Böckstiegel-Gemälde ist vom Zigarettenschleier befreit

Ein Unterschied wie Tag und Nacht: Böckstiegels Ölgemälde »Landschaft mit Kopfweiden«, das seit jeher seinen Platz im Bürgermeisterzimmer hat, ist frisch restauriert heimgekehrt – „eine Augenweide“, findet Marion Weike

Anja Hanneforth

Erstrahlt in neuem Glanz: "Und das ist nicht gelogen", freut sich Bürgermeisterin Marion Weike über Böckstiegels »Landschaft mit Kopfweiden«, die frisch restauriert jetzt ihre volle Farbigkeit zeigen. - © Anja Hanneforth
Erstrahlt in neuem Glanz: "Und das ist nicht gelogen", freut sich Bürgermeisterin Marion Weike über Böckstiegels »Landschaft mit Kopfweiden«, die frisch restauriert jetzt ihre volle Farbigkeit zeigen. (© Anja Hanneforth)

Werther. Jedem, der schon einmal Gast im Bürgermeisterzimmer war, dürfte der Böckstiegel ins Auge gefallen sein. Das riesige Ölgemälde mit den markanten Kopfweiden wirkte stets ein wenig düster, nicht ungewöhnlich, aber doch die Ausnahme von Böckstiegels sonst meist üppiger Farbwahl. Doch nicht die melancholische Stimmung des Künstlers war Schuld an der Düsternis, auch keine trüben Gedanken an den Ersten Weltkrieg. Sondern der viele Zigarettenqualm, der dem Gemälde in den vergangenen Jahrzehnten stark zugesetzt und es um seine Farbintensität beraubt hat. Jetzt hat Restauratorin Marita Schlüter dem Kunstwerk neues Leben eingehaucht.

„Und was für ein Leben", ist Bürgermeisterin Marion Weike begeistert von der neuen Qualität des Bildes. „Schauen Sie mal, wie es strahlt", erzählt sie von einem Vormittag, als die Sonne hell in ihr Büro schien und sie das Bild mit ganz neuen Augen sah. „So intensive, so starke Farben: so kannte ich das Bild gar nicht."

1929 hat Böckstiegel die »Landschaft mit Kopfweiden« gemalt. Es ist eines der Bilder, bei dem es Spaß macht, die Blicke schweifen zu lassen. „Jetzt mehr denn je", findet die Bürgermeisterin. Plötzlich werden Details sichtbar, die bisher im dunklen Waber fast untergingen. Etwa der rauchende Schornstein der ehemaligen Ziegelei ganz klein am rechten Bildrand, ein großes Hofgebäude mit markantem roten Dach genau in der Bildmitte, oder ein ungewöhnliches Gebilde links daneben, „wahrscheinlich ein Baum. Für mich eher ein Segelschiff", sagt Marion Weike und lacht.

Wattestäbchen und Skalpell waren ihre wichtigsten Werkzeuge

Seit langen Jahren befindet sich das Gemälde im Besitz der Stadt, wie lange genau, kann die Bürgermeisterin nicht sagen. Erst habe es im Gebäude der Hauptschule gehangen, „ist dort wohl auch einmal beschädigt worden". Daraufhin sei es ins Rathaus gewechselt, ins Büro von Stadtdirektor Peter Hagemann. „Wo es heute noch hängt. Nur, dass ich jetzt hier meinen Schreibtisch habe."

Auch wenn Marion Weike keine Wahl bei der Auswahl des Böckstiegels hatte, „ich finde ihn wunderschön. Eine Augenweide." Acht Wochen war das Ölbild nun bei Restauratorin Marita Schlüter. Das Ergebnis sei ein Unterschied wie Tag und Nacht.

Marita Schlüter kennt sich aus mit Böckstiegel, hat seit Gründung der Stiftung bereits an die 90 Arbeiten des Malers restauriert. Auch mit den »Kopfweiden« hatte sie einige Arbeit, musste die Oberfläche vorsichtig und sorgfältig reinigen, Risse in den Fäden verkleben, versuchen, die Malschicht wieder mit der Grundierung zu verbinden, Fehlstellen zu kitten und neuen Firnis aufzubringen. Wattestäbchen und Skalpell waren ihre wichtigsten Werkzeuge.

Und jetzt? „Jetzt haben wir hoffentlich ein paar Jahrzehnte Ruhe", so die Bürgermeisterin.

Wer die »Landschaft mit Kopfweiden« selbst einmal sehen will, braucht einen Termin bei Marion Weike. „Denn Ausleihen kommt nicht mehr in Frage", berichtet sie. Davon hätte die Restauratorin dringend abgeraten. Zu viele Erschütterungen würden dem fragilen Werk nicht guttun. Und ein Verkauf käme ohnehin nicht in Frage. „Schließlich soll das Bild ja den Wertheranern erhalten bleiben."

Copyright © Haller Kreisblatt 2019
Texte und Fotos vom Haller Kreisblatt sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.