Auch in OWL schwimmen Schülerinnen im Burkini

Carolin Nieder-Entgelmeier

Eine Schule in Herne steht wegen der Anschaffung von Burkinis in der Kritik. - © Foto: dpa
Eine Schule in Herne steht wegen der Anschaffung von Burkinis in der Kritik. (© Foto: dpa)

Herne. Die Anschaffung von Burkinis für muslimische Schülerinnen an einem Gymnasium in Herne stößt bundesweit auf Kritik. Um dafür zu sorgen, dass auch Musliminnen am Schwimmunterricht teilnehmen, hat das Gymnasium 20 Ganzkörperbadeanzüge gekauft und verleiht diese an Schülerinnen.

„Damit hat nun keiner mehr eine Ausrede, nicht am Unterricht teilzunehmen", erklärt Schulleiter Volker Gößling im Gespräch mit der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung. Schwimmunterricht ist an dem Gymnasium in der sechsten und der achten Klasse Teil des Sportunterrichts und damit verpflichtend. Trotzdem verweigern Schülerinnen die Teilnahme – aus Glaubensgründen. Durch die Zuwanderung von Flüchtlingen hat sich das Problem laut Gößling verschärft.

Vor allem zugewanderte Schüler haben nach Angaben des Schulleiters häufig keine Schwimmerfahrungen, teilweise sogar Angst vor Wasser. „Ich vertrete aber eine klare Haltung: Bei uns soll jeder Schwimmen lernen und dafür schaffe ich die Bedingungen", erklärt Gößling. Der Rektor hat damit bei seinen Schülerinnen Erfolg. 15 Musliminnen haben das kostenlose Angebot, das über Spenden finanziert wurde, bereits genutzt. Ohne wären sie laut Gößling nicht mit ihren Mitschülern ins Becken gestiegen.

»Viele zugewanderte Schüler können nicht schwimmen«

In der Teilnahme am Schwimmunterricht sieht auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in NRW einen Erfolg. „Die Lösung ist pragmatisch und verhindert Auseinandersetzungen zwischen Schule, Schülern und Eltern, die das Schulklima negativ beeinflussen können", erklärt die stellvertretende Vorsitzende Maike Finnern. „Es ist besser, dass Musliminnen im Burkini am Schwimmunterricht teilnehmen, als wenn sie gar nicht dabei sind."

Auch in OWL nehmen muslimische Schülerinnen in Burkinis am Schwimmunterricht teil. Am Helmholtz-Gymnasium in Bielefeld kümmern sich Schüler laut Schulleitung jedoch selbst um die Bekleidung. „Manche Schülerinnen schwimmen in Bikini, andere im Badeanzug und wieder andere im Burkini. Die Mädchen entscheiden das selbst. Wichtig ist mir nur, dass alle Schüler am gesamten Unterricht teilnehmen können."

Auch NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) verfolgt das Ziel, dass alle Schüler am Schwimmunterricht teilnehmen. „Zu den Aufgaben von eigenverantwortlichen Schulen gehört es auch, auf Herausforderungen lebenspraktisch zu reagieren, aber die Beschaffung von Burkinis gehört nicht zu den Grundaufgaben einer Schule", moniert Gebauer. „Die Schulpflicht erstreckt sich auch auf den Schwimmunterricht. Es ist juristisch eindeutig geklärt, dass auch muslimische Schülerinnen dieser Verpflichtung nachkommen müssen."

»Schule zementiert ein diskriminierendes Rollenverständnis«

Kritik an der Praxis in Herne gibt es auch mit Blick auf die Integration. „Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht. Das ist keine Lösung, wenn auch der Schulleiter bestimmt in guter Absicht handelt. In der letzten Konsequenz ist dies der Integration aber eher hinderlich als förderlich", sagt der Vorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung in NRW, Stefan Behlau.

Der Vorsitzende des Bielefelder Integrationsrates, Mehmet Ali Ölmez, bittet Eltern und muslimische Gemeinden um den Verzicht auf religiös begründete Verbote für Kinder und Jugendliche, um Ausgrenzung zu verhindern. „Wenn Muslime volljährig sind, können sie selbst entscheiden, ob sie Schwimmen gehen, während des Ramadan fasten oder täglich beten", sagt Ölmez. „Verbote liegen nicht im Interesse des Kindes und schaden der Schulbildung."

Noch deutlicher wird CDU-Vizechefin Julia Klöckner: „Damit zementiert eine Schule ein frauendiskriminierendes Rollenverständnis an einem Ort, an dem Kinder und Jugendliche gerade das Gegenteil lernen sollten." Hinter der Vorstellung, dass Mädchen ihren Körper bedecken sollten, steckt laut Klöckner ein patriarchalisches Verständnis von der Rolle der Frau – der weibliche Körper ist Grund des öffentlichen Anstoßes. Es handle sich dabei um ein „Einknicken auf dem Rücken der Mädchen, die erfahren müssen, dass es Pech ist, nicht als Junge geboren zu sein".

Die Bielefelder Salafismus-Expertin Birgit Ebel beobachtet in Schulen einen Trend hin zu islamischen Kleidervorschriften. „Das Vorgehen der Schule ist ein Erfolg von Unterwanderung und zielt auf geschlechtergetrennten Unterricht ab", erklärt die Gesamtschullehrerin. „Die Praxis richtet sich gegen die Geschlechtergleichheit und ist verantwortungslos."

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