Als das Geld knapp wurde, wurde Böckstiegel kreativ – aber nicht ganz legal

Alexander Heim

Notgeld für die Stadt Hameln - Schein Nummer vier: Der Rattenfänger fordert seinen Lohn. - © Alexander Heim
Notgeld für die Stadt Hameln - Schein Nummer vier: Der Rattenfänger fordert seinen Lohn. (© Alexander Heim)

Werther-Arrode. Man mag es sich aus heutiger Sicht kaum mehr vorstellen wollen – doch es gab eine Zeit, in der den Deutschen im wahrsten Sinne des Wortes das Geld ausging. In den 1920er Jahren war das. Und vor allem das Kleingeld – also die Münzen – machten sich rar.

Der Staat reagierte und gab die Erlaubnis, so genanntes Notgeld zu drucken. Ein Umstand, den sich auch der Wer-theraner Künstler Peter August Böckstiegel zu Nutzen machte. So jedenfalls hat es Lukas Koch, Mitarbeiter im Kreisarchiv in Gütersloh, für die jüngste Ausgabe des Heimatjahrbuchs für den Kreis Gütersloh recherchiert.

Und er ist nicht der Einzige, der dem Notgeld nachgespürt hat. Gleich drei Artikel widmen sich dieser besonderen Phase der damaligen Weimarer Republik. Während Johannes Glaw auf die Inflationszeit zwischen 1918 und 1923 im gesamten Kreis Gütersloh schaut, hatte sich Manfred Beine dem „Rietberger Notgeld von 1921" verschrieben.

„Das war ziemliche Pionierarbeit"

Mit Lukas Koch war der Jüngste unter den drei Autoren schließlich auf das Notgeld der Stadt Hameln gestoßen, das Peter August Böckstiegel gestaltet hatte. „Das war ziemliche Pionierarbeit", weiß auch David Riedel, Leiter des Museums Peter August Böckstiegel, um den besonderen Einsatz des 30-Jährigen. „Es ist das erste Mal, dass dazu etwas gedruckt wurde", fügt er an.

Akribische Arbeit in den Archiven in Hameln und Detmold war dem Beitrag vorausgegangen. „Anschließend hat Lukas Koch mir die Quellen gezeigt, die er in den verschiedenen Archiven gefunden hat", erinnert sich David Riedel.

Wie der Wahl-Dresdner Peter August Böckstiegel im Jahr 1921 an den Auftrag zur Gestaltung des Hamelner Notgeldes gekommen war? Dazu hat David Riedel eine recht plausible Erklärung. „Peter August Böckstiegel hat ja immer beste Kontakte gehabt", so der Museumsleiter. „Und er war jeden Sommer hier. Es war nichts Ungewöhnliches in dieser Zeit, dass man Künstler um solche Arbeiten bittet", erläutert David Riedel. Wie genau allerdings der Kontakt zwischen Böckstiegel und der Stadt Hameln zustande gekommen war – das hat auch der Mitarbeiter im Kreisarchiv nicht abschließend recherchieren können.

Humorvoll und kreativ

Fest steht: Bereits von dem Ersten Weltkrieg hatte sich Peter August Böckstiegel der Künstlergruppe „Rote Erde" angeschlossen, die sich mit der Erstellung von Gebrauchsgrafiken befasste. Humorvolle und kreative Postkarten etwa habe er gestaltet. „Das zeichnet auch die Scheine von 1921 aus", so Riedel weiter.

„Es war ganz bestimmt keine wirtschaftlich rosige Zeit", ist David Riedel überzeugt, auch wenn Böckstiegel Anfang der 1920er Jahre wohl künstlerisch recht erfolgreich gewesen war. Wenn man nicht auf großem Fuß leben konnte, war man dennoch gezwungen, etwas hinzuzuverdienen. „In Bielefeld war er ja gut bekannt in der Zeit", führt David Riedel aus. Zudem habe Peter August Böckstiegel immer versucht, die Kreise weiter zu ziehen und seinen Namen bekannter zu machen.

