Tüftler - Dieses Gerät schützt vor Betrügern

Ludger Osterkamp

Sieht einen Riesenmarkt: Der Betriebswirt Deniz Akman (36) hält einen der 104 Prototypen in die Kamera. Die Box wird zwischen Telefon und Buchse angeschlossen und filtert je nach Programmierung Anrufe aus. Auch Telefonwerber könne man sich damit vom Leib halten. - © Ludger Osterkamp / Montage: Andreas Frücht
Sieht einen Riesenmarkt: Der Betriebswirt Deniz Akman (36) hält einen der 104 Prototypen in die Kamera. Die Box wird zwischen Telefon und Buchse angeschlossen und filtert je nach Programmierung Anrufe aus. Auch Telefonwerber könne man sich damit vom Leib halten. (© Ludger Osterkamp / Montage: Andreas Frücht)

Gütersloh. Auf den Enkeltrick fällt keiner mehr rein? Und auf die Masche mit dem Gewinnversprechen oder die mit dem falschen Polizisten ebenfalls nicht? Das Gegenteil ist der Fall: Die Zahl der Opfer steigt eklatant an – laut Statistik des Landeskriminalamtes NRW im vergangenen Jahr um mehr als das Doppelte. Der Enkeltrick ist inzwischen derart verbreitet, dass der Schaden enorm ist und die Polizei Sonderermittler einsetzt. Hilfe könnte bald auch von anderer Stelle nahen: Eine kleine Gruppe von Tüftlern hat einen Apparat entwickelt, der unerwünschte Anrufe abwehrt.

„Täter schocken, Anruf blocken!" – unter dieser Überschrift sagt das heimische Trio Betrügern den Kampf an. Die drei Erfinder haben einen Telefonfilter entwickelt, der die Vorteile der bestehenden technischen Schutzeinrichtungen kombiniert und in dieser Form neu ist. Nächste Woche stellen sie ihn auf dem Deutschen Präventionstag in Dresden vor – eines von fünf Projekten, mit dem die Polizei Gütersloh dort vertreten ist (siehe Kasten).

Oliver Böttcher, Deniz Akman und Johannes Kinscher haben in ihr Projekt schon viel Zeit und Geld investiert. Sie haben Rufus, so tauften sie das Gerät, auf Präventionstagungen des LKA vorgestellt, sie haben eine Hochschule zur wissenschaftlichen Begleitung gewonnen, sie haben die Polizei und den Seniorenbeirat involviert, und sie haben für 10.000 Euro die ersten 104 Testgeräte produziert; vier Prototypen sind zu Versuchszwecken im Umlauf, die anderen hundert lagern bis zum Projektstart.

Vielen Demenzkranken hilft allein eine technische Lösung

Kümmert sich um Prävention: Kriminaloberkommissar Marco Hein. - © Ludger Osterkamp
Kümmert sich um Prävention: Kriminaloberkommissar Marco Hein. (© Ludger Osterkamp)

„Wir tüfteln an den letzten technischen Feinheiten", sagt Akman. „Unser Ziel ist es, dass Rufus hundertprozentigen Schutz gegen alle bekannten Betrugsmaschen bietet." Auch Lock- und Werbeanrufe soll er verhindern. Trickbetrüger, Stalker, die gemeine Schwiegermutter – der Apparat soll alle abwehren, die man auf keinen Fall an der Strippe haben möchte. Sobald Erfinder, Polizei und Seniorenbeirat Rufus zumindest für soweit ausgereift halten, dass man in die Testphase einsteigen kann, werden die Geräte an Freiwillige ausgeliefert. Etliche haben sich schon gemeldet.

