Versmold3.000 Kilometer entfernt von der Familie hat Mika eine neue Heimat gefunden

Vor fünf Jahren verließ Mikayl Amyan als Jugendlicher seine Heimat Armenien. In Versmold hat er Fuß gefasst und inzwischen eine echte Perspektive. Ein Wunsch bleibt.

Marion Bulla

Der gebürtige Armenier Mika Amyan ist in Versmold voll und ganz integriert und möchte die deutsche Staatsangehörigkeit beantragen. - © Marion Bulla
Der gebürtige Armenier Mika Amyan ist in Versmold voll und ganz integriert und möchte die deutsche Staatsangehörigkeit beantragen. © Marion Bulla

Versmold. 2015 holte Irina Pölzing ihren Neffen Mikayl, den alle nur Mika nennen, nach Versmold. Das war kurz vor seinem 16. Geburtstag. Der junge Armenier spielt leidenschaftlich gern Fußball. „Fußball spielen kannst du in Deutschland auch", hatte seine Tante damals gesagt. Mika kannte Versmold, denn er hatte seine Tante und deren Familie bereits mehrfach besucht. Heute ist er hier zu Hause.

Ein Grund, warum seine Eltern Mika unbedingt weit entfernt seines Heimatlandes wissen wollten, war der Militärdienst, der ihm mit 18 Jahren gedroht hätte. In Armenien gilt eine zweijährige Wehrpflicht und es herrschte ein kriegerischer Konflikt zwischen den verfeindeten Südkaukasusstaaten Armenien und Aserbaidschan. Derzeit ist Waffenstillstand. Die Gefahr, dass Mika dort als Soldat eingesetzt werden würde, war seiner Familie zu groß. Dementsprechend froh waren alle, als es sich ergab, dass ihm der SC Peckeloh ein Freiwilliges Soziales Jahr anbot.

Mika vermisste Freunde und Familie in der Heimat

Von 2016 bis 2017 unterstützte Mika die Sportler und den Verein. „Das hat mir viel gegeben und Spaß gemacht", sagt Mika Amyan in der Erinnerung an das Jahr. Obwohl es ganz und gar nicht einfach gewesen sei, muss er dann doch zugeben. Er hatte Heimweh, vermisste seine Eltern und auch die Freunde in Armenien.

Ein weiteres Problem war die Sprache. Mika konnte nur ein wenig Deutsch verstehen und auch etwas sprechen. „Es war am Anfang alles zu viel für mich. Ich habe bei meiner Tante gewohnt und da wurde nur Deutsch gesprochen. Ich konnte kaum etwas verstehen und wusste oft nicht, was sie von mir wollten", erzählt der 20-Jährige. Rückblickend sei das gut gewesen, denn er habe die Sprache schließlich lernen müssen – nein wollen. Auch Luca und Valentin, die beide gemeinsam mit ihm das FSJ in Peckeloh gemacht haben, hätten ihm sehr geholfen. Heute spricht der 20-Jährige einwandfrei Deutsch.

Wie geht es nach dem FSJ weiter?

Nach dem FSJ bekam Mikayl Amyan die Chance bei der Firma Gronau, eine Lehre als Kunststoff- und Verfahrensmechaniker zu absolvieren. Die hat er genutzt und die Ausbildung vor einem Jahr erfolgreich abgeschlossen. Kurz darauf, im August 2020, tauchte ein unerwartetes Problem auf. Sowohl sein armenischer Reisepass als auch sein armenischer Personalausweis waren nicht mehr gültig. Er bekam als Ersatz eine „Fiktionsbescheinigung". Das ist aber nur eine Art vorläufiges Aufenthaltsrecht. Ohne gültige Ausweispapiere hätte Mika aber nicht reisen dürfen.

Arbeitsvertrag und eine eigene Wohnung

Doch das ist seine große Leidenschaft. Um der wieder nachgehen zu können, hätte Mika Amyan zurück nach Armenien reisen müssen, um seine Pässe zu erneuern. Ein gefährliches Unterfangen, denn er steht auf der Fahndungsliste und hätte ohne Weiteres an der Grenze verhaftet werden können. Glücklicherweise ergab es sich aber anders. Weil das armenische Parlament die Haftstrafen für Militärdienstentziehung auf bis zu zwölf Jahre erhöht hatte, bekam er von der Ausländerbehörde einen Ersatzpass für Ausländer.

Sein Arbeitgeber ist so zufrieden mit Mika, dass nun sein Vertrag bei Gronau verlängert wurde. „Ich arbeite gern dort, hätte aber auch bei Wenner eine Ausbildung anfangen können. Alle sind so nett zu mir", zeigt Amyan sich dankbar. Die Beschäftigung bei Gronau hilft ihm sehr und bietet echte Perspektiven. Sie gilt nämlich als Nachweis über die Sicherstellung des Lebensunterhaltes, was Voraussetzung dafür ist, eine sogenannte Niederlassungserlaubnis zu bekommen. Im Anschluss daran kann er die deutsche Staatsangehörigkeit beantragen.

Sein Ziel ist, die Eltern in Armenien zu besuchen

Die Unterlagen dazu hat er bereits bei der Ausländerbehörde des Kreises Gütersloh eingereicht. Das Verfahren kann allerdings bis zu zwei Jahre dauern. „Ich möchte endlich meine Eltern in Armenien besuchen. Das ist mit einem deutschen Pass wesentlich einfacher und mein größtes Ziel. Auch möchte ich mehr von der Welt sehen und wählen können, in dem Land, in dem ich lebe", erklärt Mika mit ernster Mine.

Früher habe er den Traum gehabt, einmal ein Fußballstar zu werden, erzählt der sportliche junge Mann. Das habe zwar nicht geklappt, aber dennoch seien viele Wünsche für ihn in Erfüllung gegangen. Mika hat nicht nur eine eigene Wohnung in Versmold, einen Führerschein, eine abgeschlossene Ausbildung und einen festen Job, sondern ebenso seit kurzem eine Freundin. „Mir geht es gut", sagt er und strahlt.

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