Lockdown geht Werthers Einzelhandel an die Substanz

Anke Schneider

In der Spielwarenwelt von Agnes Nollmann wird derzeit öfter mal das Schaufenster umdekoriert. - © Anke Schneider, HK
In der Spielwarenwelt von Agnes Nollmann wird derzeit öfter mal das Schaufenster umdekoriert. (© Anke Schneider, HK)

Werther. Wann kann ich endlich wieder in Urlaub fahren? Wann finden wieder Konzerte und Partys statt? Wie kann ich die 15-Kilometer-Regel umgehen? Diese Fragen umtreiben viele Menschen. „Jede neue Verordnung wird hinterfragt, und immer wieder werden Schlupflöcher gesucht“, sagt Frank Strunk vom Sportgeschäft Strunk in Werther. Er kann die Leute nicht verstehen, die obendrein nach Winterberg fahren. „Ich bin ja ein positiv denkender Mensch, aber wenn ich die Zahlen sehe dann weiß ich, dass es noch viel zu viele Idioten gibt“, sagt er. Und mit dieser Vermutung ist er in Werthers Geschäftswelt nicht alleine.

„Nach 35 Jahren aufgeben will ich auf keinen Fall“

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Urlaube, Partys und die Einschränkung der persönlichen Kontakte sind nicht die Probleme, die die Geschäftsleute haben. Bei vielen von ihnen geht es inzwischen ums Überleben. „Das ausgefallene Weihnachtsgeschäft hat ein riesen Loch gerissen“, sagt Strunk. Der Geschäftsmann geht nicht davon aus, Anfang Februar wieder öffnen zu können. Mit Hilfe der staatlichen Unterstützung will er nun versuchen, den Kopf über Wasser zu halten. „Zum Glück habe ich eine ganze Reihe von Sportvereinen hier in Werther, die mir die Stange halten“, sagt Frank Strunk.

Die Kunden können das Geschäft telefonisch, per E-Mail oder über die Sozialen Netzwerke erreichen. Sie können Waren abholen oder sich liefern lassen – auch mehrere Artikel zur Auswahl. „Nach 35 Jahren aufgeben will ich auf keinen Fall“, so Strunk weiter.

Bei der Spielwarenwelt hat das fehlende Weihnachtsgeschäft mehr als nur ein Loch gerissen. „Für uns ist Weihnachten existenziell, das Weihnachtsgeschäft macht 40 Prozent des Jahresumsatzes aus“, sagt Inhaberin Agnes Nollmann.

„Es war alles ausgefüllt und weggeschickt“

Auch sie versucht, ihre Waren per Telefon, E-Mail oder über die Homepage an den Mann oder die Frau zu bringen. Wenn niemand im Laden ist, wird der Anruf auf das Handy umgeleitet. „Wir dekorieren auch öfter das Schaufenster um, damit die Leute sehen, was wir im Sortiment haben“, sagt sie. Im ersten Lockdown habe das gut funktioniert, dieses Mal aber nicht.

Wie viele andere hat auch Agnes Nollmann die Dezemberhilfen beantragt. „Es war alles ausgefüllt und weggeschickt, da hat die Regierung die Voraussetzungen für die Hilfen geändert“, sagt sie. Das sei vor ein paar Tagen passiert, und zwar klammheimlich. Viele Geschäftsleute würden die Hilfen nun gar nicht mehr bekommen. „Wer Aussichten hat, muss den Antrag neu stellen. Es gibt aber noch gar keine Formulare dafür.“

Agnes Nollmann hat sich auf die Aussage Jens Spahns im Herbst des vergangenen Jahres verlassen. „Es wird keine neuen Schließungen geben, hat er gesagt.“ Die Äußerung fliegt dem Bundesgesundheitsminister mittlerweile häufiger um die Ohren. Nollmann zumindest orderte die Waren für das bevorstehende Weihnachtsgeschäft, die nun im Lager verstauben. „Ich bin wirklich aufgeschmissen“, sagt die Geschäftsfrau. Noch könne der Geschäftsbetrieb aus Rücklagen und privaten Mittel bestritten werden, aber nicht mehr lange.

Wenn das Ostergeschäft auch noch wegfalle, sehe es schlecht aus. „Viele werden den Februar nicht mal mehr durchhalten, und das betrifft nicht nur die Kleineren, sondern auch die Großen.“

Eine Plattform für den Austausch wäre wünschenswert

Agnes Nollmann hat darüber nachgedacht, einen Online-Verkauf zu starten. „Das ist aber mit einem enormen Zeitaufwand und mit Kosten verbunden“, sagt sie. Derzeit drehe man schließlich jeden Cent mehrmals in der Hand, bevor man ihn ausgebe. Was die Geschäftsfrau sich wünschen würde, wäre eine Plattform, auf der sich Wertheraner Einzelhändler austauschen können. „Dann würde man vielleicht auch Tipps für die Beantragung der Hilfen und andere wichtige Informationen erhalten und weitergeben können.“

Die Modebranche kann auf dieses wechselnde Öffnen und Schließen besonders schlecht reagieren, und das bringt Anita Rauffmann vom Modehaus Sudfeld an den Rand der Verzweiflung. „Als Jens Spahn im Herbst sagt, es wird keine weiteren Schließungen geben, habe ich natürlich Winterware bestellt“, sagt sie. Die hängt nun im Laden und verliert jeden Tag an Aktualität und Wert. Zurückgeben kann sie die Waren wegen des Lockdowns nicht. „Ich kann es nur weit unter dem Einkaufspreis verkaufen“, sagt die Geschäftsfrau.

„Ich weiß wirklich nicht, was ich machen soll“

Über verschiedene Messenger und Soziale Netzwerke versucht sie, die Kleidungsstücke an den Mann oder die Frau zu bringen. Stammkunden dürfen auch mehrere Stücke zur Auswahl mitnehmen, denn Kleidung muss angefasst und anprobiert werden. „Verschicken kann ich die Ware aber nicht, denn sonst müsste wegen eventueller Rücksendungen immer jemand im Laden sein“, sagt sie. Die Paketboten seien ohnehin vollkommen überlastet und kämen zu allen denkbaren Zeiten.

„Mein Problem ist, dass ich Ende des Monats Ware ordern muss“, so Anita Rauffmann. Und zwar nicht für das Frühjahr, sondern bereits für den Sommer und Herbst. „Kein Mensch weiß, was bis dahin sein wird“, sagt die Geschäftsfrau. „Ich weiß wirklich nicht, was ich machen soll.“

Stammkunden halten zur Stange

Von den Regierungshilfen hält Anita Rauffmann wenig. „Kaum jemand kann das beantragen“, sagt sie. Und wenn man die Voraussetzungen erfülle, könne man damit vielleicht die Fixkosten decken. „Wir leben aber vom Umsatz“, sagt sie. Die Lieferanten wüssten inzwischen auch nicht mehr weiter, so Anita Rauffmann. „Große Wäschehersteller machen ihre Unternehmen zu.“ Kaum jemand ahne, was für Kettenreaktionen der Lockdown auslöse. „Es ist schwer, zuzusehen, wie manche Leute ihr Privatleben weiter ohne Einschränkungen gestalten und nach Winterberg fahren.“

„Ich freue mich sehr über meine Stammkunden, die weiter zur Stange halten“, sagt Anita Rauffmann weiter. Den fehlenden Umsatz könne sie aber nicht auffangen. Für die meisten Einzelhändler sei so eine Situation nicht durchhaltbar. „Die Regierung weiß scheinbar nicht, wie der Handel funktioniert. So langsam geht es an die Substanz, und das hier kann nicht die Lösung sein.“

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