Barrierefrei geht anders: Hier lauern Werthers Stolperfallen

Der sehbehinderte Jörg Redeker beklagt die vielen Gefahrenstellen in der Innenstadt, spricht von einem „Zustand wie 1965“. Er fordert Abhilfe

Anja Hanneforth

Endstation: Nicht nur am ZOB selbst, auch am Fußweg hoch zur Bielefelder Straße wird aktuell gearbeitet, ein Durchkommen ist daher nicht möglich. Dem sehbehinderten Jörg Redeker, der sich mit Hilfe eines Blindenstocks fortbewegt, bereiten die ständig wechselnden Baubaken und abgesperrten Bereiche erhebliche Schwierigkeiten. - © Anja Hanneforth, HK
Endstation: Nicht nur am ZOB selbst, auch am Fußweg hoch zur Bielefelder Straße wird aktuell gearbeitet, ein Durchkommen ist daher nicht möglich. Dem sehbehinderten Jörg Redeker, der sich mit Hilfe eines Blindenstocks fortbewegt, bereiten die ständig wechselnden Baubaken und abgesperrten Bereiche erhebliche Schwierigkeiten. (© Anja Hanneforth, HK)

Werther. Die Fußgängerampel am ZOB besitzt keine taktile Kennzeichnung und keinen Signalton, Überwege sind nicht markiert, die Beleuchtung ist dürftig, an verschiedenen Stellen versperren Mülltonnen, Fahrräder, Absperrbaken und Ahornbüsche den Weg, die Stolperfallen im Pflaster sind erheblich, die Fahrpläne nicht ausgeleuchtet, ihre Schriftzeichen zu klein, eine Schwelle erschwert den Eingang in das Buswartehäuschen, vor dem der Bus allerdings ohnehin nicht hält; er sammelt die Passagiere schon 30 Meter vorher ein. – Nur einige der Problemstellen, die Jörg Redeker rund um den Busbahnhof ausgemacht hat. Vieles davon habe nichts mit der Baustelle zu tun, sagt er, „in den meisten Teilen Werthers herrscht ein Zustand wie 1965". Der Theenhausener wünscht sich Abhilfe. Und ein bisschen mehr Verständnis für Menschen, die wie er nur eingeschränkt mobil sind.

Jörg Redeker hat eine starke Sehbehinderung. Daher ist der 54-Jährige mit einem Blindenstock unterwegs. Unbekannte Terrains meidet er. Weil er beruflich mit dem Bus nach Bielefeld pendelt, kommt er täglich über den ZOB. Er hofft sehr, dass er nach der Neugestaltung tatsächlich barrierefrei sein wird. Ihm bleiben jedoch Zweifel. Denn es müsste an viele Kleinigkeiten gedacht werden, die einem normal sehenden, normal gehenden Menschen meist nicht auffallen.

„Ich spreche hier auch für die, die auf einen Rollstuhl oder einen Rollator angewiesen oder mit einem Kinderwagen unterwegs sind", sagt Redeker. Wie wichtig ihm die Sache ist, zeigt seine Beteiligung an den Ortsbegehungen im Rahmen des Stadtentwicklungskonzepts und an Gesprächen mit dem städtischen Behindertenbeirats. Nur: „Gefruchtet hat das alles bisher wenig."

"Sie ketten die Leute an ihre Standorte. Das darf nicht sein"

Jörg Redeker kann viele Stellen in Werther benennen, an denen Gefahren und Stolperfallen lauern. Und das liege nicht allein am Pflaster und an der Steigungen wie an Mühlen- oder Tiefenstraße. Am Teutoburger-Wald-Weg etwa stünde auf dem Bürgersteig ein Hinweisschild, montiert auf einem schweren Fuß. Direkt gegenüber hätten Anwohner ihre Mülltonne abgestellt. „Wie soll ein Rollstuhlfahrer da vorbeikommen?"

Es seien diese Kleinigkeiten, die ihm das Leben schwer machten. Unregelmäßig verlegtes Pflaster, Schotterreste als Überbleibsel der Baustelle, der Huckel in der Tiefenstraße. Die Verhältnisse an der Ampelkreuzung nennt Redeker gar „Niemandsland", genau wie die Ampel in Höhe des Speckfelds. „Kein Signalton, nichts. Und das, obwohl sich gleich nebenan eine Tagespflege und ein Sanitätshaus befinden."

Jetzt beginne noch dazu die dunkle Jahreszeit. „Dann sind solche Hindernisse für mich und für andere noch schwerer auszumachen. Zumal die Beleuchtung an vielen Stellen in der Stadt nicht ideal ist", beklagt Redeker.

Er weiß, dass die Stadt nicht auf alle Gefahrenstellen Einfluss hat. „Aber auf viele. Und eine Reihe davon ließe sich mit einfachen Mitteln beheben." Er wird deutlicher, erinnert an die UN-Behindertenrechtskonvention, die vor mehr als zehn Jahren in Kraft trat. Jörg Redeker fragt: „Wo bleibt die Barrierefreiheit für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen? Haben Gesetze und Verordnungen in Werther keine Gültigkeit?" Schon heute litten 6,4 Prozent der Bundesbürger unter einer deutlich eingeschränkten Sehkraft. Seien sie zusätzlich von einer Gehbehinderung betroffen, trauten sie sich irgendwann nicht mehr aus dem Haus. „Und es nutzt nichts, den ZOB barrierefrei auszubauen, wenn das Umfeld bleibt, wie es ist", sagt Redeker. Damit nähme man den Menschen die Chance, am normalen Leben teilzunehmen. „Sie ketten die Leute an ihre Standorte. Und das darf nicht sein."

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