Karin Heymann gibt Flüchtlingen als Patin Hilfestellung im Alltag

Anke Schneider

Gesucht und gefunden: Siman (von links), Amer und Miran Youssef mit Patin Karin Heymann und Flüchtlingsberater Stefan Schemmann. - © Anke Schneider, HK
Gesucht und gefunden: Siman (von links), Amer und Miran Youssef mit Patin Karin Heymann und Flüchtlingsberater Stefan Schemmann. (© Anke Schneider, HK)

Werther. Samar und Amer Youssef sind in Deutschland angekommen. Die beiden Kinder Siman und Miran gehen zur Schule, Siman demnächst sogar aufs Gymnasium. Mutter und Vater haben den Integrationskurs geschafft und mit dem Sprachniveau B 2 abgeschlossen – was laut Definition unter anderem fließende und spontane Verständigung mit Muttersprachlern bedeutet. Nun arbeiten sie an ihrem Traum, in ihren alten Berufen arbeiten zu können. Amer war Zahnarzt, Samar Apothekerin.

Das aus Qamischli im Nordosten Syriens stammende Paar und seine Kinder wären wohl noch nicht so weit, hätte es Karin Heymann nicht gegeben. Sie ist eine von 50 Flüchtlingspaten in Werther, die sich ehrenamtlich dafür einsetzen, die Zuwanderer auf den Weg in die Gesellschaft zu bringen. Und das ist gar nicht so einfach.

„Patenschaften gab es hier schon, als ich Ende 2016 als Flüchtlingsberater unter dem Dach der Diakonie anfing", berichtet Stefan Schemmann. Die Paten waren echte Anpacker , die Ende 2015 auf die Flüchtlinge zugingen und sie zunächst mit dem Nötigsten versorgten: angefangen von der Kleidung bis hin zu Möbeln und Hausrat. Die Ehrenamtlichen organisierten sich im Wesentlichen selbst. „Die Kontakte kamen hauptsächlich durch das Frühstück der ÖFI zustande, das es damals schon gab", so Schemmann.

„Der ganze Papierkram ist mühselig, auch für mich"

Die Paten begleiteten die Flüchtlinge durch das gesamte Asylverfahren zu Behörden, Anwälten, Ärzten und zu Schulen. Unmengen an Papierkram galt es zu bewältigen, zahllose Regeln, Gesetze und Umgangsformen zu erlernen und irreführende Abläufe im Asylverfahren zu verstehen. Dazu kam die Sprachbarriere, die das alles nicht leichter machte. „Familie Youssef sprach zum Glück Englisch", sagt Karin Heymann . Das seien aber die wenigsten, die das könnten.

„Karin hat viel für uns getan", erinnert sich Amer Youssef an die vielen Termine, die anfangs anstanden und die die Familie ohne Hilfe nicht hätte bewältigen können. „Unsere Partnerschaft ist eine Erfolgsgeschichte", findet der Syrer. „Wir haben Glück gehabt, dass wir eine Frau wie Karin gefunden haben." Die 70-jährige Wer-theranerin ist ebenso voll des Lobes für ihre Schützlinge. Beständig und zielstrebig hätten sie ihre Ziele in Deutschland verfolgt.

„Das ist bei anderen nicht immer so", weiß die Ehrenamtliche. Aber es habe keinen Sinn, die Zuwanderer zu ihrem Glück zwingen zu wollen. „Ich habe mich stets am Bedarf orientiert", sagt sie. Den Flüchtlingen einen vorgefertigten Lebensplan aufzwingen zu wollen, sei zum Scheitern verurteilt.

Wie Amer Youssef sieht auch Karin Heyman die Patenschaft als Gewinn. „Ich habe viele neue Erfahrungen gemacht", sagt sie. Einiges habe sie sich am Anfang anders vorgestellt. Dass die Hürden der Integration so hoch sein würden, habe sie nicht gedacht. „Der ganze Papierkram ist wirklich mühselig, auch für mich." Sie habe zuvor noch keinen Kindergeldantrag oder einen Antrag auf Hartz IV ausgefüllt. Die Bedienungsanleitung für den Laptop, den Siman zum Schulanfang bekommen hat, sei für sie ein Buch mit sieben Siegeln.

Nicht immer haben Patenschaften ein Happy End

Aber man wächst mit seinen Aufgaben, und das scheint auf beiden Seiten so zu sein. Auch Familie Youssef hat inzwischen halbwegs verstanden, wie die deutsche Gesellschaft so tickt und was erwartet wird. „Wir haben allerdings auch unsere eigenen Traditionen, auf die wir sehr stolz sind", sagt Amer Youssef. Sie seien ein Teil ihrer Identität, die es zu bewahren gelte.

Nicht immer wird den Patenschaften ein Happy End beschert. Manchmal sind es enttäuschende Vorkommnisse, die Patenschaften zerbrechen lassen, oder die Zuwanderer haben am Ende doch keine Bleibeperspektive. „Abschiede sind immer ein Thema", sagt Stefan Schemmann, der sich regelmäßig mit den Paten zur Reflektion trifft. Erstaunt sei er immer wieder über das enorme Wissen, das die Ehrenamtlichen haben. Ihnen sei klar, dass sie viele der Flüchtlinge nur ein Stück weit begleiten können, sagt Schemmann und erzählt von einer Abschiedsparty, die Paten für eine Familie kurz vor der Ausreise organisiert hatten. „Alle haben ihre Schützlinge bis zum Schluss begleitet und nicht wegen Perspektivlosigkeit aufgegeben", sagt er.

Auch Karin Heymann wird ihre Schützlinge irgendwann in ein selbstständiges Leben entlassen müssen. Stück für Stück, leise und heimlich. Eine Freundin wird sie für die Youssefs bleiben. „Da entstehen wirklich Beziehungen fürs Leben", hat auch Stefan Schemmann festgestellt.

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