Unfallflucht: Richterin geht von systematischen Lügen aller Beteiligten aus

Ein 28-jähriger Mann aus Werther ist wegen Unfallflucht, Fahrens unter Alkoholeinfluss und Fahrens ohne Führerschein angeklagt. Die Zeugenaussagen lassen Zweifel bei Gericht aufkommen.

Herbert Gontek

Ein Mann aus Werther muss sich vor dem Amtsgericht Halle verantworten.  - © Anke Schneider
Ein Mann aus Werther muss sich vor dem Amtsgericht Halle verantworten.  (© Anke Schneider)

Werther. Vier Personen, und niemand will das Auto gefahren haben, das in Werther an einem Unfall beteiligt war. Niemand will gar im Fahrzeug gesessen haben, obwohl die Polizei seinerzeit die Personalien aller Insassen aufgeschrieben hat.

Richterin und Staatsanwältin im Haller Amtsgericht wollen das bei der Verhandlung am Donnerstag so nicht hinnehmen. Sie glauben vielmehr, dass sie systematisch belogen werden und versprechen am Donnerstag Angeklagten und Zeugen, „das große Fass aufzumachen". Das soll dann beim Fortsetzungstermin geschehen, der auf den kommenden Dienstag (22.09.) ab 15.30 Uhr terminiert ist.

Frisch gepflanzter Baum muss dran glauben

Der Vorfall, um den es vor dem Amtsgericht geht, ereignet sich am 26. November des vergangenen Jahres und nimmt seinen Anfang auf dem Rewe-Parkplatz in Werther. Dort soll der Angeklagte kurz vor 22 Uhr bei einer Schleuderfahrt einen frisch gepflanzten Baum umgefahren und dann mit dem Auto das Weite gesucht haben. Ein Angestellter sieht den Vorgang, notiert das Kennzeichen und alarmiert die Polizei. Kurze Zeit später ist ein Streifenwagen unterwegs zur Wohnanschrift des Halters. Schon davor sind die Beamten auf das Auto gestoßen. Es habe nach der Schilderung, die ein Polizist vor Gericht abgibt, an einer Straßeneinmündung gestanden. Neben der offenen Fahrertür habe demnach der angeklagte 28-jährige Wertheraner, Sohn des Halters, gestanden. Die anderen drei Sitze seien durch drei seiner Kumpels besetzt gewesen.

"Er roch nach Alkohol"

Der 28-Jährige bestreitet sofort, das Auto gefahren zu haben. Deshalb notieren die Polizisten die Namen und die Sitzordnung der anderen Mitfahrer und ordnen für den 28-Jährigen eine Blutprobe an. „Er roch nach Alkohol und hatte erhebliche Ausfallerscheinungen", schildert der Polizeibeamte vor Gericht seinen Eindruck, der sich mit einem Blutprobenergebnis von 1,54 Promille bestätigt.

Drei Monate später, diesmal in der Bielefelder Innenstadt, fällt der 28-jährige Student wieder auf. Mit einem Geländewagen fährt er mit zu hoher Geschwindigkeit in einen Kreisel. „Der Wagen legt sich stark zur Seite und bricht aus", schildert ein Bielefelder Polizist der Haller Richterin den Anlass der Verfolgung. Nach gut einem Kilometer stellen die Beamten den Wagen – und den Wertheraner zur Rede. „Alkoholbedingte Ausfallerscheinungen und starker Geruch" sind für die Beamten der Grund, warum sie ihn mit zur Blutprobe nehmen. Deren Ergebnis fällt mit 1,91 Promille noch deutlicher aus als in Werther. Eine Fahrerlaubnis hat der Mann zu diesem Zeitpunkt nicht.

"Ich kenne den Mann kaum"

„Haben Sie Alkoholprobleme?", fragt die Richterin den jungen Angeklagten, der mit dem Hinweis „Dazu sage ich nichts" antwortet.

Nachdem alle Polizisten vernommen sind, widmet sich die Vorsitzende den vermeintlichen Mitfahrern des Zwischenfalls in Werther. Ein geladener Zeuge hat sich morgens mit ärztlichem Attest abgemeldet. Ein anderer beginnt seine Aussage damit, dass er von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch mache. Das habe er im Internet gelesen. „Sie haben kein Aussageverweigerungsrecht", belehren Richterin und Staatsanwältin den jungen Mann. Er bleibt dabei, nichts zur Sache zu sagen, empfiehlt den Juristinnen „doch den Fahrzeughalter" zu befragen und lässt zum Schluss Zweifel daran, überhaupt in dem Auto gesessen zu haben, da er den Beklagten „nur so kenne" und nur einen Spaziergang unternommen habe.

Richterin macht noch einmal auf die Folgen einer Falschaussage aufmerksam

Bevor der zweite Mitfahrer in den Zeugenstand gerufen wird, empfiehlt die Richterin der Verteidigerin des Angeklagten, ihren Mandaten auf die Folgen von Falschaussagen hinzuweisen. Nach kurzer Beratung auf dem Flur richtet die Verteidigerin aus, dass man auf dem eingeschlagenen Kurs bleibe. Kurstreu verhält sich auch der zweite Autoinsasse. Ebenso wie sein Freund will er nur einen Spaziergang gemacht haben und keinen Führerschein besitzen. „Wie die Beamten darauf kommen, dass ich im Auto gesessen habe, kann ich mir nicht erklären. Ich saß nie in dem Auto, denn ich kenne den Mann kaum, eben nur so", sagt er aus.

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