WertherSchnipp, schnapp Corona-Mähne ab: Friseurin öffnet um Mitternacht

Aynur Ferah öffnete ihren Friseursalon bereits in der Nacht um 0,01 Uhr. Mit einem so großen Andrang hat sie nicht gerechnet. Denn eigentlich war der Aufruf zum „Night-Cut“ im Internet ein Spaß.

Anke Schneider

Noch ein paar Sekunden, dann ist sein Termin. Lars Jacobs ist der zweite Kunde der Nacht. Die Strähnen fallen ihm bereits über die Augen. Doch Rettung naht. - © Anke Schneider
Noch ein paar Sekunden, dann ist sein Termin. Lars Jacobs ist der zweite Kunde der Nacht. Die Strähnen fallen ihm bereits über die Augen. Doch Rettung naht. © Anke Schneider

Werther. Heute durften die Friseure nach monatelanger Durststrecke wieder öffnen. Aynur Ferah, Inhaberin des Salons „Schöne Haare" an er Ravensberger Straße startete eine Premiere. Über die sozialen Netzwerke Facebook und Instagram bot sie einen „Night-Cut" (Nacht-Schnitt) an, wie er in Großstädten schon längst üblich ist. Mit vielen Kunden hatte sie eigentlich nicht gerechnet. Die Inhaberin des Salons sollte sich damit allerdings täuschen.

Sechs Herren und zwei Damen hatten sich für die Nacht angemeldet. Der jüngste war ein 16-jähriger Schüler, der sich um 2.30 Uhr aus dem Bett quälte, um seine Frisur wieder in Form bringen zu lassen. Der erste Kunde in der Nacht war allerdings Benjamin Finke aus Borgholzhausen. Überglücklich, den ersten Termin erwischt zu haben, ließ er sich in den Sessel gleiten.

Benjamin Finke ist der erste Kunde nach dem Lockdown. Aynur Ferah macht sich ans Werk. - © Anke Schneider
Benjamin Finke ist der erste Kunde nach dem Lockdown. Aynur Ferah macht sich ans Werk. (© Anke Schneider)

„Wenn das noch länger gegangen wäre, hätte ich ausgesehen wie Reinhold Messner", sagte er. „Ich bin froh, dass die Matte endlich runterkommt." Bei seinem achtjährigen Sohn habe seine Frau die Haare geschnitten. „Das sah so furchtbar aus, dass mir klar war, dass ich lieber warten werde", sagt Benjamin Finke mit einem Augenzwinkern.

Randvoller Terminkalender

Der Haarschnitt des Borgholzhauseners wurde um 0.13 Uhr durch das Klingeln des Telefons unterbrochen. Am anderen Ende meldete sich ein Mann mit „Christian von gegenüber". Er hatte gesehen, dass im Salon Licht brannte und fragte nach einem Termin. Aynur Ferah blätterte gemeinsam mit ihrer Freundin Anna Bobowaka in ihren randvollen Terminkalender. „Im März ist nichts mehr zu machen", stellte sie fest. Also bekam „Christian von gegenüber" noch am gleichen Tag einen Termin um 5 Uhr morgens.

„Ich hatte eigentlich gedacht, dass ich mich noch zwei Stunden hinlegen kann, bevor wir heute um 8 Uhr regulär den Salon öffnen", seufzte Aynur Ferah. Daraus wurde aber nichts. „Zum Glück ist Anna da", so die Friseurin. Ihre Freundin ist zwar keine Friseurin, sondern im Gesundheits- und Fitnessbereich tätig, hatte aber angeboten, den Alleinunterhalter zu geben, damit bei Aynur Ferah keine Müdigkeit aufkommt.

Um 0.35 Uhr wurde Benjamin Finke aus dem Stuhl entlassen – frisch frisiert und gestylt. „Ich mache in dieser Nacht nur Haarschnitte, keine Dauerwellen oder Farbe", berichtete Aynur Ferah. Das dauere viel zu lange. Der nächste Kunde war Lars Jacobs aus Bünde. Er kennt die Friseurin privat. Auch er zeigte sich überglücklich, dass seine blonde Mähne wieder in Form gebracht wird. Dafür reiste der 50-Jährige gerne aus Bünde an.

Um 0.13 klingelt das erste Mal das Telefon. Aynur Ferah und Anna Bobowska schauen nach einem freien Termin. Foto: Anke Schneider - © Anke Schneider, HK
Um 0.13 klingelt das erste Mal das Telefon. Aynur Ferah und Anna Bobowska schauen nach einem freien Termin. Foto: Anke Schneider (© Anke Schneider, HK)

In den kommenden Tagen wird im Salon „Schöne Haare" wie am Fließband gearbeitet. Reichen wird das aber nicht, denn das neue Hygienekonzept sieht vor, dass sich auf 20 Quadratmetern Salonfläche ein Kunde und ein Friseur aufhalten dürfen. Bei einer Salongröße von 120 Quadratmetern und einem elfköpfigen Team könnte sich nur ein Kunde im Laden aufhalten. „Wir werden also ein Schichtsystem einführen, damit ich niemanden entlassen muss", sagt Aynur Ferah.

Bis dahin werden die Öffnungszeiten ausgedehnt. „Je nach Bedarf auf die Abende und den Samstagnachmittag", überlegte Aynur Ferah noch in der Nacht. Zunächst ist sie jedoch erst einmal glücklich, überhaupt wieder arbeiten zu dürfen. Sie hofft inständig, dass es keinen weiteren Lockdown geben wird.

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.