Corona-Kontaktverbot: Was sind die Spätfolgen für Kinder und Jugendliche?

Björn Fülbier und Simone Niemann vom Jugendzentrum kümmern sich seit Monaten um Kinder und Jugendliche, die stärker als Erwachsene unter Kontaktentzug leiden. Um derentwillen hoffen sie, dass der harte Lockdown bald ein Ende hat.

Jonas Damme

Björn Fülbier und Simone Niemann kümmern sich derzeit per Whatsapp, Instagram und Telefon um die Jugendlichen, vor allem um das Stammpublikum des Funtastic. Wenn nötig, finden an der umfunktionierten Tischtennisplatte Vier-Augen-Gespräche statt. Foto: Jonas Damme - © Jonas Damme
Björn Fülbier und Simone Niemann kümmern sich derzeit per Whatsapp, Instagram und Telefon um die Jugendlichen, vor allem um das Stammpublikum des Funtastic. Wenn nötig, finden an der umfunktionierten Tischtennisplatte Vier-Augen-Gespräche statt. Foto: Jonas Damme (© Jonas Damme)

Werther. „Nach der Veröffentlichung vergangene Woche hatte ich innerhalb von zehn Minuten erste Nachrichten", sagt Björn Fülbier, Leiter des Jugendzentrums. „Das geht von ’Ich brauch’ Hilfe bei Mathe’, bis ’Ich komme hier nicht raus, ich glaube ich bin depressiv!’" Das Funtastic-Team bemüht sich seit vielen Monaten, die psychischen Schäden, die soziale Vereinsamung auslösen kann, aufzufangen.

Das Juz ist seit Mitte Dezember zum wiederholten Male geschlossen. Vor allem durch die sozialen Medien bleiben die Pädagogen mit den Kindern und Jugendlichen in Kontakt. Aber auch Telefonate helfen. Rund 25 Besucher täglich gehören zum Stammpublikum, schätzt Björn Fülbier. Eigentlich habe aber fast jeder schon mit dem Jugendzentrumsteam zu tun gehabt. „Von acht bis 27 Jahren kennen uns in Werther 90 Prozent", schätzt er. „Wir sind schon sehr bekannt im Ort."

„Alle sagen, jetzt geht es an die Substanz"

Das Team merkt vermutlich wie kaum sonst jemand, was Corona und Lockdown mit den Minderjährigen in Werther machen. Die Einschätzung: Für Kinder und Jugendliche ist das ganze grundsätzlich schwerer auszuhalten, als für Erwachsene, weil sie ihre Sozialkontakte stärker pflegen und brauchen. Und: Der neuerliche Lockdown trifft viele besonders hart. „Alle sagen, jetzt geht es an die Substanz", sagt Björn Fülbier. „Gerade weil man sich nur mit einer Person treffen kann. Die haben mit elf bis 17 Themen, die hat man mit Mitte Dreißig nicht mehr." Auch die Smartphones könnten das nicht auffangen. „Die sozialen Medien reichen da nicht aus." Das gelte für alle Jugendlichen.

Tatsächlich sei das Klientel des Juz breit gestreut. „Wir haben alles, von Jugendlichen, die auf dem Sofa schlafen, bis zu kleinen Königen, die alles bekommen", erläutert der Pädagoge. „Und es betrifft alle, egal was für Familien sie haben – wo Eltern und Geschwister sich nicht kümmern können, merken wir es aber natürlich besonders stark."

Die Tür des AWO-Kinder- und Jugendhauses Funtastic bleibt vorerst geschlossen. - © Anja Hanneforth, HK
Die Tür des AWO-Kinder- und Jugendhauses Funtastic bleibt vorerst geschlossen. (© Anja Hanneforth, HK)

Tatsächlich, da sind sich Björn Fülbier und Kollegin Simone Niemann einig, könnte der Lockdown bei vielen Folgen hinterlassen. „Wie sollen sie derzeit Grenzen ausloten?", fragt Simone Niemann. Durch Gruppendynamik lerne man ja erst, Teil der Gesellschaft zu sein. Die Pädagogen befürchten, dass ein Entwicklungsschritt ausbleiben könne. „Da gehe ich ganz stark von aus", sagt Björn Fülbier.

„Die, die schon vorher auf der Strecke blieben, werden weiter abgehängt"

Dazu komme, dass das Homeschooling die sozialen Nachteile noch verstärke. „Es gibt Jugendliche, die melden sich morgens am Rechner an und legen sich dann wieder hin", weiß Björn Fülbier. „Die rutschen einfach durch." Ein Lehrer könne so etwas per Videokonferenz nicht kontrollieren. Außerdem gebe es mittlerweile auch technische Möglichkeiten, um sich aus dem Fernunterricht heraus zu mogeln. „Die, die es sowieso gut haben, bei denen geht es weiter voran, aber die, die schon vorher auf der Strecke blieben, werden weiter abgehängt", so der 38-Jährige. Außerdem habe nach wie vor nicht jede Familie die technische Ausstattung für Homeschooling. „Wir haben hier jeden Tag Anfragen, ob wir Hausaufgaben ausdrucken können", bestätigt Simone Niemann.

„Der Bedarf ist wahnsinnig groß. Wir würden gerne so schnell wie möglich wieder aufmachen. Die Jugendlichen machen alles, um hier mal ne Stunde reinzukommen", klagt der Hausleiter. Innerhalb ihrer begrenzten Möglichkeiten versuchen die Pädagogen natürlich alles, um Missstände aufzufangen. „Im Notfall machen wir ein Vier-Augen-Gespräch", sagt Björn Fülbier. Allerdings sei es schwer, Jugendliche mit großen Problemen zu bewegen, in die Einrichtung zu kommen. „Wenn jemand sagt, er wird depressiv, kann ich ihm nur anbieten, vorbeizukommen. Wenn er das nicht macht, kann ich nichts machen."

„Aber man fischt ja komplett im Trüben"

Bei ganz schlimmen Fällen könne er noch auf Kinderschutzzentren und Kreisjugendpfleger zurückgreifen. „Aber man fischt ja komplett im Trüben", erklärt Simone Niemann die Probleme beim Versuch, herausfinden, wo es wirklich hakt. „Oft legt man auf und hat ein ganz ungutes Gefühl."

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