Borkenkäfer rafft Fichten in Werther dahin

Fichtensterben: Was Sturm »Friederike« nicht geschafft hat, schafft jetzt der Borkenkäfer. Durch den heißen, trockenen Sommer hat sich die Population so stark vermehrt, dass Förster Johannes-Otto Lübke für das kommende Jahr das Schlimmste befürchtet

Anja Hanneforth

Kahlschlag: Wo der Borkenkäfer nicht war, hat Sturm Friederike ganze Arbeit geleistet. Förster Johannes-Otto Lübke ist besorgt. - © Anja Hanneforth
Kahlschlag: Wo der Borkenkäfer nicht war, hat Sturm Friederike ganze Arbeit geleistet. Förster Johannes-Otto Lübke ist besorgt. (© Anja Hanneforth)

Werther. „Sehen Sie mal": Mit einer Axt löst Förster Johannes-Otto Lübke ein Stück Rinde von einer bereits gefällten Fichte. Es ist kalt draußen, nur ein paar Grad über dem Gefrierpunkt. Er hält die Unterseite der Rinde, auf der ein Gewirr von Gängen zu sehen ist, in die Novembersonne. Schon regt sich Leben im Holz. Innerhalb weniger Sekunden kommen sie an die Oberfläche, die Borkenkäfer, einer nach dem anderen und putzmunter. „Eine Katastrophe", sagt Lübke. Und das Schlimmste stehe noch bevor. „Wenn wir einen kalten, trockenen Winter bekommen, wird die Lage im nächsten Jahr noch weitaus dramatischer."

2018 war ein Jahrhundertsommer. Doch so sehr sich die Menschen über die vielen Sonnenstunden und die Wärme gefreut haben, so tragisch war dies für den heimischen Fichtenbestand. Lübke erklärt, warum: „Normalerweise produziert ein Muttertier eine Generation Nachkommen im Jahr." In diesem Sommer seien es drei gewesen. Und die Kinder der Kinder hätten wieder Kinder gekriegt. Ein einziges Muttertier habe zwischen 100.000 und 200.000 Nachkommen erzeugt. „Wie soll man dagegen ankommen?"

Borkenkäfer rafft Fichtenwald in Werther dahin

Lübke berichtet, dass in einem einzigen Baum zum Teil mehr als 1000 Schädlinge sitzen. „Da kriegt man die Panik!" Zumal den Fichten die Kraft fehlt, sich gegen den Befall zu wehren. „Der Borkenkäfer gehörte immer schon zum festen Bestandteil des Lebensraumes Wald", beschreibt der Förster. Bisher hätten es die Bäume auch immer geschafft, sich mit dem Absondern von Harz gegen die Schädlinge zu wehren. Doch die anhaltende Trockenheit habe die Harzbildung verhindert.

„Dieser Sommer war einfach nur anstrengend!"

„Schauen Sie hier", zeigt Lübke auf die Fichten oben am Kammweg. „Die sind alle tot!" Bei den meisten schält sich bereits die Rinde ab, andere haben noch grüne Kronen. Doch auch sie werden nicht mehr lange leben, zu stark der Schädlingsbefall.

Auf einmal sind sie da: Nach wenigen Minuten in der Sonne werden die Borkenkäfer putzmunter und krabbeln aus der Rinde hervor. - © Anja Hanneforth, HK
Auf einmal sind sie da: Nach wenigen Minuten in der Sonne werden die Borkenkäfer putzmunter und krabbeln aus der Rinde hervor. (© Anja Hanneforth, HK)

Viele der Käferbäume sind inzwischen gefällt, andere zur Fällung markiert. „Doch wir haben noch immer nicht alle Flächen gesichtet, sind immer noch dabei, sie abzufahren", so Lübke. Nein, dieser Sommer habe keinen Spaß gemacht. „Er war einfach nur anstrengend!"

Die einzige Hoffnung, die der Förster hat, ist die auf einen nassen, warmen Winter. „Den mag der Borkenkäfer gar nicht. Weil er dazu führt, dass sowohl Käfer als auch Larven verpilzen und sterben." Frost hingegen beeindrucke den Käfer nahezu gar nicht. Er gehe bis zum Frühjahr unter der Rinde oder im Boden in eine Art Winterstarre. Schlimmstenfalls würden also im nächsten Frühjahr Millionen von Käfern dreier Generationen aus der Winterstarre aufwachen und anfangen, wieder Nachwuchs zu produzieren. „Das Desaster schlechthin!"

Dem Förster und mit ihm den Waldbauern bleibt nichts anderes übrig, als sich auf die Klimaveränderungen einzustellen. Zwar blieben Fichten wirtschaftlich höchst interessant. „Bauen Sie mal einen Dachstuhl aus Buche – viel zu schwer!" Aber es wäre Quatsch, bei offenkundig immer heißeren Sommern und vermehrt auftretenden Stürmen auf die Fichte zu setzen. Mischwald sei die einzige Alternative, das Schadensrisiko zu minimieren. Und einen Teil der Fichten durch Lärchen und Douglasien zu ersetzen. Bei dem ganzen Drama sei dies das einzig Erfreuliche: „An diese Nadelhölzer geht der Borkenkäfer nicht dran."

Info

Werthers Wald

Bedingt durch den Teuto ist eine nicht unerhebliche Fläche Werthers mit Wald bedeckt. Kein einziger Hektar davon ist Staatsforst, auch die Größe des Kommunalwaldes, also Flächen in städtischem Besitz, sind mit sechs Hektar äußerst überschaubar.

Die 94 Prozent Privatwald gehören etwa 80 Waldbauern. Zehn von ihnen besitzen zehn Hektar oder mehr. 

Der Wald unterteilt sich in 55 Prozent Laub- und 45 Prozent Nadelwald. Davon sind 20 Prozent Fichten – noch. Bedingt durch den Borkenkäfer werden die Flächen vermehrt durch Laubbäume, besonders Buchen und Eichen, aufgeforstet; fünf bis zehn Prozent des ursprünglichen Fichtenbestands werden zudem durch Douglasien oder Küstentannen ersetzt. Nicht so ertragreich und begehrt wie Fichten, dafür aber auch nicht anfällig für den Borkenkäfer.

Copyright © Haller Kreisblatt 2019
Texte und Fotos vom Haller Kreisblatt sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.