Wer saß am Steuer? Gericht hält Auftritt für einstudiert

Herbert Gontek

Ein 28-jähriger Mann aus Werther ist jetzt vor dem Haller Amtsgericht verurteilt worden.  - © Anke Schneider
Ein 28-jähriger Mann aus Werther ist jetzt vor dem Haller Amtsgericht verurteilt worden.  (© Anke Schneider)

Werther. Damit hatte der 28-Jährige offenbar nicht gerechnet: Für zwei Fahrten unter Alkoholeinfluss und Unfallflucht verurteilte das Haller Amtsgericht den Wertheraner zu sechs Monaten Freiheitsentzug auf Bewährung. Des Weiteren darf der Mann zwölf Monate kein Auto fahren und muss eine Geldstrafe von insgesamt 2.000 Euro zahlen. Die Bewährungszeit beträgt drei Jahre, für die dem Mann ein Bewährungshelfer zugewiesen wurde.

Das Verfahren endete am Dienstag nach zwei Verhandlungstagen. Der Prozess hatte Schlagzeilen gemacht, weil bei der ersten Alkoholfahrt am 24. November vergangenen Jahres in Werther niemand der potenziellen vier Insassen das Auto gefahren haben wollte und sich angeblich auch keiner an den Fahrer erinnerte (das HK berichtete).

Staatsanwaltschaft: Auftritt der Zeugen perfekt einstudiert

Die Oberstaatsanwältin war sich dagegen sicher, dass die drei weiteren potenziellen Insassen im Auto gelogen hatten, um den Fahrer zu schützen. „Beim Eintreffen der Polizei haben die Zeugen auf festen Plätzen im Auto gesessen und der betrunkene Fahrer vor der offenen Fahrertür gestanden", führte sie aus. Zudem sei der Motor des Wagens gelaufen. Wie berichtet soll es zuvor mit dem Wagen eine Unfallflucht gegeben haben. Der Auftritt der drei Zeugen und Mitfahrer in dem Auto habe laut Oberstaatsanwältin wie perfekt einstudiert gewirkt.

Auch der dritte potenzielle Mitfahrer, der am zweiten Verhandlungstag in den Zeugenstand gerufen wurde, will nach seinem abendlichen Spaziergang am 24. November 2019 zufällig an der Stelle vorbeigekommen sein, an der sich zwei Polizisten um das vermutlich unfallflüchtige Fahrzeug und die Insassen kümmerten. Ähnliches hatten wie berichtet auch schon die anderen beiden Zeugen am ersten Verhandlungstag ausgesagt. „Man kennt sich aus dem Fitnessstudio, pflegt aber keine freundschaftliche Beziehung," sagte der Zeuge, der laut Aussage der eingesetzten Polizeibeamten hinten im Auto gesessen haben soll.

1,54 Promille im Blut

Mitgefahren sein will keiner der Zeugen und den Angeklagten gesehen haben auch nicht so richtig – am Steuer schon gar nicht. Wie berichtet hatte auch der Angeklagte vor den Polizisten bestritten, das Auto gefahren zu sein. Ein Blutalkoholtest hatte bei ihm 1,54 Promille ergeben. Drei Monate später fiel der Mann in Bielefeld erneut auf, dieses Mal mit 0,91 Promille im Blut – und nicht, wie zunächst berichtet, mit 1,91 Promille.

Zweiter Zeuge war am zweiten Verhandlungstag am Dienstag ein 21-jähriger Straßenbauer. Er war nach seiner Darstellung auf dem Weg zu einem Zigarettenautomaten, als er ein Blaulicht an der Straße sah. Er sei zu dem mutmaßlich unfallflüchtigen Auto gegangen. Von einer der vier Personen sei er angesprochen worden, ob er den Wagen nach Hause fahren könne. „Das habe ich gemacht, und das würde ich auch von anderen Leute erwarten", erklärte der 21-Jährige fest, nach dem die Oberstaatsanwältin angemerkt hatte, dass sie so ohne weiteres kein Auto von einem ihr fremden Mann nach Hause fahren lassen würde.

Richterin bezweifelt nicht, dass der Angeklagte gefahren ist

Bei der zweiten Fahrt im Februar war der Wertheraner mit 0,91 Promille unterwegs. Abhängig von den Ausfallerscheinungen ist die Bestrafung. Die Verteidigerin plädierte für die milde Variante, die Ordnungswidrigkeit. Außerdem sah sie es als erwiesen an, dass ihr Mandant im November 2019 nicht gefahren sei. Zeugen habe es jedenfalls nicht gegeben.

Damit konnte sie die Richterin nicht überzeugen. Für sie gab es keinen Zweifel daran, dass der Angeklagte das Fahrzeug gelenkt habe. Die erneute Rückfälligkeit bereits drei Monate später im Februar in Bielefeld und einschlägige Vorstrafen bewertete sie zudem als strafverschärfend.

Copyright © Haller Kreisblatt 2020
Texte und Fotos vom Haller Kreisblatt sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.