Unvergesslich: Wie zwei Wertheraner den Mauerfall in Berlin erlebten

Christiane und Jochen Dammeyer aus Häger haben die Zeit des Mauerfalls und der Wende in Berlin hautnah miterlebt. Viele Ereignisse aus dieser Zeit rühren sie bis heute zu Tränen und bleiben unvergesslich

Birgit Nolte

Warteschlange: Wenn die Mauer an besonders großen und bekannten Straßen fällt, wird es ganz besonders voll. Hier ist eine lange Schlange größtenteils ostdeutscher Autos an der Bornholmer Straße Richtung Westen zu sehen. - © Jochen Dammeyer
Warteschlange: Wenn die Mauer an besonders großen und bekannten Straßen fällt, wird es ganz besonders voll. Hier ist eine lange Schlange größtenteils ostdeutscher Autos an der Bornholmer Straße Richtung Westen zu sehen. (© Jochen Dammeyer)

Werther-Häger. „Der Stau auf dem Kurfürstendamm löst sich langsam auf", lautet die Radiomeldung, die Jochen und Christiane Dammeyer am frühen Morgen des 10. November um 5.15 Uhr aufhorchen lässt. „Nanu, was ist denn da los?", fragt sich Paar. Die Antwort lautet: Die Mauer ist gefallen.

„Die Ereignisse am Abend des 9. November haben wir glatt verschlafen. Das war unser Saunatag und wir waren früh im Bett", erinnert sich Christiane Dammeyer, die mit ihrem Mann Jochen von 1986 bis 1999 in Berlin gelebt hat. Sie ist als Betriebswirtin tätig, er hat einen Job bei IBM.

Erinnerung: Christiane (61) und Jochen Dammeyer (71) haben die Berliner Zeitungen aus der Zeit des Mauerfalls aufgehoben. »Die Mauer bröckelt« heißt es am 11. November 1989. - © Birgit Nolte
Erinnerung: Christiane (61) und Jochen Dammeyer (71) haben die Berliner Zeitungen aus der Zeit des Mauerfalls aufgehoben. »Die Mauer bröckelt« heißt es am 11. November 1989. (© Birgit Nolte)

Jeden Morgen steigen die beiden in Berlin-Frohnau im Bezirk Reinickendorf in die U-Bahn. Das Ziel ist die Stadtmitte. Die Strecke führt die Pendler täglich über den Bahnhof Friedrichstraße im Ostteil der Stadt. Einige der wenigen Punkte, wo sich Ost und West (fast) berühren.

"Ho-Chi-Minh-Pfad" zum Agentenaustausch

Eröffnet wird der Bahnhof bereits 1882. Nach dem Mauerbau 1961 stehen die unterirdischen Anlagen mit den Bahnsteigen der S- und U-Bahn ausschließlich den Fahrgästen zur Verfügung, die aus dem Westen kommen. Sie können nur zum Umsteigen, zum Einkaufen an den Intershop-Kiosken und als Zugang zur Grenzübergangsstelle genutzt werden.

Der U-Bahnsteig ist nur über einen langen Verbindungsgang vom unterirdischen S-Bahnsteig aus zu erreichen. Hier, etwas versteckt, verläuft der so genannte »Ho-Chi-Minh-Pfad«, über den Agenten, aber auch im Westen gesuchte RAF-Terroristen wie Inge Viett in die DDR geschleust werden.

Die Bagger rücken an: Hier wird gerade die Mauer an der Wollankstraße eingerissen. - © Jochen Dammeyer
Die Bagger rücken an: Hier wird gerade die Mauer an der Wollankstraße eingerissen. (© Jochen Dammeyer)

Durch seine zentrale Lage ist der Bahnhof Friedrichstraße immer gut gefüllt. „Aber so voll wie in der Zeit nach dem Mauerfall hatte ich ihn noch nie erlebt", berichtet Christiane Dammeyer. „Menschen über Menschen aus dem Osten, die sich den Westen anschauen wollten. Viele haben richtig geheult. Das hatte für sie eine ganz besondere Bedeutung, sich einfach in die S-Bahn setzen zu können."

"Es gab so viel, was wir uns im Osten ansehen wollten"

Die Dammeyers machen sich in umgekehrter Richtung auf den Weg. „Es gab so viel, was wir uns im Osten ansehen wollten", so Jochen Dammeyer. Sie statten der Sacrower Heilandskirche an der Havel, Teil des Weltkulturerbes, einen Besuch ab und besichtigen Potsdam und Schloss Sanssouci.

Grenzenlos: Mit der Mauer sind mittlerweile auch die Wachtürme verschwunden. - © Jochen Dammeyer
Grenzenlos: Mit der Mauer sind mittlerweile auch die Wachtürme verschwunden. (© Jochen Dammeyer)

Die Dammeyers visieren aber auch weniger malerische Ziele an. So wie die Glienicker Brücke, die während des Kalten Krieges nur von alliierten Militärs und Diplomaten genutzt werden darf und als Agentenaustauschbrücke traurige Berühmtheit erlangt. „Als wir über diese Brücke gegangen sind, hat sich ein wirkliches Gänsehaut-Gefühl eingestellt", weiß Christiane Dammeyer noch heute.

Auf andere Art bewegend ist das Ereignis vom 22. Dezember 1989. „Es war scheußliches Wetter", erinnert sich Jochen Dammeyer. „Trotzdem haben wir uns auf den Weg gemacht." Denn zum ersten Mal nach langer Zeit darf wieder das Brandenburger Tor passiert werden. „Diesen Moment werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Ich habe geweint", blickt der 71-Jährige zurück, der in Bielefeld-Brackwede aufgewachsen ist und mittlerweile in Häger wohnt.

Skilanglauf auf alten Grenzpatrouillewegen

Die Zeit des Mauerfalls hat Jochen Dammeyer in vielen Fotos festgehalten. „Vorher war die Mauer einfach da; man ist täglich an ihr vorbeigefahren und hat sie gar nicht mehr wahrgenommen", beschreibt Christiane Dammeyer das Vorwende-Gefühl.

Ort mit Geschichte: Der Checkpoint Charlie ist der bekannteste Grenzübergang zwischen Ost- und West-Berlin. - © Jochen Dammeyer
Ort mit Geschichte: Der Checkpoint Charlie ist der bekannteste Grenzübergang zwischen Ost- und West-Berlin. (© Jochen Dammeyer)

Doch nach und nach werden immer mehr Grenzstationen geöffnet. Und oft genug bilden sich lange Trabbischlangen wie etwa an der Bornholmer Straße. „Da wurden richtige Feste gefeiert mit den neuen Nachbarn, die vorher durch eine Mauer getrennt waren", berichtet Jochen Dammeyer, der gemeinsam mit seiner Frau auch einen praktisch-sportlichen Nutzen aus dem Mauerfall zieht. „Auf den asphaltierten Grenzpatrouillenwegen haben wir im Winter, immer dann wenn Schnee lag, Skilanglauf betrieben", so das Paar mit einem Lächeln im Gesicht.

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