Schwimmmeister mit 74 Jahren

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Die Sonne lacht, Jürgen Zbieranek mit ihr: Mit 74 Jahren arbeitet er als Aushilfsschwimmmeister. Eines seiner Betätigungsfelder ist das Freibad in Werther, an dessen Becken er hier steht. Auch in Steinhagen und Borgholzhausen ist Zbieranek im Einsatz. - © Detlef Hans Serowy
Die Sonne lacht, Jürgen Zbieranek mit ihr: Mit 74 Jahren arbeitet er als Aushilfsschwimmmeister. Eines seiner Betätigungsfelder ist das Freibad in Werther, an dessen Becken er hier steht. Auch in Steinhagen und Borgholzhausen ist Zbieranek im Einsatz. (© Detlef Hans Serowy)

Werther. „Niemals geht man so ganz" – dieses Motto des Schlagers von Trude Herr gilt auch für Jürgen Zbieranek. Der Ruheständler denkt nicht ans Ausruhen. „Ich bin gefragt worden und helfe gern", betont er. „Es ist auch ein gutes Gefühl, gebraucht zu werden", räumt der gebürtige Herner ein. Sein Platz ist auch nach 55 Berufsjahren am Schwimmbecken.

Sein Alter sieht man Jürgen Zbieranek nicht an. „Ich bin jetzt 74", sagt er und lächelt verschmitzt. Wer ihn kennt, weiß, dass das stimmt. In Halle kennen ihn viele Menschen, denn hier arbeitet er 36 Jahre lang als Schwimmmeister im Lindenbad. 2009 geht Zbieranek mit 65 Jahren in den Ruhestand.

Auch in Werther, Borgholzhausen und Steinhagen kennen ihn inzwischen viele Badegäste, denn hier ist der rüstige Pensionär regelmäßig als Aushilfsschwimmmeister tätig. Zunächst bleibt er dem Haller Schwimmbecken als Vorsitzender der örtlichen DLRG-Ortsgruppe treu und führt ehrenamtlich Aufsicht dort.

„Seit sieben Jahren bin ich in Werther aktiv", berichtet der Ehemann, Vater von vier Kindern und dreifache Großvater. Es gebe eine große Knappheit beim Fachpersonal. Jürgen Zbieranek kommt deshalb zum Dienst, „wie ich gebraucht werde". „Ich fühle mich wohl dabei", betont er.

Sonnengebräunt und fit sitzt er im sehr gut besuchten Freibad von Werther und hat durch seine Sonnenbrille alles im Blick. „Da rauchen Leute am Kinderbecken", berichtet ihm eine Frau. Zbieranek federt in Richtung Nichtschwimmerbereich und hat die Sache nach kurzer Zeit im Griff.

„Es reicht oft, wenn man die Leute freundlich anspricht", sagt der Schwimmmeister und lächelt altersmilde. Wer ihn länger kennt, weiß, dass Jürgen Zbieranek früher auch sehr deutliche Worte finden konnte. Klar in der Aussage ist er immer noch. „Die Arbeit muss mit meiner Freizeit vereinbar sein."

Dass Jürgen Zbieranek noch so fit ist, verdankt er dem Sport. Zehn Stunden pro Woche ist er im Schwimmbecken, auf dem Fahrrad oder auf dem Tennisplatz. „Schwimmen war früh meine Leidenschaft", berichtet der Mannschaftsführer vom Team 70+ beim Tennisverein Post Telekom Schildesche.

„Alle haben überlebt"

Nach der Volksschule absolviert der Herner eine Lehre zum Betriebsschlosser – und ist täglich im Freibad. „Ich war ständig da und habe mich anständig benommen", sagt er lachend. Das reicht, damit Schwimmmeister Manfred Reimann dem ambitionierten Leistungsschwimmer ein zweijähriges Praktikum im Bad anbietet.

„Ich habe nicht lange überlegt, die Bezahlung war gleich", erinnert sich Zbieranek. Zwei Jahre später besteht er die staatliche Prüfung zum Schwimmmeister. Schifffahrtskunde, Badtechnik, Erste Hilfe und viel Praxis im Becken gehören zum Prüfungsstoff. „50 Meter Streckentauchen waren Pflicht, auch ein Sprung vom Zehner."

Jürgen Sbieranek muss alle Schwimmarten beherrschen, Tieftauchen, Retten, Abschleppen und die Wiederbelebung praktizieren. Er bleibt ein Rettungsschwimmer mit Leib und Seele. 20 Menschen holt der heutige Bielefelder im Laufe der Jahre aus dem Wasser. „Alle haben überlebt", sagt er erleichtert.

Die Ausbildung ist sein zweites Steckenpferd. Etwa 3.500 Kindern und Erwachsenen hat er bis zur Rente das Schwimmen beigebracht. Seitdem sind weitere Schüler dazugekommen. Auch zahlreiche Rettungsschwimmer bildet Jürgen Sbieranek aus – und ist dabei nicht zimperlich. „Ich weiß", sagt er milde lächelnd auf den Vorhalt, als Ausbilder „die Pest" gewesen zu sein. Er habe eben unter Wasser erst dann losgelassen, wenn die Befreiungsgriffe auch wirklich spürbar gewesen seien. Nachgetragen hat ihm das kein Schüler, im Gegenteil. Die Ausbildung war realistisch.

„Man muss mit dem Wasser und der Situation vertraut sein", betont Jürgen Sbieranek mit Blick auf Rettungen. Es gehe auch für den Retter schließlich um Leben und Tod. „Blinder Eifer schadet nur", fügt der Schwimmmeister noch hinzu – und muss sich um einen Defekt in der Herrenumkleide kümmern.

„Wir sind keine Bademeister"

Seit sechs Jahren arbeitet Jürgen Sbieranek auch in Borgholzhausen. Hier betreut er dreimal pro Woche die Frühschwimmer und vertritt regelmäßig den Schwimmmeister. Seit zwei Jahren ist er zusätzlich im Waldbad von Steinhagen aktiv. Sein früherer Azubi Ralf Aldenhoff ist hier Betriebsleiter und fragt ihn, ob er helfen kann.

„Ich kann auch immer sagen, jetzt passt es mir nicht", hebt Jürgen Sbieranek hervor. Das sei der Vorteil einer Aushilfe. Absagen kommen von ihm aber selten. „Es macht Spaß, mit dem Publikum umzugehen", erklärt der 74-Jährige und plaudert angeregt mit den Badegästen.

So gut gelaunt Jürgen Sbieranek auch ist, bei einer Sache versteht er keinen Spaß. „Wir sind keine Bademeister", sagt er bestimmt. Diese Bezeichnung sei eine Degradierung des Berufsstandes. Schwimmmeister lässt er durchgehen oder „Fachangestellte für Bäderbetriebe". Sagt es, lächelt verschmitzt und geht auf seinen Rundgang um das Becken.

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