Stundenausfall erzürnt Eltern - Landesregierung beschließt Erfassung

Florian Pfitzner,Carina Schmihing

Symbolfoto - © pixabay.com
Symbolfoto (© pixabay.com)

Düsseldorf/Bielefeld. Almuth Huwendiek hat häufig überlegt, ob sie „Rabatz machen" soll. Ihr Sohn Philipp schließt die zehnte Klasse der Luisenschule in Bielefeld ab. „Gefühlt fallen jede Woche ein bis zwei Stunden aus", sagt die Elternvertreterin der 10c. Sogar den Schülern, die sich sonst über die zusätzliche Freizeit freuen, reicht es inzwischen.

Überall in Nordrhein-Westfalen ärgern sich Schüler und ihre Eltern über vertrödelte Stunden. Die schwarz-gelbe Landesregierung hat nun mit einer Erhebungspflicht reagiert: Ab dem kommenden Schuljahr 2018/19 soll der Unterrichtsausfall landesweit „digital schulscharf erfasst werden", sagte Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) in Düsseldorf. Sie wolle „gefühlte Wahrheiten durch verlässliche Daten" ersetzen.

Schulen sind zur Teilnahme verpflichtet

Die NRW-Regierung verpflichtet alle öffentlichen Schulen zur Teilnahme an dem Programm – von der Grund- über die Gesamtschule bis zum Gymnasium. Sie sollen über das gesamte Schuljahr hinweg jede Woche Daten zum erteilten und ausgefallenen Unterricht melden. Die Erhebung sei die Grundlage, um den Unterrichtsausfall auf Sicht weitgehend einzudämmen, erklärte Gebauer.

Das Schulministerium richtet für die Erhebung eine Software ein. Zur Datenerfassung habe das Land 183 zusätzliche Stellen bereitgestellt. Die Maßnahme „bringt einen Verwaltungsaufwand mit sich, das weiß ich", räumte Gebauer ein, „aber es lohnt sich".

Betreuung nur bis zur achten Klasse

An der Bielefelder Luisenschule haben sich die Ausfälle ungefähr ab Jahrgang acht gemehrt. So berichtet es Elternvertreterin Huwendiek. Von da an seien die Schüler ja auch alt genug, um sie nach Hause zu schicken. Zwischen Klasse fünf und sieben habe es dagegen immer eine zuverlässige Betreuung gegeben.

Maik Paulini, stellvertretender Schulleiter, weist die Kritik zurück. Es gebe ein ausgewogenes Vertretungskonzept, das vorsehe, Ausfälle auf ein „unausweichliches Minimum" zu reduzieren. Ein Ausfall sei „immer das allerletzte Mittel".

Dass die Schulen den Stundenausfall tatsächlich aufrichtig eintragen, kann Ministerin Gebauer schwer garantieren. Sie könne die Schulen „nur bitten, den Unterricht wahrheitsgemäß zu erfassen", sagte die FDP-Politikerin. „Wir wollen niemanden an den Pranger stellen." Außerdem könnten die Schulen vermerken, wenn Stunden wegen außergewöhnlicher Umstände, beispielsweise Unwetter, ausfielen.

Opposition zweifelt an der Wirksamkeit

Die Opposition im Landtag zweifelt indes an der Wirksamkeit der Maßnahme. Durch die neu geregelte Erfassung des Unterrichtsausfalls werde „weder den Schulen bei der Bewältigung des Lehrermangels geholfen" noch führe sie zu einer verbesserten Unterrichtsorganisation, sagte die bildungspolitische Sprecherin der Grünen im Landtag, Sigrid Beer aus Paderborn. Vielmehr könnten die Schulen „Gefahr laufen, in einer unverschuldeten personellen Notsituation bloßgestellt zu werden".

Dorothea Schäfer, Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in NRW, dringt auf eine Vertretungsreserve. Nur mit einer mindestens achtprozentigen Aufstockung der Lehrerschaft könne NRW den Unterrichtsausfall in den Griff bekommen, notfalls eben mit Quereinsteigern. Die Erhebung sei ein „sinnvoller erster Schritt".

Start ist das zweite Schulhalbjahr

Nach einer mit Eltern-, Lehrer- und Schulleitungsverbänden abgestimmten Definition der Bildungskonferenz von 2016 gelten „alle im Stundenplan ausgewiesenen Unterrichtsangebote, an denen für die Schülerinnen und Schüler eine Teilnahmeverpflichtung besteht, als Unterricht".

Eine erste Übersicht des Unterrichtsausfalls soll es mit Beginn des zweiten Schulhalbjahres auf der Internetseite des Ministeriums geben. Eine umfassende Veröffentlichung der Ergebnisse stellte das Ministerium für Ende des kommenden Schuljahres in Aussicht. Ab dem Schuljahr 2019/20 sollen zudem Schulhalbjahresberichte angefertigt werden.

Info

Förderung in benachteiligter Lage

  • Die geplanten 60 „Talentschulen" in benachteiligten Stadtvierteln sollen rund 415 zusätzliche Lehrerstellen erhalten. Sie sollten Fachlehrer einstellen und zudem mindestens eine Stelle für Schulsozialarbeit einrichten, teilte Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) mit.
  • Ein Gymnasium darf demzufolge mit rund sechs Stellen und eine Gesamtschule mit rund acht Stellen rechnen.
  • Die ersten 35 Talentschulen will die Landesregierung im Schuljahr 2019/20 auf den Weg bringen, 25 weitere im Schuljahr 2020/21. Bewerbungen für die erste Startphase können Schulen bis Ende dieses Jahres einreichen.
  • Die SPD übte Kritik: „Jede Schule soll eine Talentschule sein."

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