Vor einem Jahr verletzte ein Mann zwei Kreishaus-Mitarbeiter mit einem Messer

Nicole Hille-Priebe

Auf Tuchfühlung: Der Deeskalationsmarathon zwischen Angreifer und SEK dauerte mehrere Stunden. Auf diesem Foto steht Alexander K. im Kreishaus am offenen Fenster, um eine Zigarette zu rauchen. Er trägt ein Baseballcap. Die speziell geschulten SEK-Mitglieder warten auf einen günstigen Moment für den Zugriff. - © Patrick Menzel
Auf Tuchfühlung: Der Deeskalationsmarathon zwischen Angreifer und SEK dauerte mehrere Stunden. Auf diesem Foto steht Alexander K. im Kreishaus am offenen Fenster, um eine Zigarette zu rauchen. Er trägt ein Baseballcap. Die speziell geschulten SEK-Mitglieder warten auf einen günstigen Moment für den Zugriff. (© Patrick Menzel)
Geschafft: Beamte des SEK verfrachten Alexander K. in ein Fahrzeug, ihr Einsatz ist damit beendet. - © Patrick Menzel
Geschafft: Beamte des SEK verfrachten Alexander K. in ein Fahrzeug, ihr Einsatz ist damit beendet. (© Patrick Menzel)

Kreis Gütersloh. Der Schock saß tief bei den Beschäftigten und Besuchern des Kreishauses, nachdem Alexander K. vor einem Jahr zwei Mitarbeiter des Gesundheitsamts mit einem Messer angegriffen und einen von ihnen mit vier Stichen in den Oberkörper schwer verletzt hatte. Als sein Vorgesetzter ihm zur Hilfe eilen wollte, wurde auch er mit dem Messer am Kopf verletzt.

Wie sich später in der Gerichtsverhandlung herausstellen sollte, war der zur Tatzeit 27-jährige K. an paranoider Schizophrenie erkrankt und hatte an diesem Tag "dämonische Stimmen" gehört, die ihm sagten, dass der Mann vom Gesundheitsamt ihn für Jesus hielte und ihn deshalb ans Kreuz nageln wolle. "Ich müsse ihm nun zeigen, dass ich nicht so gut wie Jesus sei", erklärte K. vor Gericht. Nur wenige Monate zuvor hatte er bereits einen Mitarbeiter der Diakonie angegriffen und gewürgt.

Seit längerem von Wahnvorstellungen geplant, suchte er schließlich den 51-jährigen Mitarbeiter W. ohne Termin zur Mittagszeit auf, um sich beraten zu lassen. Das Gespräch endete mit der Empfehlung, sich in psychiatrische Behandlung zu begeben. Zehn Minuten später war der in Kasachstan geborene Gütersloher wieder da, zog das Messer und stach zu. Erst nach einem stundenlangen Verhandlungsmarathon konnte der Angreifer, der sich nach der Tat in dem Büro verbarrikadiert hatte, an jenem Tag Mitte März durch ein SEK-Team festgenommen werden. Nach seiner Festnahme wurde K. in die forensische Klinik Eickelborn eingewiesen, wo er heute kurz vor seiner ersten Anhörung steht.

Beherzt: Milovan Bogunovic sprang mutig ein, als er Schreie im Kreishaus hörte. - © Michael Schuh
Beherzt: Milovan Bogunovic sprang mutig ein, als er Schreie im Kreishaus hörte. (© Michael Schuh)

Dass keine weiteren Personen bei seinem Angriff verletzt wurden, war vor allem dem beherzten Eingreifen von Milovan Bogunovic zu verdanken, der zu diesem Zeitpunkt ein Stockwerk höher auf seinen Termin in einer anderen Abteilung des Kreishauses wartete, als er die Schreie hörte und sofort nach unten eilte.

Die Erlebnisse lassen den Helden aus Rheda-Wiedenbrück bis heute nicht los. "Ich versuche, damit abzuschließen, aber so etwas kann man nicht vergessen. Ich werde diese Sache nie vergessen." Als erster am Tatort, lenkte Bogunovic den psychisch verwirrten Angreifer zunächst mit einem Gespräch ab, so dass die Verletzten den Raum verlassen konnten. Er selbst lief im letzten Moment aus dem Büro, schloss die Tür von außen und hielt die Klinke fest - so lange, bis die Polizei eintraf.

Am liebsten würde er gar nicht mehr an diese Ereignisse denken, aber es sind nicht zuletzt körperliche Schmerzen, die ihn tagtäglich daran erinnern: Der 46-Jährige hat sich bei seinem selbstlosen Einsatz eine Knieverletzung zugezogen, die auch nach einer OP nicht besser geworden ist. "Ich stand damals so unter Adrenalin, dass ich das nicht sofort bemerkt habe."

Im Kreishaus herrschte noch lange Schockzustand. Während sein Vorgesetzter noch am Tattag seinen Dienst wieder antrat, musste der schwer verletzte Mitarbeiter W. notoperiert werden. "Er ist mittlerweile aber auch wieder im Dienst", sagt Landrat Sven-Georg Adenauer, der sich ansonsten eher zurückhalten möchte, wenn es um konkrete Konsequenzen aus diesem Fall geht. "Wir haben von der Polizei den Rat bekommen, keine Details über Veränderungen am Sicherheitskonzept zu veröffentlichen, weil diese Informationen eine Schwachstelle im System zur Folge hätten. Aber wir kümmern uns um das Thema, das ist ein fortlaufender Prozess."

Nicht zuletzt wegen der Ereignisse vor einem Jahr spielt das Thema Sicherheit auch bei der geplanten Erweiterung samt Umzugs des Jobcenters in das Kreishaus eine große Rolle. Dann sollen Beratungsschleusen verhindern, dass Kunden Zutritt zu den Büros der Jobcentermitarbeiter haben.

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