Neue AusstellungMänner verschlingende Frauen: Werthers bekanntestes Museum meldet sich zurück

Mit „Familienbande – Conrad Felixmüller in Arrode“ meldet sich das Museum Peter August Böckstiegel in Werther aus dem Lockdown zurück.

Stefan Brams

1914 malt Conrad Felixmüller das Bild „Meine Schwester mit ihrem Mann“, das Peter August Böckstiegel und Hanna Müller zeigt. - © Wolfgang Rudolf
1914 malt Conrad Felixmüller das Bild „Meine Schwester mit ihrem Mann“, das Peter August Böckstiegel und Hanna Müller zeigt. © Wolfgang Rudolf

Werther-Arrode. Bereits im Jahr 2013 hat David Riedel dem aus Dresden stammenden Maler Conrad Felixmüller (1897–1977) eine kleine Ausstellung gewidmet. Damals noch in Peter August Böckstiegels Geburtshaus in Arrode. Jetzt, in der ersten Ausstellung nach der Lockerung des Corona-Lockdowns, präsentiert er den Schwager Böckstiegels erneut. Dieses Mal im Böckstiegel-Museum und in einer großen, 70 Werke umfassenden Werkschau mit dem Titel „Familienbande – Conrad Felixmüller in Arrode".

Es ist eine gute Entscheidung, Felixmüller erneut Raum zu geben. Denn interessant ist der Künstler, der der „zweiten Generation" des deutschen Expressionismus zugerechnet wird, nicht nur wegen seiner verwandtschaftlichen Beziehung zu Böckstiegel, der dessen Schwester Hanna 1919 heiratete, ihrer lang anhaltenden Künstlerfreundschaft und der Beziehung Felixmüllers zum Bielefelder Kunstsammler Rudolf Feldmann, sondern vor allem wegen seiner rasanten, eigenwilligen künstlerischen Entwicklung in den Jahren 1912 bis 1930, die im Zentrum der fein komponierten Schau steht.

David Riedel, Leiter des Museums Peter August Böckstiegel, vor Conrad Felixmüllers „Selbstbildnis mit Frau“ aus dem Jahr 1927. - © Wolfgang Rudolf
David Riedel, Leiter des Museums Peter August Böckstiegel, vor Conrad Felixmüllers „Selbstbildnis mit Frau“ aus dem Jahr 1927. (© Wolfgang Rudolf)

Große Umtriebigkeit

Zu entdecken ist ein Mann, der sich schon als Kunstschüler selbstbewusst aufmacht, seine Werke in Galerien zu platzieren. Museumsleiter Riedel attestiert ihm „große Umtriebigkeit" und ein „Tausendsassa" zu sein. Ein erstes kleines Selbstbildnis gleich eingangs der Schau strahlt genau das bereits aus.

Sehr schön arbeitet Riedel in der Ausstellung, in der die Druckgrafik überwiegt, heraus, wie Felixmüllers Stil zunehmend expressiver, ekstatischer wird, wie der westfälische Expressionist Böckstiegel ihn auf diesem Weg beeinflusst. 1914 setzt Felixmüller ihn in dem großformatigen Ölbild „Meine Schwester mit ihrem Mann" großartig in Szene. In seinem druckgrafischen Werk entwickelt er fortan eine zunehmend harte, kubistische Formensprache, immer wieder wird Hanna zu seinem Motiv. Felixmüller hat Erfolg mit seinem Werk, kann von seiner Kunst leben.

Bis 1924 KPD-Mitglied

In den 20er-Jahren – ausgelöst durch eine mehrwöchige Reise ins Ruhrgebiet – wendet sich der Künstler verstärkt den arbeitenden Menschen in der Industrie- und Zechenlandschaft zu. In „Liebespaar am Firmentor" und „Liebespaar im Kohlerevier" (1921) wird seine mitfühlende Bewunderung für diese Menschen sichtbar. Politisch engagiert sich Felixmüller in dieser Zeit in der KPD (bis 1924), begründet die avantgardistischen Künstlergruppen „Gruppe 17" und „Sezession Gruppe 1919" mit.

Info
Zu sehen ist die Schau ab Samstag, 
20. März, bis zum 
27. Juni. Geöffnet: samstags und sonntags, 10–18 Uhr.

Einlass nur nach vorheriger verbindlicher Online-Terminreservierung unter www.museumpab.de (ab 16. März).

Als Begleitbuch zur Ausstellung ist unter dem Titel „Conrad Felixmüller an Rudolf Feldmann" der Briefwechsel zwischen dem Maler und seinem Sammler erschienen. Das Buch (20 Euro) versammelt auch Bilder aus der Ausstellung.

Ab 1924 werden seine Bilder ruhiger. Er bricht mit seinem expressiv-ekstatischen Stil, hält diese Ausdrucksform für überkommen, übermalt Werke, zerstört sie oder nutzt ihre Rückseiten für neue Arbeiten. Riedel umschreibt den ab 1924 bei ihm nun vorherrschenden Malstil als „elegante Sachlichkeit". Sehr schön nachzuvollziehen ist diese Verwandlung in einen Gesellschaftsmaler in seinem „Selbstbildnis mit Frau" aus dem Jahr 1927, das einen saturierten, erfolgreichen Künstler eng tanzend mit seiner Gattin zeigt.

Männer verschlingende Frauen

Harmonie und eine gewisse Lieblichkeit ziehen in sein Werk ein, nicht nur wenn er seine beiden Söhne zeichnet. Riedel stellt diesen Bildern aus der zweiten Hälfte der 20er-Jahre erotisch aufgeladene Szenen aus den frühen 20ern gegenüber, in denen Felixmüller Frauen als starke, Männer geradezu verschlingende Wesen zeigt. Am Ende der Schau wird Felixmüller als Landschaftsmaler sichtbar. Schön, aber irgendwie harmlos wirken viele dieser Bilder. Welch ein Kontrast zu den frühen Arbeiten.

Felixmüller, der von den Nazis als „entarteter Künstler" diffamiert wird, lebt nach der Befreiung vom Nationalsozialismus in der DDR, wo er nicht richtig ankommt. 1967 siedelt er nach Westberlin über. Im Untergeschoss gibt Riedel ein paar Einblicke ins Spätwerk. Die Kraft der frühen Arbeiten hat das nicht mehr. 1977 stirbt Felixmüller. In Arrode kann er nun erneut erkundet werden. Es lohnt sich.

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