-Chef wenig. "Wir wollen ein enges, zusammenhängendes Fest." Trotzdem sehe er für 2019 die Möglichkeit, die Zahl der Winzer-Stände zu erhöhen. "Es sind derzeit nur 5 der 13 Weinanbaugebiete vertreten. Für eine leichte Expansion bin ich optimistisch."

Olaf Klötzer vom gleichnamigen Delikatessengeschäft befürchtet, dass durch eine Vergrößerung "die wunderbare Stimmung" zerstört werden könnte: "Und das will hier keiner." Dominik Heuer von Knigge ärgert sich sogar über die moderaten Expansionspläne von Knabenreich: "Da bin ich strikt dagegen. Wenn zu viele mitmischen, kann es nur schlechter werden. Das würde das Geschäft der Gastronomen kaputtmachen."

Weinhändler Gerhard Klocke zuckt mit den Achseln: "Diese extremen Abende kennen wir seit vielen Jahren. Trotzdem hat der Weinmarkt vor ein paar Jahren einen echten Publikumsschub bekommen." Denn zwei Vorteile haben sich herumgesprochen: "Weil man nicht gegen Verstärker anschreien muss, können sich alle gut unterhalten. Und weil ohne Bier und Schnaps nie eine aggressive Stimmung aufkommt."

"Wohlwollen der Anwohner nicht überstrapazieren"

Für mehr Winzer: Martin Knabenreich von Bielefeld Marketing. - © Christian Weische/nw
Für mehr Winzer: Martin Knabenreich von Bielefeld Marketing. (© Christian Weische/nw)

Ein vergrößerter Markt oder eine längere Laufzeit wären Klocke zufolge nicht zielführend: "Lieber stark und heftig als zwischendurch Leerlauf." Thorsten Reim vom Weinparadies Hess pflichtet Klocke bei: "Trotz der Enge ist es immer noch ein sehr friedliches Fest. Es funktioniert, weil der Weinmarkt klein und schnell ist - weil er besonders ist."

Außerdem gibt Knabenreich zu bedenken, dass man als teilstädtischer Veranstalter an alle Bielefelder denken müsse: "Derzeit haben wir keine Beschwerde zu einer unserer Veranstaltungen. Das war nicht immer so - speziell am Klosterplatz. Wir dürfen das Wohlwollen der Anwohner nicht überstrapazieren."

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