WertherStadt schafft Streuobstwiese als Ausgleich für umstrittenes Bauprojekt

Die Stadt hat an der Haller Straße ein großes Areal gekauft und es mit alten Obstbaumsorten bepflanzt. Es bietet der Natur nicht nur neue Lebensräume. Ohne das Gelände käme eine Bebauung des Blotenbergs nicht infrage.

Anja Hanneforth

Noch gehen die kleinen Obstbäumchen im Grün der Landschaft fast unter. Doch Werthers Umweltbeauftragte Dr. Nadine Dannhaus ist sich sicher, dass hier an der Haller Straße demnächst eine artenreiche Streuobstwiese entsteht. - © Anja Hanneforth
Noch gehen die kleinen Obstbäumchen im Grün der Landschaft fast unter. Doch Werthers Umweltbeauftragte Dr. Nadine Dannhaus ist sich sicher, dass hier an der Haller Straße demnächst eine artenreiche Streuobstwiese entsteht. © Anja Hanneforth

Werther. Früher wurden hier Weihnachtsbäume kultiviert und intensiver Ackerbau betrieben. Wirkliches Leben herrschte keines. Das ist seit 2018/19 anders. Seitdem hier unter anderem die Köstliche von Charneux, Freiherr von Berlepsch, der Finkenwerder Herbstprinz, Kaiser Wilhelm und Johanna Einzug gehalten haben, außerdem im Sommerhalbjahr eine Herde Schafe die Fläche beweidet, sind die ersten Blumen und Wildkräuter gewachsen, gehören Vögel und Insekten zu den regelmäßigen Besuchern. Genauso ist es gewollt.

Denn das 6.500 Quadratmeter große Grundstück an der Haller Straße, 2017 von der Stadt erworben und inzwischen in eine extensiv gepflegte Streuobstwiese umgewandelt, dient einem wichtigen Zweck: Es leistet den Ausgleich für den ersten Bauabschnitt des geplanten Wohnbaugebiets Blotenberg. Über Jahre hatte es zum Teil heftige Kritik an dem Bauvorhaben gegeben.

Stadt muss diesen Ausgleich schaffen

Wenn eine Stadt Gewerbe- oder Wohnbauflächen ausweist, dann darf sie das nicht einfach so. Sie muss der Natur ein Stück wiedergeben – einen sogenannten Ausgleich schaffen. So hat es der Gesetzgeber festgelegt. Immer wieder gibt es Streit zwischen Regierung und Naturschutzverbänden, wie groß solche Areale sein und welche Qualität sie haben müssen.

„Vieles ist hier möglich", erläutert Werthers Umweltbeauftragte Dr. Nadine Dannhaus. Als besonders wertvoll würden etwa die Anlage von Biotopen oder ein renaturierter Bachlauf gelten. Doch auch wie in diesem Fall eine Streuobstwiese bringe viele Punkte für das Öko-Konto einer Stadt. Diese Punkte sind wichtig, denn es gibt eine genaue Auflistung, wie viele Ökopunkte für welche Art von Flächenversiegelung nötig sind.

"Man muss rechtzeitig schauen, dass man überhaupt an solche Grundstücke herankommt"

Noch unter der Ägide von Werthers langjährigen Umweltbeauftragten Werner Schröder war die Fläche an der Haller Straße von der Stadt erworben und bepflanzt worden. „Man muss rechtzeitig schauen, dass man überhaupt an solche Grundstücke herankommt", schildert Nadine Dannhaus die Schwierigkeit. Landwirte würden nicht gern Flächen abgeben, und bei anderen Grundeigentümern wisse man oft nicht, dass sie verkaufen möchten. „Wir halten daher immer die Augen offen, selbst dann, wenn wir keine Bebauung planen. Bekommen wir mit, dass ein Grundstück zum Verkauf steht, und würde es sich für Ausgleichsmaßnahmen eignen, dann versuchen wir, mit dem Besitzer ins Gespräch zu kommen."

