Kein Arbeitsplatz im Drogeriemarkt: Jobabsage wegen türkischem Pass

Melek S. bewirbt sich als Warenverräumerin bei einem Personal-Dienstleister. Das Unternehmen Impuls One kooperiert mit Rossmann, doch noch vor der Probearbeit wird die 58-Jährige aus Werther nach Hause geschickt.

Carolin Nieder-Entgelmeier

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Werther. Seit 45 Jahren lebt Melek S. mit ihrer Familie in Werther im Kreis Gütersloh. Ursprünglich stammt die 58-Jährige aus der Türkei. „Doch nach so vielen Jahren ist Deutschland zu meiner Heimat geworden. Seit unserer Ankunft leben wir in Werther, hier bin ich zur Schule gegangen, hier habe ich gearbeitet, geheiratet und meine drei Kinder aufgezogen. Hier fühle ich mich zu Hause", sagt S. Doch seit der vergangenen Woche fühlt sich das nicht mehr so an. „Weil mein Mann krank ist und aktuell nicht arbeiten kann, habe ich einen neuen Job gesucht. Doch weil ich keinen deutschen Pass besitze, wurde meine Bewerbung als Warenverräumerin in der Rossmann-Filiale in Werther abgelehnt."

Auf der Suche nach einem neuen Job stößt Melek S., die ihren Namen nicht öffentlich nennen möchte, in der vergangenen Woche auf eine Stellenausschreibung für einen Job als Warenverräumerin des Unternehmens Impuls One für die Rossmann-Filiale in Werther. Als Dienstleister vermittelt Impuls One Mitarbeiter unter anderem an Drogeriemärkte wie Rossmann. S. bewirbt sich und wird am 15. Juli zum Probearbeiten in die Rossmann-Filiale eingeladen. Doch bevor sie damit beginnen kann, kommt auch schon die Absage.

„Das war ein Schock. Ich fühle mich seitdem schlecht."

„Eine Rossmann-Mitarbeiterin wollte die Daten meines Passes und meines unbefristeten Aufenthaltstitels in einen Computer eingeben. Dabei gab es jedoch Probleme, weshalb die Mitarbeiterin bei der Firma Impuls One anrief", erklärt S. „Nach dem Telefonat sagte mir die Rossmann-Mitarbeiterin, dass ihr gesagt wurde, dass sie die Eingabe beenden und mich nach Hause schicken soll, weil ich einen türkischen Pass habe." S. kann die Aussage zunächst nicht glauben und fragt nach. „Die Mitarbeiterin bestätigte mir dann noch einmal die Aussage von Impuls One, dass ich als Bewerberin abgelehnt werde, weil ich keinen deutschen Pass habe. Sie entschuldigte sich auch für das Vorgehen des Unternehmens, konnte aber nichts daran ändern."

S. verlässt daraufhin die Rossmann-Filiale. „Das war ein Schock. Ich fühle mich seitdem schlecht, weil ich das Gefühl habe, dass ich in Deutschland nicht dazu gehöre. Das macht mich zum einen sehr traurig, aber auch sehr wütend, weil ich einfach nicht verstehe, dass man so mit Menschen umgeht", sagt S. „Ich habe mich immer als Deutsche betrachtet, auch ohne einen deutschen Pass. Doch auch nach 45 Jahren gehöre ich offenbar noch immer nicht dazu. Manchmal habe ich das Gefühl, keine Heimat zu haben, weil ich in Deutschland und in der Türkei als Ausländerin angesehen werde."

Rossmann-Filialleiter entschuldigt sich für das Vorgehen

S. erzählt ihrer Familie von dem Vorfall. Ihr Sohn setzt sich daraufhin noch am selben Tag mit Rossmann in Verbindung. „Der Leiter der Filiale Werther hat sich aufrichtig bei mir entschuldigt und auch Kontakt zum Bezirksleiter hergestellt, der sich ebenfalls für den Vorfall entschuldigt hat", erklärt der Sohn von Melek S. „Trotzdem muss sich Rossmann die Frage stellen, warum es mit einem Unternehmen wie Impuls One zusammen arbeitet."

