VersmoldZweijähriger Einsatz zahlt sich aus: Psychotherapeutin eröffnet Praxis

Schon länger hat die Stadt um einen Kassensitz für eine Psychotherapeutin gekämpft. Jetzt hat sie ihn bekommen – auf Probe. Dr. Julia Lange hat sich einem Projekt mit Pioniergeist angeschlossen. Zum Start räumt sie mit einem Vorurteil auf.

Tasja Klusmeyer

Zur Praxiseröffnung hat Psychotherapeutin Dr. Julia Lange von Bürgermeister Michael Meyer-Hermann einen Blumenstrauß bekommen. Der Verwaltungschef freut sich, dass es endlich gelungen ist, einen Kassensitz nach Versmold zu holen. Sie gehört gleichzeitig zu den ersten Mietern im neuen CoWork-Projekt. - © Tasja Klusmeyer
Zur Praxiseröffnung hat Psychotherapeutin Dr. Julia Lange von Bürgermeister Michael Meyer-Hermann einen Blumenstrauß bekommen. Der Verwaltungschef freut sich, dass es endlich gelungen ist, einen Kassensitz nach Versmold zu holen. Sie gehört gleichzeitig zu den ersten Mietern im neuen CoWork-Projekt. © Tasja Klusmeyer

Versmold. Eine Couch sucht man in den Praxisräumen von Dr. Julia Lange vergeblich. „Die gibt es nur in Filmen", kommentiert sie die Anmerkung ihrer Gäste. Stattdessen befinden sich in dem Zimmer im ersten Obergeschoss des Neubaus an der Münsterstraße zwei Sessel. „Sitzen Sie bequem?", erkundigt sich die Psychotherapeutin, nachdem sie den Kaffee geholt hat. Sie hat sich für Modelle in einem Gelbton entschieden, gemütlich und beweglich. „Gelb ist meine Lieblingsfarbe", erklärt Dr. Lange und verbindet damit etwas Positives. Das passt zu ihrer Tätigkeit. „Das Positive im Negativen suchen", beschreibt die 40-Jährige eine ihrer Aufgaben. In Versmold wagt sie den Schritt in die Selbstständigkeit.

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In der Praxis von Julia Lange steht auch ein großer Schreibtisch; die Wand dahinter ist – selbstredend – gelb gestrichen. Wichtiges Arbeitsgerät ist der Flipchart, dort können Ideen gesammelt werden. Stift und Zettel gehören ebenso zu ihrem Handwerkszeug. „Manchmal gehe ich mit Patienten auch nach draußen – eine andere Perspektive einnehmen", erklärt sie. Die Praxisräume sind eingerichtet, die Visitenkarten sind gedruckt – „jetzt kann es losgehen", sagt Dr. Lange. „Ich freue mich, hier zu sein."

Bürgermeister Michael Meyer-Hermann sieht es genauso: „Wir freuen uns, Sie hier zu haben." Er begrüßte die neue Psychotherapeutin am Dienstvormittag persönlich. Bis dahin war es ein längerer Weg. Seit fast zwei Jahren sind der Verwaltungschef und die Bad Rothenfelderin in Kontakt. Beide sehen Bedarf in der Stadt. Im vergangenen Jahr scheiterte eine Niederlassung an der Kassenärztlichen Vereinigung. Rein rechnerisch gelten die Kreise Gütersloh und Warendorf als überversorgt im Bereich der Psychotherapie. Aus der Praxis weiß Dr. Julia Lange allerdings, dass Patienten oft vier bis fünf Monate auf ein Erstgespräch warten müssen, meistens noch mal so lange auf eine Therapie.

„Ein großer Gewinn für den Gesundheitsstandort"

Michael Meyer-Hermann ließ nicht locker und formulierte deshalb ein weiteres Schreiben an die KV. Dieser Sonderbedarfsantrag fand Gehör. Für zunächst zwei Jahre hat Dr. Julia Lange nun eine Kassenabrechnungsgenehmigung bekommen und darf in Versmold praktizieren. „Ein großer Gewinn für den Gesundheitsstandort", sagt er. Anschließend wird aufgrund von Zahlen geprüft, ob der Sitz gerechtfertigt ist. „Der Markt ist riesig. Es gibt viel zu viele Therapeuten, aber viel zu wenig Kassensitze", sagt die 40-Jährige. Sie ist froh, sich ihren Traum von der Selbstständigkeit nun erfüllen zu können. Damit haben gesetzlich Versicherte wie auch Privatpatienten vor Ort eine Anlaufstelle.

In Versmold schließt sich für Dr. Julia Lange persönlich ein Kreis. Die Bad Rothenfelderin besuchte das Versmolder CJD-Gymnasium; nach dem Abitur studierte sie in Osnabrück Psychologie. Julia Lange promovierte zum Thema „Screening von Persönlichkeitsstörungen" und absolvierte danach die staatlich anerkannte Weiterbildung zur psychologischen Psychotherapeutin. Zuletzt arbeitete sie an der Universität Osnabrück. „Das war eine wertvolle Zeit." Mit 40 Jahren ist für einen Neustart der passende Zeitpunkt.

Corona-Lage verstärkt viele Probleme

Neben der Frage, wie man an einen Kassensitz kommt, ging es auch darum, passende Räume zu finden. Über Bürgermeister Meyer-Hermann entstand der Kontakt zu Torsten Gronau, der an der Münsterstraße ein CoWorking-Projekt ins Leben gerufen hat. Wie berichtet können Berufstätige verschiedener Branchen Büros mieten; Besprechungsräume, Küchenzeile und Co. nutzen sie gemeinsam.

Für Dr. Julia Lange ist das die ideale Kombination. Ihre Praxisräume liegen etwas separat im Obergeschoss; dennoch kann sie Kontakt zu ihren Mitstreitern pflegen – corona-konform, wie es die Lage momentan erfordert. Die Corona-Situation an sich fordert sie beruflich besonders. „Die Nachfrage ist groß", sagt die 40-Jährige. Bei einigen Menschen, die ohnehin belastet waren, beruflich oder familiär, hätten sich die Probleme in der Krise verstärkt. „Die Lage demaskiert alles, was vorher auch schon schwierig war." Das Problem liegt für Dr. Julia Lange auf der Hand. Vielen Menschen fehle der Ausgleich beispielsweise durch soziale Kontakte oder Hobbys. „Der Rahmen der Möglichkeiten ist sehr begrenzt." Sich dennoch schöne Momente zu schaffen, sei eine Herausforderung dieser besonderen Zeit.

Für Dr. Julia Lange war der Bezug der eigenen Praxis ein schöner Moment. Am Donnerstag kommen die ersten Patienten zu ihr – und dürfen Platz nehmen in den bequemen gelben Sesseln.

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