David Riedel, Leiter des Museums Peter August Böckstiegel, freut sich über die sechs kunstvoll gestalteten Hamelner Notgeld-Scheine, die seit Kurzem im Museum in Arrode ausgestellt sind. Nun hat zudem Lukas Koch, Mitarbeiter im Kreisarchiv Gütersloh, dazu näher geforscht. Fotos: Alexander Heim - © Alexander Heim
David Riedel, Leiter des Museums Peter August Böckstiegel, freut sich über die sechs kunstvoll gestalteten Hamelner Notgeld-Scheine, die seit Kurzem im Museum in Arrode ausgestellt sind. Nun hat zudem Lukas Koch, Mitarbeiter im Kreisarchiv Gütersloh, dazu näher geforscht. Fotos: Alexander Heim (© Alexander Heim)

Scheine beschlagnahmt

Humorvolles und Kreatives für die Stadt Hameln entwickeln: Da lag es auf der Hand, dass sich Peter August Böckstiegel der Sage des Rattenfängers zuwenden würde. Ganz legal war die Sache nicht. Denn eigentlich hatte der Magistrat der Stadt Hameln gar keine Berechtigung zur weiteren Herausgabe von Notgeld. Wie Lukas Koch recherchiert hat, erklärte der Preußische Minister für Handel und Gewerbe bereits in einem Rundschreiben vom 3. Mai 1921, dass „die Herausgabe weiteren Notgeldes und dessen weiterer Umlauf unnötig sei". Wollte man es dennoch herausgeben, hatten die Offiziellen eine Genehmigung einzuholen. Dies versuchte der Magistrat, doch die Genehmigungen wurden verweigert.

Für die Stadt war das in Umlauf bringen wohl auch deshalb lukrativ, weil sich rasch eine Sammelleidenschaft für das hübsch gestaltete Notgeld entwickelt hatte. Sechs Scheine in 100.000 Serien – das war der Auftrag, mit dem Böckstiegel betraut war. „Es handelt sich damit um die Druckgrafik des Künstlers mit der eindeutig höchsten Auflage", sagt Lukas Koch.

Am 22. August 1921 kündigte Peter August Böckstiegel dem Magistrat an, seine Entwürfe versandt zu haben. Drei Tage später erhielt er eine Antwort samt Änderungswünschen. Unter anderem erhielt Böckstiegel damit auch den Text zugestellt, der auf den Rückseiten einheitlich zu lesen sein sollte. Der Nennwert der Scheine betrug 50 Pfennige.

Im November 1921 waren bereits 30.000 Serien der sechs Scheine mit den Motiven der Rattenfänger-Sage gedruckt. Erneut, ohne eine Genehmigung zu haben. Für den Hamelner Magistrat endete das nicht gut. Am Weihnachtstag 1921 nämlich wurden alle im Besitz der Stadt Hameln befindlichen Notgeldscheine beschlagnahmt. Und Hamelns Bürgermeister? Sein weiteres Schicksal lässt sich im Heimat-Jahrbuch nachlesen.

Die Sage vom Rattenfänger

„Gutschein der Stadt Hameln über 50 Pfennig" ist auf allen von Peter August Böckstiegel gestalteten Notgeld-Scheinen einheitlich zu lesen. Nicht Schwarz auf Weiß, sondern Rot und Blau auf Grün. Dazu einige Blumen-Motive – fertig war Teil eins des kunstvoll gestalteten Geldscheins. ´Auf sechs Scheinen wird in Kürze die Sage um den Rattenfänger von Hameln erzählt, beginnend mit der „Rattenplage" über „Der Rattenfänger bietet dem Magistrat seine Hilfe an" bis hin zum „Auszug mit den Ratten". Rot und Blau sind dabei dominierende Farben. „Der Rattenfänger fordert seinen Lohn von Magistrat" ist Schein Nummer vier betitelt, auf dem Zwistigkeiten deutlich werden. „Fluch des Rattenfängers" lautet der Titel des fünften Scheins, der – anders als die anderen Motive – hochformatig angelegt ist. Wie dieser Schein ist auch der letzte in Rot, Blau und Schwarz gehalten. Mit „Rattenfänger entführt die Kinder" endet die kleine Serie.

Copyright © Haller Kreisblatt 2021
Texte und Fotos vom Haller Kreisblatt sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.