90 Jahre deutscher Tonfilm: Tonmeister Knut Weltlich blickt zurück

Als in den späten 1920er Jahren weltweit der Tonfilm eingeführt wurde, hielt sich die Begeisterung des Publikums in Grenzen. Tonmeister Knut Weltlich blickt zurück

Detlef Hans Serowy

Premiere: Im Januar 1929 wurde »Ich küsse Ihre Hand, Madame«, der erste deutsche Film mit Tonaufnahme, gezeigt. In der Szene hält sich Harry Liedtke nicht dran: Er nimmt den Oberarm von Filmpartnerin Marlene Dietrich. - © Beta Film, Deutsches Filminstitut, Frankfurt/KINEOS Sammlung
Premiere: Im Januar 1929 wurde »Ich küsse Ihre Hand, Madame«, der erste deutsche Film mit Tonaufnahme, gezeigt. In der Szene hält sich Harry Liedtke nicht dran: Er nimmt den Oberarm von Filmpartnerin Marlene Dietrich. (© Beta Film, Deutsches Filminstitut, Frankfurt/KINEOS Sammlung)

Werther. Als in den späten 1920er Jahren weltweit der Tonfilm eingeführt wurde, hielt sich die Begeisterung des Publikums in Grenzen. Der Stummfilm hatte sich nach dem Ersten Weltkrieg als populärstes Unterhaltungsmedium etabliert und stand auf der Höhe seiner Kunst. „Die Filme waren auch nie wirklich stumm“, sagt Knut Weltlich. Es gab Musik vom Klavier und für teure Produktionen schrieben Komponisten eine eigene Filmmusik. Vor 90 Jahren wurde in Berlin mit »Ich küsse Ihre Hand, Madame« der erste deutsche Tonfilm aufgeführt.

Tonmeister Knut Weltlich mit einem Filmprojektor, der auch Ton wiedergeben kann. Entscheidend dafür ist die so genannte Tonlampe, die vorm am Projektor installiert ist und die Tonspur des Films ausleuchtet. - © Detlef Hans Serowy
Tonmeister Knut Weltlich mit einem Filmprojektor, der auch Ton wiedergeben kann. Entscheidend dafür ist die so genannte Tonlampe, die vorm am Projektor installiert ist und die Tonspur des Films ausleuchtet. (© Detlef Hans Serowy)

Von einem Tonfilm im heutigen Sinne konnte man nicht sprechen. Dem Stummfilm mit den Stars Marlene Dietrich und Harry Liedtke wurde eine kurze Tonspur mit dem populären Schlager von Richard Tauber beigefügt. Im Film sieht es so aus, als ob Liedtke den Schlager singt. Trotz der verbreiteten Skepsis dem Tonfilm gegenüber löste »Ich küsse Ihre Hand, Madame« laut Zeitzeugen beim Berliner Publikum wahre Begeisterungsstürme aus.

Der Weg dahin war weit. „Die ersten kurzen Filme hat man ja mit einer Reihe Diaprojektoren gezeigt, die in rascher Folge hintereinander Einzelbilder gezeigt haben“, berichtet Knut Weltlich. Der 68-Jährige war als studierter Tonmeister bei Bertelsmann für das Abmischen von Schallplatten und CDs zuständig und ist deshalb vom Fach. Bis zu 50 Projektoren hätten ihre Bilder von Serienfotos auf eine Leinwand geworfen, sagt er.

Kinoorgeln, Orchester oder Klaviere ersetzten die Tonebene

Die Brüder Lumière erfanden den 35-mm-Cinématographe und zeigten damit am 28. Dezember 1895 in Paris den ersten Film. Ihr Gerät konnte Filme aufnehmen, wiedergeben und kopieren und setzte sich deshalb zunächst durch. Französische Filmgesellschaften dominierten daraufhin bis zum Ersten Weltkrieg den weltweiten Filmmarkt. „Die Filme wurden von Orchestern, Klavierspielern, Kinoorgeln oder von Sprechern begleitet“, erklärt Knut Weltlich.

Damit sei die Tonebene ersetzt worden. Daraus entwickelte sich – insbesondere nach dem Ersten Weltkrieg – eine große Industrie. „Viele Menschen lebten davon, dass sie Geräusche für den Stummfilm erzeugten.“ Kein Wunder, dass sie heftigen Widerstand leisteten, als der Tonfilm aufkam. „Es ging um ihre Existenz.“ Die ersten Versuche waren noch sehr unbeholfen. Bereits 1877 wurde versucht, bewegte Bilder mit dem Grammophon zu kombinieren.

Von der Platte stammte der Ton auch beim ersten vollwertigen Sprech-Spielfilm »Der Jazzsänger« 1927 in den USA. Vitaphone hieß das Verfahren. „Der Durchbruch kam mit dem Lichtton“, betont Knut Weltlich. Dabei wurde auf dem Filmstreifen ein Stück für den Ton reserviert, den dann eine Lichtlampe im Projektor abgetastete und wiedergab. „Die Folgen waren mitunter katastrophal“, so der Tonmeister, der heute Medienwissenschaften studiert.

„Die Kinos sind reihenweise abgebrannt“

Das Filmmaterial bestand aus Nitrozellulose, die sich schon bei 38 Grad Celsius selbst entzünden kann und – auf Rollen gewickelt – eine hohe Explosionskraft besitzt. „Die Kinos sind reihenweise abgebrannt“, so Knut Weltlich. In der Folge galten hohe Brandschutzauflagen für Kinosäle. „Das kann man heute noch an den Klappen erkennen, die in den Kinos vor den Projektoren installiert sind.“ Im Brandfall könnten diese Klappen schnell geschlossen werden und das Publikum wäre geschützt.

Erst Mitte der 1940er Jahren brachte Eastman Kodak in den USA den schwer entzündlichen Sicherheitsfilm auf den Markt. Da hat sich der Tonfilm längst weltweit durchgesetzt. Nach dem Durchbruch versuchten die großen Studios, ihre Hits aus der Stummfilmzeit nachzuvertonen und damit noch einmal Kasse zu machen. „Viele der Stars waren strikt dagegen“, weiß Knut Weltlich. Allen voran Charlie Chaplin, einer der Superstars der damaligen Zeit. „Er befürchtete, dass seine überragende darstellerische Leistung durch den Ton herabgesetzt würde.“

Chaplin sah die Kunst der Pantomime bedroht und dreht deshalb unverdrossen weiter Stummfilmkomödien. Allerdings nutzt er in »Lichter der Großstadt« die Tonspur für Geräuscheffekte, um den Tonfilm zu parodieren. Am Ende von »Moderne Zeiten« ließ er dann seinen Tramp das erste Mal sprechen, in einer Fantasiesprache.

„Am Ende hat Charlie Chaplin auch Tonfilme gedreht und der Nachvertonung seiner Filme zugestimmt“, so Knut Weltlich. Die neue Technik war auch von einem Superstar nicht aufzuhalten und trug zum Erfolg des Kinofilms ganz wesentlich bei. Heute sei der Ton ein ganz wesentlicher Bestandteil jeden Films. Ohne eine zündende Filmmusik und raffinierte Geräuscheffekte gäbe es keinen Erfolg an der Kinokasse.

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