VersmoldDiese Versmolderin bändigt einen Raum voller Klassenclowns

Lehrerin Kathrin Heinsohn hat ihren Job an der Gesamtschule gekündigt und unterrichtet seit 2018 Zirkus- und Schaustellerkinder - in einer Schule auf vier Rädern.

Uwe Pollmeier

Kathrin Heinsohn aus Versmold ist Lehrerin bei der „Schule für Circuskinder NRW“. An drei Tagen pro Woche reist sie durchs Land, an den anderen Tagen gibt es Distanzunterricht. - © Copyright Kathrin Heinsohn
Kathrin Heinsohn aus Versmold ist Lehrerin bei der „Schule für Circuskinder NRW“. An drei Tagen pro Woche reist sie durchs Land, an den anderen Tagen gibt es Distanzunterricht. © Copyright Kathrin Heinsohn

Versmold. „Das wäre genau mein Ding“, sagte sich Kathrin Heinsohn, als sie vor dreieinhalb Jahren von der Möglichkeit erfuhr, als Lehrerin für die „Schule für Circuskinder in NRW“ tätig zu sein. Über eine Bekannte hatte die Versmolderin davon erfahren, dass weitere Lehrkräfte für das bundesweit nahezu einmalige Projekt gesucht werden, dessen Träger die Evangelische Kirche im Rheinland ist.

Dabei ist sie gar kein Zirkusfan und hat auch als Kind den Trubel in der Manege gar nicht so spannend gefunden wie andere. Aber sie wollte sich umorientieren, die Arbeit an der PAB-Gesamtschule hinter sich lassen. Ein Job mit mehr Zeit für die Schülerinnen und Schüler, keine Pädagogik nach strengem Zeitplan und ohne individuelle Förderung, wie es nun einmal an den Schulen die Regel ist.

Info

„Schule für Circuskinder“

Aktuell werden von 30 Lehrerinnen und Lehrern 108 Schüler unterrichtet. Gelernt wird bis Klasse 10, danach folgt die Zentrale Abschlussprüfung in der Zentrale in Hilden. Seit der Gründung am 1. April 1994 haben 390 Schülerinnen und Schüler ihren Abschluss gemacht, darunter 144 mit dem Mittleren Abschluss. Insgesamt gibt es 28 Unterrichtsräume auf Rädern.

Individuelles Lernen in kleiner Gruppe

Das Gehalt konnte sie ebenfalls nicht von der Idee abbringen. „Die Bezahlung ist gleich“, sagt Heinsohn. Da sie bereits verbeamtet war, boxte sie bei der Bezirksregierung Detmold die Beibehaltung ihrer Besoldungsgruppe durch. „Das war allerdings nicht ganz leicht“, gesteht die Versmolder Pädagogin.

„Viele denken ja, dass man bei so einem Job an sieben Tagen in der Woche für jeweils 24 Stunden unterwegs ist und das Leben auf der Straße verbringt“, sagt Heinsohn. Das ist allerdings nicht der Fall. Sie ist jeden Abend zu Hause und unterrichtet drei Tage pro Woche vor Ort. Momentan kümmert sie sich um vier Kinder der Zirkusfamilie Trumpf, die während der gesamten Pandemiezeit auf einer Wiese in Everswinkel (Kreis Warendorf) auf den nächsten Auftritt wartet.

An drei Tagen pro Woche fährt die Versmolder Lehrerin mit ihrem weißen Sprinter, der zum mobilen Klassenzimmer umgebaut worden ist, ins münsterländische Everswinkel, um den Nachwuchs der Zirkusfamilie zu unterrichten. „Ich kann ganz individuell auf die Kinder eingehen“, sagt Heinsohn. Diese Chance habe sie als Gesamtschullehrerin nie gehabt, und genau das mache für sie den Reiz ihres jetzigen Jobs aus.

Eine Lehrerin für alle Unterrichtsfächer

Dabei muss sie allerdings äußerst flexibel sein und sich als pädagogisches Allround-Talent präsentieren. Zu unterrichten hat sie nämlich alle Fächer, auch wenn ihr Schwerpunkt im Studium auf Englisch und Biologie lag. Das notwendige Zusatzwissen musste sie sich vorab eigenständig erarbeiten.

Im Bekanntenkreis hat sie ausschließlich Zustimmung erfahren. Niemand habe ihr vorgeworfen, von einer „richtigen“ Schule auf eine Schule zweiter Klasse zu wechseln, in der man sich lediglich um eine Handvoll Zirkuskinder kümmern müsse. Mit Blick auf Corona war die „Schule für Circuskinder in NRW“, in der auch Kinder von Schaustellerfamilien betreut werden, sogar der Zeit voraus. „Wir haben immer schon an zwei Tagen pro Woche Online-Unterricht gemacht. Somit hat sich gar nicht so viel geändert“, sagt Heinsohn. Mit dem Inkrafttreten der Bundesnotbremse ist es jedoch auch hier mit dem Präsenzunterricht vorbei.

„Ich bin froh, dass es diese Schule gibt“, sagt Heinsohn. Die Alternative wäre, dass die durchs Land reisenden Kinder von Zirkus- und Schaustellerfamilien regelmäßig die Schulen wechseln und immer wieder neue Lernstände erleben.

„Es läuft natürlich nicht immer alles konfliktfrei, und der Berufsalltag ist auch hier oftmals eine Herausforderung“, sagt die 44-jährige Pädagogin. Dennoch bereut sie den Wechsel von der Gesamtschule in den kleinen Unterrichtswagen neben der Manege nicht.

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.