WertherBrutaler Mord: Kriminaltechnik überführt vor fast 300 Jahren zwei Brüder

Im Dezember 1726 wird die entsetzlich zugerichtete Leiche des 24-jährigen Daniel Müller am Wegesrand zwischen Spenge und Herford gefunden. Unser Gastautor erzählt eine Kriminalgeschichte, die für zwei Wertheraner mit grausamer Hinrichtung endet.

Johannes W. Glaw

Die Abbildung zeigt Johann Hermann Rennebaum (links) und seinen Bruder Johann Jobst im Gefängnis. - © Abhandlung von Consbruch
Die Abbildung zeigt Johann Hermann Rennebaum (links) und seinen Bruder Johann Jobst im Gefängnis. (© Abhandlung von Consbruch)

Werther. Nachdem 1726 der Verwalter des Gutes Werburg in Spenge plötzlich gestorben war, gab es bei der Bewerbung um dessen Nachfolge zwei Kandidaten. Die Wahl des Eigentümers, des Drosten von Münch, war schließlich auf Daniel Müller gefallen. Der nahm daraufhin dort Anfang Dezember 1726 seinen Dienst auf. Ihm war bei der Besetzung der Stelle Franz Heinrich Rennebaum unterlegen, der drei Jahre zuvor als Wachtmeister aus der preußischen Armee ausgeschieden war, einer von sechs Söhnen einer übel beleumdeten Familie aus Werther. Angesichts dieser Zurückweisung stiftete Rennebaum sowohl aus Rache als auch im Hinblick auf eine dann notwendige Neubesetzung des Postens zwei seiner Brüder an, den jungen Gutsverwalter umzubringen.

Am Abend des 5. Dezember 1726 erschien Johann Jobst Rennebaum (geboren 1708), ein gelernter Kaufmannsgehilfe, auf Gut Werburg. Dort gab er sich als Bediensteter des Gutsherrn aus. Einem gefälschten Schreiben zufolge sollte sich Müller schnellstens zu Herrn von Münch nach Herford begeben, um ihm 375 Reichstaler zu überbringen. Ungeachtet der Warnungen aus seinem Umfeld folgte der arglose Verwalter dieser Aufforderung, und die beiden Männer machten sich gegen 9 Uhr abends zu Fuß auf den Weg.

Mehr als 20 schwere Kopfwunden an der Leiche

Unterwegs schloss sich ihnen ein weiterer Mann an, der vorgab, den gleichen Weg zu haben. Es handelte sich um den Apothekergesellen Johann Hermann Rennebaum, den um zwei Jahre älteren Bruder von Johann Jobst. Als sie, nur etwa eine Viertelstunde entfernt, in der Nähe des Hofes Wichmann offenes Gelände erreichten, gab jeder der Gebrüder einen Pistolenschuss ab. Der einerseits von Schrot, andererseits von einer Kugel getroffene Daniel Müller versuchte noch zu fliehen, wurde aber eingeholt und von den nun blindlings mit den Kolben der beiden Waffen geführten Schlägen immer wieder am Kopf getroffen, bis er sich nicht mehr bewegte. Seine Leiche wies später mehr als 20 schwere Kopfwunden auf.

Am 12. August 1727 wurden die Brüder auf der Schildescher Heide hingerichtet. - © Abhandlung von Consbruch
Am 12. August 1727 wurden die Brüder auf der Schildescher Heide hingerichtet. (© Abhandlung von Consbruch)

Nachdem sie Müller seines Geldes beraubt und die Leiche in eine Hecke geschleppt hatten, flohen die Brüder zunächst nach Werther zu ihrer Familie und nahmen tags darauf den Weg nach Dissen. Nach der wenige Tage später erfolgten Festsetzung ihrer Familie wurden sie dort vom Bruder ihrer Mutter, dem Soldaten Johann Heinrich Rüter, aufgesucht, der sie auf Betreiben seiner Schwester mit Geld, Kleidung und Papieren ausstattete, damit sie sich nach Amsterdam absetzen konnten.

