Fünf Cent je Quadratmeter: Das passiert auf dem begehrten Grabeland in Werther

Seit 1959 stellt die Stadt Bürgern für ganz kleines Geld oberhalb der Bielefelder Straße 7.500 Quadratmeter sogenanntes Grabeland zur Verfügung. In 33 verpachteten Parzellen gedeiht alles, was das Herz begehrt

Anja Hanneforth

Grabeland Schrebergarten Schrebergartensiedlung Laubenkolonie oberhalb der Bielefelder Straße - © Ulrich Fälker
Grabeland Schrebergarten Schrebergartensiedlung Laubenkolonie oberhalb der Bielefelder Straße (© Ulrich Fälker)
Grabeland Schrebergarten Schrebergartensiedlung Laubenkolonie oberhalb der Bielefelder Straße - © Anja Hanneforth, HK
Grabeland Schrebergarten Schrebergartensiedlung Laubenkolonie oberhalb der Bielefelder Straße (© Anja Hanneforth, HK)

Werther. Schmetterlingsflieder, Rosen und Hibiskus stehen in voller Blüte, Sonnenblumen recken ihre Köpfe in den Himmel, in den Beeten gedeihen Bohnen, Kürbisse und Kartoffeln, an geschützten Stellen Gurken und Tomaten. An den Bäumen reifen Äpfel, an den Sträuchern Himbeeren, Grills und Gartenmöbel stehen für den nächsten Gebrauch bereit: Oberhalb der Bielefelder Straße Richtung Blotenberg gibt es eine Laubenkolonie, die für einen kleinen Ort wie Werther wohl einzigartig ist. Wann sie entstand, wer sie nutzt, und warum sie trotz einiger unzulässiger Bauten unbedingt erhaltenswert ist, erläuterte Kämmerer Rainer Demoliner jetzt im Hauptausschuss.

Über kleine Stege, die über den Graben entlang der Bielefelder Straße führen, gelangen Betreiber und Besucher auf das Gelände. Schon beim ersten Betreten wird deutlich: Dieses Fleckchen Erde ist etwas ganz Besonderes. Eine Parallelwelt zur Hektik der nahegelegenen Straße, mit gepflegten Rasenflächen, ordentlichen Rabatten und gut bestückten Gemüsebeeten. Trotzdem individuell gestaltet, bunt und abwechslungsreich, ein gewachsenes Stückchen Erde abseits und doch ganz nah an der Stadt.

33 Parzellen gibt es auf der 7.500 Quadratmeter großen Fläche, jede zwischen 120 und 240 Quadratmeter groß, 28 verpachtet an Bürger aus Werther, fünf an Personen von außerhalb. Und die Flächen sind begehrt, es gibt eine lange Warteliste, auf der 29 Gartenliebhaber auf einen Zuschlag hoffen. „Das kommt allerdings selten vor", berichtete Rainer Demoliner, wer einmal ein Stückchen Grabeland habe, wolle es in der Regel nicht wieder hergeben.

Vielleicht auch darum, weil es praktisch nichts kostet. Fünf Cent nimmt die Stadt pro Quadratmeter, zehn Pfennig waren es vor Einführung des Euro, und seitdem hat sich daran nichts geändert. Reich wird die Stadt damit nicht, will es aber auch nicht.

Seit 1959 gibt es das Grabeland, wie es offiziell heißt, inzwischen. Ursprünglich war es einmal gedacht für die Bewohner der nahegelegenen Mehrfamilienhäuser ohne Garten. Der Status der Fläche hat für die Stadt den Vorteil, dass sie es sofort umnutzen kann, sollte sie das Gelände jemals für eigene Zwecke benötigen. „Bei einem Schrebergarten sieht das vertragsrechtlich ganz anders aus", sagte Bürgermeisterin Marion Weike.

Schrebergarten oder Grabeland: Werthers Kleingartensiedlung ist eine lebendige Gemeinschaft. „Man kennt sich, man hilft sich, ich darf auch mal den Rasenmäher vom Nachbarn benutzen", erzählt ein Gartenfreund. Manchmal werde auch gemeinsam gegrillt. Streit gebe es keinen, alle würden viel Eigenleistung und Herzblut in ihre Gärten stecken.

Und so soll es bleiben, da waren sich die Politiker einig. Ein paar kritische Anmerkungen machten sie allerdings doch. Birgit Reinhardt (CDU) berichtete etwa, sie habe von Abstandszahlungen gehört, die jemand geboten habe, um an ein Grundstück zu kommen. „Wenn dem so wäre, bekäme die Sache ein Geschmäckle, das darf nicht sein", sagte sie. Parteikollegin Birgit Ernst betonte, die Stadt müsse Sorge dafür tragen, dass alle Bürger einmal zum Zuge kommen und keine Erbmonarchie einreißt, bei der die Gärten in sechster Generation weitervererbt werden. Sollte jemand aus dem sozialen Gefüge ausscheren, wäre es an der Stadt, einzuschreiten. „Ob hingegen die Bohnen ein- oder zweijährig sind: Das ist doch völlig egal."

Nicht zulässig, aber dennoch erlaubt

 Eigentlich ist vieles, was auf den Parzellen der Wertheraner Kleingartensiedlung passiert, nicht gestattet. Genau genommen handelt es sich auch nicht um eine Kleingartensiedlung, sondern um Grabeland. Und per Definition des Deutschen Kleingartengesetzes dürften daher hier nur einjährige Pflanzen angebaut werden. Bäume, Sträucher, gar Gartenlauben und Gewächshäuser sind eigentlich verboten – trotzdem gibt es sie. Und zwar seit Jahren. Und an diesem Status quo wollen weder die Verwaltung noch die Mehrzahl der Ratsmitglieder rütteln. Udo Lange (SPD) etwa sagte: „Ich finde so ein kleines Fleckchen wilder Osten ganz sympathisch. Wenn wir den Betreibern unser Regelwerk aufstülpen, wäre das vermutlich das Ende der Gärten. Wir sollten die Überschreitungen tolerieren." Birgit Ernst (CDU) hielt ein regelrechtes Plädoyer für die gewachsene Bebauung: „Über die Schönheit einiger Bauwerke lässt sich sicher streiten. Aber hier handelt es sich um eine Sozialmaßnahme, die Bürgern ohne eigenen Garten erlaubt, Obst und Gemüse anzubauen. Wir sollten also nicht päpstlicher sein als der Papst." Genauso sah es Uwe Gehring (UWG): „Ich finde diese kleine Oase super. Solange es keinen Ärger gibt, sollten wir alles so lassen, wie es ist."

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