Stadt und Jugendzentrum nehmen Stellung zu Chaos-Nacht

Stadt und AWO sind händeringend um eine Deeskalation bemüht. Nächste Woche soll es ein Gespräch mit den Nachbarn geben. Es gibt weitere Reaktionen.

Anja Hanneforth

Gesprächsbereit: Torsten Grüter vom Jugendamt des Kreises Gütersloh, Bürgermeisterin Marion Weike, Kai Treptow vom AWO-Kreisverband und Ordnungsamtsleiter Jürgen Pilgrim (von links) ist sehr an einer Lösung gelegen. - © Anja Hanneforth
Gesprächsbereit: Torsten Grüter vom Jugendamt des Kreises Gütersloh, Bürgermeisterin Marion Weike, Kai Treptow vom AWO-Kreisverband und Ordnungsamtsleiter Jürgen Pilgrim (von links) ist sehr an einer Lösung gelegen. (© Anja Hanneforth)

Werther. In den vergangenen Tagen liefen die Telefone heiß, es wurden Gespräche geführt, wurde um Lösungen gerungen. Seit dem Chaos-Donnerstag Ende Oktober, als ein Mob Jugendlicher und junger Erwachsener die Innenstadt heimsuchte, randalierte, lärmte, beschädigte, zerstörte, Brände legte, die Nachbarn des Jugendzentrums beschimpfte und bedrohte, sind Stadt, Kreis, Funtastic-Leitung und AWO-Kreisverband als Träger des Jugendzentrums mit aller Macht darum bemüht, die Situation in den Griff zu bekommen. „Mit den Vorfällen muss Schluss sein", betonten sie in einem Gespräch mit der Presse am Dienstag ausdrücklich. Dabei war deutlich zu spüren, wie sehr ihnen an einer Lösung gelegen ist.

Die Chaos-Nacht vor drei Wochen war wie berichtet der traurige Höhepunkt eines Sommers, der die Anlieger rund um das Jugendzentrum wütend und hilflos zurückgelassen hat.

„Niemand sollte Angst haben, durch Werther zu gehen"

„Wir haben vollstes Verständnis für ihren Ärger", bekräftigten Bürgermeisterin Marion Weike, Ordnungsamtsleiter Jürgen Pilgrim, Kai Treptow von der AWO und Torsten Grüter vom Jugendamt. Die Taten seien nicht zu tolerieren und müssten mit allen Mitteln verfolgt werden. „Die Bürger müssen in Ruhe in Werther leben können. Niemand sollte zu irgendeiner Tages- oder Nachtzeit Angst haben, durch den Ort zu gehen", so die Bürgermeisterin.

Allerdings, und auch das machten die vier Behördenvertreter klar, dürften nicht alle Jugendlichen über einen Kamm geschoren und für die Taten Einzelner in Sippenhaft genommen werden. Offen stellten sie sich gestern den Fragen und berichteten, was in der Hausversammlung des Jugendzentrums am Freitag und im Krisengespräch zwischen Stadt, AWO, Funtastic-Leitung und dem städtischen Streetworker am Montag besprochen wurde.

Knapp 20 Jugendliche waren zur Hausversammlung ins Funtastic gekommen. „Bei ihnen herrscht großer Frust darüber, dass jetzt alle in eine Ecke gestellt und als Kriminelle abgestempelt werden", schilderte Torsten Grüter. Mit dieser Stigmatisierung sähen sie sich auch in der Schule, am Ausbildungsplatz oder an der Arbeitsstelle konfrontiert. Entsprechend ungerecht fühlten sie sich behandelt, „was die pädagogische Arbeit für uns nicht gerade erleichtert", so Grüter. „Wie wollen Sie mit Jugendlichen ins Gespräch kommen, wenn die von vorn herein denken, sie würden in einen Topf mit den Kriminellen gesteckt? Das wird sie nicht motivieren, auf die wirklichen Täter einzuwirken."

Beeindruckt sei er an diesem Abend allerdings darüber gewesen, wie differenziert sich die Jugendlichen mit der Sachlage auseinandergesetzt haben. Auch hätten sie sich selbst hinterfragt, wo sie möglicherweise einen eigenen Anteil an den Taten gehabt haben oder sich haben provozieren lassen.

