Bielefelderin durchlebt Trauma nach Amokfahrt von Münster

Jens Reichenbach

Entsetzen und Trauer: Einen Tag nach der Amokfahrt im April steht in Münster ein Schild mit der Aufschrift „Warum?" inmitten von Blumen vor dem Restaurant „Großer Kiepenkerl". - © picture alliance / Ina Fassbender/dpa
Entsetzen und Trauer: Einen Tag nach der Amokfahrt im April steht in Münster ein Schild mit der Aufschrift „Warum?" inmitten von Blumen vor dem Restaurant „Großer Kiepenkerl". (© picture alliance / Ina Fassbender/dpa)

Bielefeld/Münster (nw). Am 7. April 2018 hat ein Amoktäter vor dem Lokal „Großer Kiepenkerl" in Münster mit seinem VW-Bulli das Leben von drei Menschen ausgelöscht. Schließlich erschoss sich der psychisch kranke Mann selbst. Unter den Opfern waren auch drei Bielefelder. Während ihre äußerlichen Verletzungen fünf Wochen nach der Tat langsam verheilen, kämpfen alle Drei gegen das Trauma, das sie nicht mehr loslässt.

Die 36-jährige Svenja (Name geändert) ist eine der drei Bielefelder, die gemeinsam in Münster einen Termin wahrnahmen und zum Mittagessen beim Kiepenkerl einkehrten. Svenja wurde von hinten von dem Täterfahrzeug erfasst und mehrere Meter durch die Luft geschleudert. Trotz schwerer Verletzungen eilte sie sofort den Schwerstverletzten und Sterbenden unter dem Bulli zu Hilfe. „Ich werde die Gesichter der Polizisten nicht mehr vergessen, die als erstes eintrafen", erinnert sie sich. „Die waren zu Salzsäulen erstarrt, blass, schockiert. Ihnen war absolut anzusehen, dass hier etwas wirklich Schlimmes passiert war."

Info

Vier Tote am „Kiepenkerl"

Am Samstag, 7. April 2018, gegen 15.30 Uhr fuhr ein 48-jähriger Deutscher mit seinem VW-Kleinbus im Stadtzentrum von Münster in eine Gruppe von Menschen, die vor dem Kiepenkerl-Denkmal an den Tischen des gleichnamigen Restaurants saßen. Drei der Gäste, eine Frau aus Lüneburg (51) ein Mann aus Ahaus (65) und ein 74-jähriger Mann aus Hamm erlagen ihren schweren Verletzungen.

Der psychisch kranke Täter erschoss sich in dem Fahrzeug noch am Tatort – vor den Augen der Anwesenden. Die Polizei schloss später einen politischen oder terroristischen Hintergrund der Tat aus. Sie geht von einem „erweiterten Suizid" aus.

„Gutes Wetter ist für mich ein ganz großes Problem."

Fünf Wochen sind seitdem vergangen, doch für Svenja wirkt es, als wären es zwei oder drei Tage. Besonders, wenn das Wetter so sonnig ist, wie an jenem Tag in Münster. „Gutes Wetter ist für mich ein ganz großes Problem. Ich kann seitdem nicht mehr entspannt in der Sonne sitzen." Es gab Tage, da traute sich die 36-Jährige nicht aus ihrer Wohnung. Sie ist schwer traumatisiert.

Psychiaterin Steffi Koch-Stoecker, stellvertretende Chefärztin der Psychiatrie in Bethel und Leiterin der Traumaambulanz, erklärt: „Der Körper vieler Patienten mit posttraumatischen Belastungsstörungen reagiert sehr wachsam auf Details, die mit dem Trauma-Ereignis in Verbindung stehen." Das könne ein Käppi sein, dass jemand dort getragen hat. Das passiere aber auch mit Geräuschen oder Gerüchen.

Für Svenja ist Lärm seitdem eine unerträgliche Vorstellung – etwa durch eine größere Menschenmenge. Auch hört sie immer noch alles doppelt so laut. Koch-Stoecker spricht von einer physiologischen Übererregung: „Der Körper hat gelernt, dass das Leben maximale Unsicherheit bietet, und er reagiert mit erhöhter Wachsamkeit. Das strengt an und macht dünnhäutig."

Ein laut aufheulender Motor löst bei Svenja Flash-backs aus. „Dann geht sofort der Film von Münster wieder los", sagt sie. Ihren ersten Restaurantbesuch seit der Amoktat quittierte ihr Körper mit Schweißausbrüchen, Beklemmungsgefühlen und Herzrasen.

„Ich finde es unerträglich, dass mir jemand Fremdes so die Lebensqualität kaputtmachen kann", sagt sie und betont: „Ich will deshalb umso mehr kämpfen, dass ich irgendwann mal wieder entspannt in einem Biergarten sitzen kann."
Dafür zwingt sie sich phasenweise richtig nach draußen. Ihre erste Autofahrt hat sie schon geschafft. Doch das geht nicht immer. „Gestern wäre es nicht möglich gewesen."

Und dann übt auch noch das persönliche Umfeld Druck aus: „Ein Kollege fragte, wann ich das Ganze denn nun verarbeitet hätte", sagt die 36-Jährige. Sie zuckt mit den Schultern. Ihr Ziel, nach Pfingsten wieder an den Arbeitsplatz zurückzukehren, war viel zu optimistisch. Jetzt hofft sie, im Sommer mit einer ersten Wiedereingliederung beginnen zu können. „Es ist noch ein sehr weiter Weg."

Aktuell sei sie allein vom Wäschewaschen völlig erschöpft. „Für einen Amtsantrag, den sie sonst in 15 Minuten erledigte, benötige sie aktuell zwei bis drei Tage. „Wenn mir etwas so Alltägliches solche Schwierigkeiten bereitet, bekomme ich Angst, wenn ich an meine Rückkehr ins Büro denke." Umso wichtiger finde es die 36-Jährige, dass alle wissen, dass sie sich nicht nur wegen des Sonnenwetters krank gemeldet habe – und dass die Heilung länger dauern werde.

Unsicherheit führt zu unangemessenen Reaktionen

Ilse Haase vom Opferschutzverein „Weißer Ring" spricht von Unwissenheit und Unsicherheit im Umfeld, die zu unangemessenen Reaktionen führen: „Komme ich mit einem Gips, hält mir jeder die Tür auf. Ein Trauma sieht man aber nicht", so Haase. „Vielen fehlt dafür das Verständnis."
Angehörige forderten oft, doch endlich mal das Vergangene sein zu lassen. „Das wäre ein Fehler", betont Therapeutin Koch-Stoecker. „Ich rate, viel Geduld aufzubringen und sich – wenn nötig – das Erlebte immer wieder anzuhören." Eine Traumatisierung zu kurieren sei nicht planbar. „Meist wissen die Betroffenen selbst am besten, wann der nächste Schritt möglich ist."

Ein Kollege sagte Svenja ganz ehrlich: „Ich wusste nicht, wie ich mit Dir umgehen sollte." Sie antwortet: „Ein kleiner Spaziergang, das hilft. Es ist so toll, einfach über banale Dinge zu sprechen oder um den Block zu gehen." Wenn die anderen auf sie zugingen, sei das gut. Sie selbst werde noch nicht zum Telefon greifen. „Eine Kollegin hat mir einfach Blumen geschickt. Darüber habe ich mich unsagbar gefreut."

Copyright © Haller Kreisblatt 2018
Texte und Fotos vom Haller Kreisblatt sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.