Gefunde Pistole weist der Polizei den Weg

Gleich nach Entdeckung der Leiche nahm die Polizei intensive Ermittlungen auf, und bald fanden sich sogar Zeugen, die die Rennebaum-Söhne nahe der Werburg gesehen hatten. Angesichts ihres Leumunds fand daraufhin eine Hausdurchsuchung sowohl bei den Eltern als auch bei dem verheirateten Bruder Franz Heinrich statt. Gefunden wurde dabei unter anderem eine Pistole, an deren Schaft genau jenes Holzstückchen fehlte, das am Tatort sichergestellt worden war. Damit waren die beiden verschwundenen Brüder nun dringend der Tat verdächtig, die übrigen Familienmitglieder zumindest der Mittäter- beziehungsweise Mitwisserschaft.

Die gesamte Familie wurde in der zweiten Dezemberhälfte 1726 von Soldaten der Bielefelder Garnison verhaftet und auf der Sparrenburg eingesperrt: der 66-jährige Vater Johann Jobst, die 52-jährige Mutter Margaretha, ihre drei noch in Werther lebenden Söhne Johann Ernst, Johann Heinrich und Franz Heinrich, wobei letzterer als ehemaliger Soldat in Militärgewahrsam genommen wurde. Außerdem dessen Ehefrau Catharine sowie zwei Dienstmägde, sogar der als Küster in Herford ansässige Sohn Johann Philipp.

In der Kneipe konnten die Brüder verhaftet werden

Alle leugneten, etwas über den Aufenthaltsort der beiden geflohenen Tatverdächtigen zu wissen. Aber behördlich abgefangene Briefe an die Eltern lieferten bald den entscheidenden Hinweis: Sie waren in Amsterdam. Mit Hilfe eines eigens nach Holland entsandten Vermittlers, der die beiden persönlich kannte, sowie des dortigen Magistrats konnten die beiden Brüder in kürzester Zeit in einer Hafenkneipe ausfindig gemacht werden. Sie ließen sich widerstandslos festnehmen und kamen zunächst in das Amsterdamer Stadtgefängnis.

Derweil liefen die Verhandlungen zur Auslieferung mit den holländischen Behörden. Schließlich wurden die Verdächtigen von der dortigen Polizei bis an die Grenze bei Lingen gebracht. Dort wurden sie von einem eigens aus der Bielefelder Garnison beorderten Kommando übernommen und sogleich verhört, leugneten aber beharrlich die Tat. Schließlich traf die militärische Einheit am 11. Februar 1727 unter Zulauf großer Teile der Bevölkerung in Bielefeld ein, und die Brüder wurden sogleich ins Gefängnis auf der Sparrenburg eingeliefert. Auch in den weiteren Verhören bestritten sie zunächst jegliche Schuld, räumten aber dann doch angesichts der vorliegenden Beweise den Raubmord ein: Zum Mord hätte sie ihr Bruder Franz Heinrich angestiftet, während der Raub des Geldes ihre eigene Idee gewesen sei; im Übrigen hätten auch ihre Mutter sowie ihre Schwägerin Kenntnis von dem geplanten Verbrechen gehabt.

Täter werden zum Tode durch das Rad verurteilt

Info

Die Abhandlung von Consbruch


• Schon bald nach der Hinrichtung der Gebrüder Rennebaum hat der am Verfahren unmittelbar beteiligte Bielefelder Justizrat Consbruch eine mehr als 100 Seiten umfassende Abhandlung über das damalige Geschehen unter Angabe aller damals gefertigten Akten verfasst, die die Grundlage dieser Darstellung bildet.
• Mit seinen Ausführungen verfolgte Consbruch aber nicht nur das Ziel, ein Stück zeitgenössischer Kriminalgeschichte festzuhalten, sondern zugleich auch eine moralisch-theologische Absicht. Zwei junge Männer, die angesichts einer soliden Ausbildung ein geordnetes, gottgefälliges Leben hätten führen können, werden aus niederen Beweggründen zu Räubern und Mördern.
• Nachdem die Tat mit Gottes Hilfe aufgeklärt, die Täter gefasst und verurteilt sind, bereuen beide, betreut von Geistlichen, nicht nur ihr Tun und ihren bisherigen Lebenswandel, sondern suchen in den letzten Tagen ihres Lebens den Weg zu Gott, den sie schließlich auch finden, so dass sie getrost in den Tod gehen.