In Dresden, beim größten europäischen Kongress für Kriminalprävention, wird Rufus erstmals öffentlich vorgestellt. „Telefonbetrug hat deutlich zugenommen", sagt Kriminaloberkommissar Marco Hein von der Kreispolizeibehörde. Obwohl seit vielen Jahren gegengesteuert werde, es tolle Formen von Präventionsvermittlung und Verhaltenstrainings gebe, stoße man immer wieder an pädagogische Grenzen: Der Demenzkranke, der im Augenblick des Telefonats Überforderte – „sie fallen leider gottes immer wieder herein." Außerdem, so Hein, würden die Täter immer professioneller, ihre Gesprächsführung perfider. Zunehmend handele es sich auch nicht mehr um Einzeltäter, sondern um Banden, teilweise mit Sitz im Ausland und mit sogenannten „Läufern" vor Ort – Menschen, die den arglosen Opfern letztlich das Bargeld abknöpften. Hein: „Aus Sicht der Behörden wäre es gut, eine technische Lösung zu haben. Ein wirksamer Telefonfilter wäre ein Quantensprung in der Sicherheitstechnik." Die Opferzahlen könnten so deutlich gesenkt werden.

Einige Schutzmechanismen gibt es bereits. So bietet die Telekom die Möglichkeit an, eine schwarze und eine weiße Liste zu programmieren – böse Telefonnummern, die auf keinen Fall durchkommen, und gute Nummern, die es schaffen. Der Haken: Bei der weißen Liste gehen all jene Anrufe verloren, die man nicht programmiert hat, aber dennoch gerne empfänge; bei der schwarzen Liste schaffen es technisch findige Betrüger – und das sind sie laut Marco Hein fast alle –, durch eine Wählumleitung über eine andere, etwa Behördennummer, die Sperre zu umgehen. Auch ein Totalblocker oder ein automatisierter Anrufbeantworter haben technische und praktische Schwächen.

Seinen Rufus-Apparat preist das Erfindertrio damit an, dass er alle Schutzmechanismen vereint. Akman: „Außerdem gibt es die Möglichkeit, verschiedene Sicherheitsstufen einzustellen."

  • Stufe 5, die höchste Sicherheitsstufe, arbeitet ebenfalls mit einer Liste: Nur einprogrammierte, vertrauenswürdige Anrufer werden durchgelassen.
  • Stufe 4 wirkt wie ein Vorstopper: Jeder Anruf wird direkt an eine Vertrauensperson weitergeleitet – eine Option, die sich vor allem für stark pflegebedürftige und demente Menschen empfiehlt.
  • Stufe 3 leitet alle unbekannten Anrufe auf eine Sprachbox um; das verschafft dem Angerufenen Zeit zum Nachdenken und Löschen.
  • Stufe 2 teilt dem Anrufer direkt per automatisierter Ansage mit, dass das folgende Gespräch aufgezeichnet wird – diese Sicherheitsstufe dient vor allem zur Abwehr von Vertragsbetrügern und Telefonwerbern.
  • Stufe 1 arbeitet ohne Mitschnitt, teilt aber dem Anrufer per automatisierter Ansage mit, dass er eine bestimmte Taste zu drücken habe – das ist ein Abwehrmechanismus gegen die sogenannten „Ping-Anrufe" – ein computergeneriertes Kurzklingeln, das den Angerufenen zu einem Rückruf animieren soll und ihn eine Menge Geld kosten kann.

Eine Hochschule wertet die Ergebnisse wissenschaftlich aus

All diese Sicherheitsstufen, so Akman, seien auch frei kombinierbar. Angeschlossen werde Rufus, eine kleine handliche Box aus Kunststoff, zwischen Telefon und Buchse.

Das kleine heimische Start-up hofft, noch diesen Sommer in die Pilotphase einsteigen zu können. Der Plan ist, die 100 Prototypen über den Seniorenbeirat zu verteilen. Drei Monate soll der Test dauern; in dieser Zeit sollen die Senioren verschiedene Sicherheitsstufen ausprobieren, Erfahrungen im Umgang mit dem Gerät sammeln und etwaige Schwachstellen ausfindig machen. Die Opferschutzorganisation Weißer Ring ist an den Ergebnissen der Testphase durchaus interessiert, hält sich aber vorerst raus. Leiter Ulrich Deppe: „Die Idee ist gut, aber wir sind noch nicht überzeugt, ob es den Betroffenen wirklich hilft." Die Handhabung der Geräte sei aktuell noch zu schwierig, gerade ältere Menschen könnten damit überfordert sein.