Ausgleich ist teuer. 17.000 Euro hat die Stadt für den Grunderwerb an der Haller Straße bezahlt, inklusive Nebenkosten. Der Rückbau einer vorhandenen Pflasterfläche und die Anlage der Streuobstwiese kosteten noch einmal rund 20.000 Euro.

Ein Glücksfallvfür die Stadt

Dennoch ist das Areal für die Stadt ein Glücksfall. Weil es eine stattliche Größe hat, auf der sich zusammenhängend eine Maßnahme gestalten lässt. Die Hanglage ist dabei kein Problem. Insgesamt 26 Obstbäume hat die Verwaltung hier vor zwei Jahren pflanzen lassen, ausschließlich alte Sorten. Äpfel wie der Rheinische Bohnapfel oder der Weiße Winterglockenapfel gehören dazu, Birnen wie Gellerts Butterbirne oder die Pastorenbirne, Pflaumen wie die Wangenheimer Frühzwetschge oder die Hauszwetschge und Kirschen wie die Hedelfinger Riesenkirsche oder Schneiders Späte Knorpelkirsche.

26 Obstbäume alter Sorten wie Gellerts Butterbirne, Finkenwerder Herbstprinz, Wangenheimer Frühzwetschge und Hedelfinger Riesenkirsche wurden auf der Fläche an der Haller Straße gepflanzt. Foto: Stadt Werther - © Stadt Werther
26 Obstbäume alter Sorten wie Gellerts Butterbirne, Finkenwerder Herbstprinz, Wangenheimer Frühzwetschge und Hedelfinger Riesenkirsche wurden auf der Fläche an der Haller Straße gepflanzt. Foto: Stadt Werther (© Stadt Werther)

Die gesamte Fläche wurde eingezäunt und zunächst mit Glatthafer eingesät. Aus gutem Grund. Denn nicht die Stadt kümmert sich um die Pflege der Fläche, sondern die Inhaber des Biohofs aus Ascheloh. An sie hat die Stadt das Grundstück nämlich verpachtet. Und da auf dem Hof alte Schafrassen gehalten werden, ziehen einige demnächst wieder zum Beweiden auf die Streuobstwiese in Werther. Der Pachtvertrag, so Nadine Dannhaus, sei zunächst befristet bis Ende 2023 abgeschlossen worden, verlängere sich aber jeweils um ein Jahr. „In ihm ist nur festgeschrieben, dass der Pächter sich um die Bäume kümmert und das Obst auch erntet."

Fläche bringt der Stadt rund 24.000 Ökopunkte ein

Am Ende des Grundstücks wurde zudem eine Landschaftshecke mit heimischen Sträuchern wie Haselnuss, Kornelkirsche, Weißdorn und Pfaffenhütchen angelegt – zusätzlich gut für das Punktekonto.

Alles zusammen hat die Fläche der Stadt rund 24.000 Ökopunkte eingebracht. Etwa 20.000 wären für den ersten Bauabschnitt des Wohngebiets Blotenberg nötig. „Wobei ein Teil bereits mit einer Grünfläche innerhalb des Gebiets ausgeglichen wird", so Nadine Dannhaus. Ein paar Punkte sind also noch übrig für das nächste Bauprojekt der Stadt. „Es ist immer gut, wenn das Punktekonto schon etwas gefüllt ist, bevor die nächste Maßnahme startet."

Sie erläutert, dass mit Aufstellung eines Bebauungsplans feststehen müsse, wo ausgeglichen wird. „Die Offenlegung von Gewässern und Renaturierung von Bachläufen bringt am meisten." Daher hat die Stadt auch bereits die Fühler ausgestreckt, was einen Ausgleich für den zweiten Bauabschnitt des Blotenbergs angeht: „Hier wird es eine Renaturierungsmaßnahme am Schwarzbach in Richtung Bielefelder Stadtgrenze geben", kündigt die Umweltbeauftragte an.

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