Das Königlich-Preußische Criminal-Collegio in Berlin entschied, dass die Brüder Johann Jobst und Johann Hermann Rennebaum zum Tode durch das Rad verurteilt wurden. Bei dieser Hinrichtungsart wurde der Verurteilte auf dem Boden der Richtstätte fixiert, wobei die Gliedmaße hohl auf unterlegten Hölzern auflagen. Mit einem Wagenrad wurde dann der Körper bei lebendigem Leib zertrümmert. Die beiden sollten „zur wohlverdienten Straffe, andern aber zum Abscheu und Exempel mit dem Rade von unten auf vom Leben zum Tode gebracht und ihre Cörper aufs Rad geflochten" werden.

Der besonders entehrende Tod durch das Rad entsprach dabei durchaus der damals gültigen Halsgerichtsordnung, wobei die Vollstreckung „mit dem Rade von unten auf" – also beginnend mit den Unterschenkeln – als deutliche Verschärfung anzusehen ist, verbunden mit einem langsamen und äußerst schmerzvollen Todeskampf der Geräderten. Auch ihr Bruder Franz Heinrich wurde als Anstifter für den Mord vom Gericht zum Tode verurteilt, allerdings sollte er mit dem Schwert hingerichtet werden.

Weitere Familienmitglieder werden verurteilt

Wegen Mitwisserschaft und Begünstigung wurden zudem weitere Familienmitglieder verurteilt: die Mutter Margaretha zu drei Jahren Festungshaft im Spinnhaus in Berlin-Spandau (dort 1729 verstorben), Franz Heinrichs Ehefrau Katharina zu zwei Jahren Festungshaft ebendort, der Bruder Johann Heinrich zu einem Jahr Zuchthaus, der Onkel Johann Heinrich Rüter als Fluchthelfer zu einem Jahr Festungsarbeit in Spandau sowie die beiden Dienstmägde zu jeweils sechs Wochen Haft bei Wasser und Brot im Gefängnis der Sparrenburg. Um die dem Staat entstandenen Kosten zu decken, wurde überdies der Besitz der Familie eingezogen.

Alle Urteile wurden am 7. Juli 1727 durch König Friedrich Wilhelm I. von Preußen bestätigt, mit Ausnahme desjenigen gegen Franz Heinrich Rennebaum, wahrscheinlich weil er vormals Wachtmeister im preußischen Militär gewesen war. Auf Intervention des Königs wurde das Todesurteil nicht vollstreckt und sein Fall später noch einmal neu verhandelt. Er erhielt „nur" eine sechsjährige Festungshaft in Spandau.

Tausende Schaulustige verfolgten die Hinrichtung

Das ihnen Anfang August eröffnete Urteil nahmen die beiden Brüder gefasst entgegen, ebenso die Mitteilung, dass ihre Hinrichtung für Samstagmorgen, den 12. August 1727, festgelegt worden war. Nachdem sie am Vortag noch die Gelegenheit bekamen, im Gefängnis von ihren Eltern und Brüdern Abschied zu nehmen, wurden sie am nächsten Morgen, eskortiert von Soldaten und begleitet von vier Geistlichen, um 6 Uhr in der Frühe zu Fuß von der Sparrenburg zum Rathaus herabgeführt. Nach Verlesung des Urteils traten sie unter dem Gesang geistlicher Lieder ihren letzten, halbstündigen Weg, gesäumt von Tausenden von Schaulustigen, zum Richtplatz auf der Schildescher Heide an, wo sie der seit 1723 in Bielefeld amtierende Scharfrichter Conrad Andreas Voss mit seinen Gehilfen bereits erwartete.

Durch eine militärische Absperrkette vor der großen Zuschauermenge gesichert, wurde als erster der 19-jährige Johann Jobst Rennebaum „aufs Chavot geführt (...) und wurden also seine Glieder, von unten an, mit einem Rade zerstossen". Unmittelbare Augenzeugen waren gemäß einem Zusatz im Gerichtsurteil auch die Mutter und die Schwägerin, die dem Geschehen kniend und betend folgten. Anschließend ereilte auch seinen 21-jährigen Bruder Johann Hermann dasselbe Schicksal, bevor beide zur öffentlichen Zurschaustellung noch auf das Rad geflochten wurden.

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