Ist der dreimonatige Testlauf erst mal gestartet, wird er von der SRH Fernhochschule im baden-württembergischen Riedlingen begleitet. Die Fakultät Forschung und Qualitätsentwicklung mit Professor Jörg von Garrel hat für die 100 Teilnehmer einen Fragebogen entwickelt, der valide Ergebnisse liefern soll.

Bemerkenswert ist ohnehin, dass sich in Deutschland bislang kein großes Telekommunikationsunternehmen gefunden hat, das von sich aus einen Telefonfilter konstruiert. Während in England ein ähnliches Gerät inzwischen 750.000 Mal verkauft wurde, herrscht hierzulande Ebbe. Eine Erklärung wird darin vermutet, dass die Telekommunikationsfirmen kein Interesse daran haben, der riesigen Branche an Callcentern und Telefonmarketing Hürden in den Weg zu legen; sie verdienen an den Anrufen ja mit.

Info

Weitere neue Sicherheits-Projekte

  • „Merkwürdig": Ein Projekt, bei dem die Polizei Gedächtnistraining mit kriminalpräventiven Inhalten verknüpft. Sprich: Die Teilnehmer an einem solchen Training üben anhand von Polizeiempfehlungen, die sich immer wieder auf verschiedene Weise, zum Beispiel über Rollenspiele einbläuen. Wie schütze ich mich wogegen? Was muss ich tun, wenn...? Die Gütersloher Kreispolizei hat mit dem Deutschen Roten Kreuz und einem Fachmann ein Übungsprogramm (Manual) entwickelt, das sie kostenlos zur Verfügung stellt und das mittlerweile sowohl der Bundesverband für Gedächtnistraining als auch Landesverbände des DRK bundesweit einsetzen.
  • „Das sichere Amt": Ein Projekt, das nach dem Messerangriff auf einen Beamten im Gütersloher Kreishaus vor zwei Jahren entstanden ist. Guido Baratella und Dirk Struckmeier, beide vom Kommissariat Kriminalprävention/Opferschutz, haben sich überlegt, wie man die Bediensteten einer öffentlichen Verwaltung besser schützen kann. Schon über Bauweise und Kundenlenkung, so die beiden Fachleute, könne man vieles erreichen. Eine Idee befasst sich beispielsweise mit der Einrichtung eines „Nein-Zimmers": Ein speziell gesichertes und eingerichtetes Büro, in dem die Mitarbeiter unangenehme Botschaften überbringen können – etwa die Ablehnung von Sozialleistungen. Im Gesamtkonzept spielen auch Einbruch- und Brandschutz eine Rolle.
  • „Orientierungssystem": Ein Konzept, das schon 2014 den „Landespreis für Innere Sicherheit NRW" erhalten hat. Gemeint ist damit eine einheitliche Kennzeichnung von Wegen etwa in Schulen. Notärzte und Polizisten finden sich bei einem Noteinsatz auf diese Weise viel schneller in den Gebäuden zurecht, das spart wertvolle Zeit.
  • „Klappe zu – Tasche sicher": Der Kriminologe und Polizeiwissenschaftler Marco Hein, der auch bei Rufus mitwirkt, hat den Gütersloher Fahrrad- und Rollatorkorbdeckel (RKD) erfunden. Der Deckel schützt davor, dass Langfinger mal eben die Handtasche aus dem Fahrrad- oder Rollatorkorb ziehen. Gebaut vom Wertkreis Gütersloh, vertrieben vom Sanitätshaus Mitschke, mit Kooperation vom Weißen Ring und der Initiative Anti-Rost, ist er mittlerweile bundesweit auf den Straßen zu sehen.

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