Host mi? Asylbewerberin soll in ihrer Sprachprüfung Bayerisch verstehen

Anke Schneider

Die 26-jährige Pakistanerin ist an dem Hörteil der B2-Prüfung gescheitert, weil bayrisch gesprochen wurde. - © Anke Schneider, HK
Die 26-jährige Pakistanerin ist an dem Hörteil der B2-Prüfung gescheitert, weil bayrisch gesprochen wurde. (© Anke Schneider, HK)

Werther. Ameeta (Name von der Redaktion geändert) ist eine junge Frau aus Pakistan. Sie kam 2017 nach Deutschland und gehört zu denjenigen Geflüchteten, die ihre Hände nicht in den Schoß legen wollen. Sie hat in Pakistan als Erzieherin gearbeitet und möchte auch hier wieder in diesen Bereich einsteigen. Allerdings braucht sie dafür ein Abitur und das hat sie nicht. „Vielleicht mache ich eine Ausbildung als Kinderpflegerin oder als sozialpädagogische Assistentin", sagt sie.

Ihren A1-Sprachkurs in der deutschen Sprache hat sie bereits in Pakistan gemacht. „Der Kurs ist vom Goethe-Institut durchgeführt worden und deutlich schwerer als die telc-Tests in Deutschland", sagt sie. Deshalb fiel ihr der B1-Test hier relativ leicht. „Ich hatte eine sehr gute Note mit 82 Prozent im schriftlichen und 100 Prozent im mündlichen Teil", so die 26-Jährige weiter. Zur Schule gegangen ist sie hier nicht, für den Test hat sie zu Hause geübt. „Ich hatte noch keine Anerkennung und darum kein Anrecht darauf, den Sprachkurs zu machen", nennt die junge Frau die Gründe. Daher habe sie sich nur zur Prüfung angemeldet.

Plötzlich wurde beim Hörverstehen Bayerisch gesprochen

Nachdem die Wertheranerin als Flüchtling anerkannt war, meldete sie sich zum B2-Kurs an. „Das war sehr schwer, da mir durch das alleinige Üben zu Hause doch einiges fehlte", sagt sie. Ameeta büffelte fleißig und ging schließlich mit gutem Gefühl in die Prüfung. Dort aber erwartete sie eine böse Überraschung: Im Teil „Hörverstehen" wurde mit bayerischem Dialekt gesprochen.

„Ich hatte so etwas noch nie gehört und wusste zuerst nicht, ob das überhaupt Deutsch ist", sagt sie. Wie ihr ging es offenbar auch anderen Teilnehmern, die von dem Prüfungsteil auf bayrisch überrascht wurden. „Fünf haben die Prüfung geschafft, zehn nicht", so die Wertheranerin. Sie genügte ebenfalls nicht den Anforderungen. „Die Lehrerin hat gesagt, wir seien der schlechteste Kurs, den sie je hatte."

Ameeta kann nicht nachvollziehen, warum man Flüchtlingen solche Steine in den Weg legt. Flüchtlinge könnten aufgrund ihrer Residenzpflicht nicht in andere Bundesländer reisen und wüssten demnach auch nicht, dass in Bayern aus Brötchen Semmeln werden, in Baden-Württemberg Weckerle und in Berlin Schrippen. „Ich war zu der Zeit erst zweieinhalb Jahre in Deutschland und fand das wirklich zu anspruchsvoll", so Ameeta weiter. Aufgegeben hat sie aber nicht.

Nur ein halber Punkt fehlt zum Bestehen der Prüfung

Schließlich hatte sie nur nur um einen halben Punkt (134,5 statt 135) das Bestehen der B2-Prüfung verfehlt. Also setzte sich die Pakistanerin hin und büffelte erneut. Sie machte sich dabei auch auf die Reise durch die Dialekte in Deutschland und fand heraus, dass es 20 große Dialektgruppen gibt. Bayerisch ist dabei der am häufigsten gesprochene Akzent.

„So lernt man die Sprache am besten"

Vor einer Woche bestand die 26-Jährige ihre Prüfung – und dieses Mal war kein Akzent dabei. Nun hat sie erst einmal genug vom Lernen. Die C1-Prüfung ist ihr nächstes Ziel, aber erst in ein bis zwei Jahren. Für die geforderten hochschulbezogenen Deutschkenntnisse auf weit fortgeschrittenem Niveau will sie in den Alltag ihrer neuen Heimat eintauchen, viel mit Menschen reden und ihnen zuhören. „So lernt man die Sprache am besten."

Welchen Hintergrund das Verwenden des bayrischen Dialektes in deutschen Sprachprüfungen hat, war von der telc GmbH in Frankfurt trotz mehrfacher Nachfrage nicht zu erfahren. Auf den Internetseiten verschiedener Sprachschulen ist jedoch zu lesen, dass Dialekte zum deutschen Kulturgut gehören, das ebenso vermittelt werden soll, wie die deutsche Sprache selbst. „Sie können sich darauf vorbereiten, indem Sie zu Beispiel ein bayerisches Fernsehprogramm sehen oder ein bayerisches Radioprogramm hören", wird dort geraten. Das hätte Ameeta sicherlich auch getan – wenn sie gewusst hätte, was auf sie zukommt.

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