Weiter keine Volksfeste in Sicht: Imbiss to Go soll Schausteller-Paar retten

Aufgeben ist für Claudia und Jörg Lüdtke aus Werther keine Option. Beide haben einen Nebenjob angenommen – und auch ihre Kirmesbude wieder geöffnet.

Anke Schneider

Jörg und Claudia Lüdtke haben ihre Marktbude vor dem Rewe-Markt in Werther aufgebaut. - © Anke Schneider, HK
Jörg und Claudia Lüdtke haben ihre Marktbude vor dem Rewe-Markt in Werther aufgebaut. (© Anke Schneider, HK)

Werther. Eigentlich würden Claudia und Jörg Lüdtke nun mit ihrem Imbissstand in Hannover stehen. Dort fand vergangenes Jahr um diese Zeit Europas größtes Schützenfest statt. Auch in diesem Sommer war der Termin fest eingeplant. Normalerweise. Doch was ist in diesen Zeiten schon normal? Für die Schausteller der Region sieht es weiterhin zappenduster aus: Großveranstaltungen sind noch mindestens bis 31. Oktober verboten. „Ich kenne viele, die nicht mehr wissen, wovon sie noch leben sollen", sagt Jörg Lüdtke.

Als das Coronavirus Mitte März über Deutschland hereinbrach, war der Terminkalender von Claudia und Jörg Lüdtke voll. Immerhin: Heimische Feste, wie die Kirmes in Versmold und die in Steinhagen, konnten gerade noch so mitgenommen werden. Alles was danach kam, fiel jedoch aus. „Große Events wie der Bremer Freimarkt finden nicht statt. Der Oldenburger Krammarkt hat jetzt ebenfalls die Absage geschickt", sagt Lüdtke. Sämtliche Stadt-, Sommer- und Schützenfeste sowie Jahrmärkte haben derzeit einfach keine Perspektive. Die Familie Lüdtke hingegen schon.

„Ich habe eine Anstellung in einer Tischlerei gefunden", sagt Jörg Lüdtke. Ehefrau Claudia arbeitete zunächst als Putzkraft, inzwischen steht sie an der Fleischtheke im Rewe-Markt. Dass Claudia Lüdtke die Tochter von Usmar Carles, Werthers bekanntesten Schaustellers ist, hat dem Paar in der Böckstiegelstadt zum Glück viele Türe geöffnet. Dennoch können der Teilzeit- und der Minijob die finanziellen Einbußen des Paares natürlich nicht komplett auffangen.

Private Altersvorsorge wird nicht ewig reichen

Claudia und Jörg Lüdtke sind natürlich längst nicht die einzigen, die vom Schaustellergeschäft gelebt haben und sich nach dem Lockdown im freien Fall befanden. „Ich hätte niemals gedacht, was für Ausmaße das annimmt", sagt Jörg Lüdtke. Die 9.000 Euro aus dem Rettungsschirm hat das Paar zwar erhalten, allerdings ist die staatliche Hilfe nicht viel mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. „Man darf das Geld ja auch nur fürs Geschäft und nicht für private Kosten wie Miete oder Lebensunterhalt verwenden", erklärt der Wertheraner. Die private Altersvorsorge, die Jörg Lüdtke für das Finanzloch aufgelöst hat, wird auch nicht ewig reichen.

Erst vor zwei Wochen reiste das Paar nach Berlin zur großen Schausteller-Demo, um gemeinsam mit tausend Kollegen auf die Misere dieser Berufsgruppe aufmerksam zu machen. „Das Karussell muss sich weiterdrehen", lautete das Motto, unter dem Schausteller nach einem Aufruf des Deutschen Schaustellerverbandes nach Berlin gefahren waren. Aufgrund der Corona-Auflagen sind laut des Dachverbandes mehr als 5.000 Familienunternehmen, wie das von Claudia und Jörg Lüdtke, in ihrer Existenz bedroht.

Bude öffnet von 11.30 bis 20 Uhr

Die Tochter von Usmar Carles und ihr Mann waren vor 30 Jahren mit einem Kinderkarussell und einen Stand mit Tüchern und Modeschmuck angefangen. Das Kinderkarussell ist inzwischen verkauft. Und auch Modeschmuck ließ sich seit dem Anbruch des Internetzeitalters nicht mehr gut vermarkten.

So stiegen die beiden auf regionale Spezialitäten um, die man eben nicht im Netz kaufen kann. Dazu gehören Pommes von Pahmeyers Kartoffeln, Bratwurst von Lammerschmidt, Schafskäse in Fladenbrot und viele andere Leckereien.

Durch Gespräche an Lammerschmidts Fleischtheke mit Mitarbeitern des Rewe-Marktes kam die Idee auf, die Kirmes-Bude vor dem Einkaufsmarkt aufzustellen. Marktleiter Benjamin Adam sei sofort einverstanden gewesen. An der Holzbude gibt es die eben genannten Spezialitäten, aber auch einen täglich wechselnden Mittagstisch. Von 11.30 bis 20 Uhr ist die Bude geöffnet. Claudia und Jörg Lüdtke hoffen, ihre Finanzen damit ein wenig aufbessern zu können. Sie wollen sich so lange über Wasser halten, bis auch im Leben der Schausteller wieder Normalität einkehren kann.

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