Auf Anfrage erklärt der Leiter der Rossmann-Filiale in Werther, dass er sich zu dem Vorfall nicht äußern kann. Aus der Firmenzentrale heißt es von der Unternehmenssprecherin Anna Kentrath, dass bei Rossmann Menschen aus 102 Nationen zusammenarbeiten. Zum Fall Melek S. erklärt Kentrath: „Für die Beschäftigung von Nicht-EU-Bürgern bedarf es entsprechender Unterlagen, die eine Anstellung in Deutschland möglich machen. Leider lagen zum Zeitpunkt des Probearbeitens, wie uns Impulse One mitteilte, nicht alle notwendigen Unterlagen vor. Daher war ein Probearbeiten an dem Tag nicht möglich. Um den Termin zu einem späteren Zeitpunkt nachholen zu können, hat Impulse One zu der Bewerberin und ihrem Sohn bereits kurz darauf Kontakt aufgenommen."

Unternehmen weist die Vorwürfe der Familie zurück

Impuls One erklärt auf Anfrage, dass die Schilderungen von Melek S. und ihrem Sohn nicht stimmen. Richtig ist nach Firmenangaben, dass S. nur deshalb nicht zur Probearbeit zugelassen wurde, weil sich erst bei ihrem Eintreffen herausgestellt hat, dass sie weder die deutsche Staatsbürgerschaft noch die Staatsbürgerschaft eines anderen EU-Landes besitzt. „Bei Nicht-EU-Ausländern müssen vor Aufnahme eines Arbeitsverhältnisses die Arbeitserlaubnis und sonstige formale Kriterien wie Aufenthaltserlaubnis und gültiger Identitätsnachweis geprüft werden."

Diese Prüfung erfolge vor der Aufnahme einer Tätigkeit und für alle Beschäftigten von Impuls One zentral in der Verwaltung am Stammsitz Potsdam, erklärt ein Sprecher. „Nachdem sich das Missverständnis der Staatsangehörigkeit vor Ort herausgestellt hat, konnte die Bewerberin wegen der nicht abgeschlossenen Prüfung der Einstellungsunterlagen an diesem Tag keine Beschäftigung zur Probe im Rahmen des Einstellungsprozesses aufnehmen." Laut Impuls One habe es in der Folge einen Kontakt mit dem Sohn der Bewerberin gegeben, dem ein neuer Termin angeboten wurde, wenn das zwingend erforderliche Prüfungsverfahren formal und positiv abgeschlossen werden kann.

Impuls One bestätigt dem Sohn von Melek S. die Absage aufgrund des Passes

Der Sohn von Melek S. bestätigt einen Anruf von Impuls One: „Eine Mitarbeiterin rief bei mir an. Ich fragte direkt nach, ob es korrekt ist, dass meine Mutter als Bewerberin abgelehnt wurde, weil sie keinen deutschen Pass besitzt und die Mitarbeiterin bestätigte mir das."

Von einer zwingend erforderlichen Prüfung des Aufenthaltstitels sei hingegen nie die Rede gewesen ist. „Es hieß von Impuls One lediglich, dass sie mich nicht einstellen, weil ich einen türkischen Pass habe", sagt S. „Ich habe bei verschiedenen Arbeitgebern in der Region gearbeitet und noch nie Probleme wegen meiner Staatsangehörigkeit gehabt, da ich ja über einen unbefristeten Aufenthaltstitel verfüge. Den Nachweis hatte ich bei der Probearbeit dabei." Online finden sich Dutzende Schilderungen von Bewerbern ohne deutsche Staatsangehörigkeit, die ähnliche Erfahrungen auf Jobbewertungsportalen veröffentlicht haben.

In Deutschland gilt Diskriminierungsverbot im Arbeitsrecht

In Deutschland dürfen Arbeitnehmer laut des Diskriminierungsverbots wegen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität nicht benachteiligt werden. Zudem haben nach Angaben des Herforder Wirtschaftsjuristen Jan-Wolfgang Hecker alle Menschen in Deutschland, die über einen Aufenthaltstitel verfügen, Zugang zum Arbeitsmarkt.

„Dieses Wissen muss in einem Unternehmen, das als Dienstleister vor allem Personal einstellt, vorhanden sein", sagt Hecker. „Bei einem Verstoß gegen das Diskriminierungsverbot liegt die Beweislast allerdings beim Bewerber und Arbeitgeber haben viele Möglichkeiten sich raus zu reden, in dem sie zum Beispiel angeben, dass ein Mitarbeiter aus Unwissenheit eine falsche Auskunft gegeben hat."

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