„Die meisten Jugendlichen haben mit den Vorfällen nichts zu tun", stellte Treptow klar. Würde man das Jugendzentrum schließen – was seitens einiger Anlieger gefordert wurde – träfe man zu 98 Prozent die Falschen.

Zumal, wie Weike bekräftigte, das Gefüge am Funtastic gut funktioniere. Ihr gegenüber seien auch die jungen Straftäter sehr freundlich aufgetreten. „Erst die Gruppendynamik sorgt dafür, dass die Sache aus dem Ruder läuft."

„Trotzdem muss eine Lösung her", so das Fazit nach dem Krisengespräch vom Montag. Und man müsse im Dialog bleiben. „Sonst werden wir die Sache nicht in den Griff bekommen", befürchtet Treptow, der einige Dinge klarstellte:

Schlüsselgewalt

Sie haben derzeit nur die beiden festangestellten Mitarbeiter des Jugendzentrums, der Streetworker und einige langjährige Ehrenamtliche. Alle übrigen mussten ihre Schlüssel bereits vor den Herbstferien abgeben.

Öffentliches WLAN

Es stellt sich per Zeitschaltuhr um 22 Uhr ab. Wobei nicht klar ist, ob es in der Nähe vom Funtastic einen anderen Router gibt.

Tor zum Funtastic

Wenn das Funtastic um 21 Uhr schließt, wird auch das Tor zur Bielefelder Straße geschlossen. Finden allerdings Veranstaltungen im Fam.o.S. oder bei der AWO statt, kann es passieren, dass das Tor für Autos offen bleibt.

Aufsuchende Jugendarbeit

Hauptsächlich außerhalb der Öffnungszeiten des Jugendzentrums sucht der Streetworker das Gespräch mit den Jugendlichen. Allerdings hat er in Werther nur eine Drittel Stelle, kann also nur 13 Stunden in der Woche vor Ort sein.

Alkohol

Im Funtastic selbst herrscht absolutes Alkoholverbot. Wenn allerdings die jungen Erwachsenen nachts zur Tankstelle gehen und für ihre Treffen Alkohol kaufen – etwas, das die Nachbarn beobachtet haben – könne man ihnen das nicht verwehren, so Treptow. Alkohol sei allerdings auch ein Thema, das der Streetworker mit den jungen Leuten bespricht.

Neuer Jugendtreff

Der soll in Form einer Hütte am Teutoburger-Wald-Weg von Jugendlichen errichtet werden. Allerdings musste erst schweres Gerät beim Ausheben des Fundaments helfen. Gebaut wird nun im nächsten Jahr.

Nächste Woche soll es ein Gespräch mit den Nachbarn geben, um noch einmal deren Anliegen zu hören. Außerdem bietet die Bürgermeisterin an, ein Gespräch zwischen den Jugendlichen und den Anliegern zu moderieren, sollte dies gewünscht sein.

Info

"Straftaten sind nicht zu tolerieren"

• Bürgermeisterin Marion Weike betonte, dass Sachbeschädigungen, Bedrohungen und nächtlicher Lärm nicht zu tolerieren seien. Die Polizei müsse alles tun, die Täter zu ermitteln und strafrechtlich zu verfolgen.
• Die fünf Hausverbote, die sie gegen fünf Jugendliche und junge Erwachsene ausgesprochen hat, seien sehr ernst gemeint. Sollten sie nicht eingehalten werden, wäre dies ein Straftatbestand und entsprechend zu ahnden – notfalls mit Arrest. Zwei der Tatverdächtigen sowie ein 21-Jähriger seien inzwischen bei ihr im Rathaus gewesen. Zwei hätten gesagt, sie wären nicht an den Sachbeschädigungen beteiligt gewesen. Auf ihre Frage an einen Vater, warum sein minderjähriger Sohn mitten in der Nacht durch Werther streift, habe dieser geantwortet, er hätte gedacht, sein Sohn übernachtet bei einem Freund.
• Weike befürchtet, dass es immer Menschen geben werde, die nicht bereit seien, sich an Regeln zu halten. Doch das seien die wenigsten. Den meisten sei an einem friedlichen Miteinander gelegen.

Copyright © Haller Kreisblatt 2019
Texte und Fotos vom Haller Kreisblatt sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.