Halle"Regeln sind ein Schlag ins Gesicht": Terminshoppen kann nur Notlösung sein

Viele Händler im Altkreis gehen nach drei Monaten Lockdown auf dem Zahnfleisch. Die neuen Regeln sollen die Wende bringen, aber für einen kommen sie wohl zu spät.

Uwe Pollmeier

Sylwia Schulz, die im Oktober 2008 MezzaLuna, eine Boutique für Damenmode und Accessoires an der Bahnhofstraße eröffnete, fühlt sich von den Politikern alleingelassen. Ohne ihre Treue Kunden stünde sie vielleicht schon vor dem Aus. - © Uwe Pollmeier
Sylwia Schulz, die im Oktober 2008 MezzaLuna, eine Boutique für Damenmode und Accessoires an der Bahnhofstraße eröffnete, fühlt sich von den Politikern alleingelassen. Ohne ihre Treue Kunden stünde sie vielleicht schon vor dem Aus. (© Uwe Pollmeier)

Altkreis Halle. „Ich finde es eine Frechheit, dass es seit einem Jahr keine vernünftige Lösung gibt", sagt Sylwia Schulz. Die Inhaberin der Modeboutique MezzaLuna in der Haller Innenstadt ist richtig sauer. Manchmal habe sie das Gefühl, dass man den stationären Handel bewusst schädigen möchte. Schließlich sei kaum damit zu rechnen, dass in der Zeit nach Corona alle Kunden wieder zurückkämen, die aktuell online shoppen gingen.

In den vergangenen zwölf Jahren hat sie sich eine Stammkundschaft aufgebaut, klug gewirtschaftet und Spaß in ihrem Job gehabt. „Jetzt fühle ich mich im Stich gelassen, ich habe auch keine finanzielle Hilfe bekommen", sagt Schulz. Damit meint sie aber keinesfalls die Kunden, die immer noch regelmäßig ihre Kleidung bei ihr abholten, ihr Mut zusprächen oder auch mal Blumen vor der Eingangstür ablegten.

Winterware als Komplettverlust

Die nun beschlossenen Lockerungsaussichten, die sich am Inzidenzwert orientieren werden, sieht sie als ersten kleinen Schritt. Für die Winterware, die sie nicht zurückgeben kann und auf der sie somit sitzenbleibt, ist dies zu spät. „Neue Ware kann ich mir allerdings kaum leisten", sagt Schulz. Zwar habe sie Geldreserven, aber auch diese seien nicht unerschöpflich. Man müsse schauen, ob man vom Einkaufen nach Termin, was ab einem Inzidenzwert unter 100 möglich sein soll, wirklich überleben könne.

Anita Rauffmann, Inhaberin des Modehauses Sudfeld in Werther, hält das Shoppen mit Terminvergabe ebenfalls für einen ersten Schritt. „Es ist besser, als ganz geschlossen zu haben", sagt Rauffmann. In der Vergangenheit hat auch sie einige ihrer Kunden mit Ware versorgt, die sie dann vor dem Geschäft übergeben hat. „Dennoch fehlen uns rund 70 Prozent des üblichen Umsatzes", sagt das Vorstandsmitglied der Werbegemeinschaft Werther.

Die Stimmung ist gemischt

Zudem bereite die Verbreitung über alle Kanäle eine Menge Extraarbeit. „Die Bestellungen kommen auf den unterschiedlichsten Wegen und zu allen Uhrzeiten rein", sagt Rauffmann. Immerhin habe die Krise vielen Menschen bewusst gemacht, dass der stationäre Einzelhandel durchaus seine Berechtigung habe. Die Stimmung im Einzelhandel sei derzeit sehr gemischt. Einige kämen mit der Lage gut zurecht, andere hätten sehr darunter zu leiden.

„Für einige sind die Regeln doch ein Schlag ins Gesicht. Bücher dürfen verkauft werden, der Schuhhändler nebenan darf hingegen nicht öffnen", zeigt Rosi Dieckmann-Rose exemplarisch ihr Unverständnis für so manche Regelung. Die Inhaberin eines Geschenkeladens darf selbst zwar öffnen, da sie offiziell zur Lebensmittelbranche zählt, dennoch weiß sie von den Nöten anderer. „Durch die Regeln blickt doch auch so langsam niemand mehr durch", sagt die Vorsitzende der Interessengemeinschaft Einkaufsstadt Versmold (IGEV). Man müsse jetzt sofort damit beginnen, die Innenstädte zu retten. „Sie müssen wieder zum Leben erweckt werden, sonst bluten sie aus. So wie im Moment ist das doch nicht zufriedenstellend", sagt Dieckmann-Rose.

Oft werde mit zweierlei Maß gemessen

Primäres Ziel solle es sein, das Infektionsgeschehen in den Griff zu bekommen, dann könne man auch wieder zur Normalität zurückkehren. „Die Idee mit der Terminvergabe ist ja gar nicht so schlecht, allerdings geht das Einkaufserlebnis dabei auch verloren", sagt Dieckmann-Rose. Sie sei niemand, der gerne jammert, daher plädiere sie auch dafür, dass sich die Geschäftsleute des Altkreises auch mal gemeinsam an einem Tisch setzen und Strategien entwickeln. „Wir müssen jetzt dagegenhalten", bekräftigt die IGEV-Chefin.

„Wir hatten darauf gehofft, ab Montag wieder normal öffnen zu können", sagt Doris Reichelt-Plassmann. Bisher holen die Kunden ihre vorbestellte Ware vor dem Haller Sportgeschäft ab, probieren auch schonmal Schuhe unter freiem Himmel an. Dass Friseure, die sich noch enger am Kunden befinden, nun wieder geöffnet sind, dem Einzelhandel aber weiterhin die Türen verschlossen werden, sei schwer nachvollziehbar. Sie gönne es den Haarstylisten, jedoch werde zu oft mit zweierlei Maß gemessen. Momentan könne man bestenfalls einen kleinen Teil der Kosten decken. Man sei dankbar für jeden Kunden, befürchte aber, dass man viele während des Lockdowns für immer an den Onlinehandel verloren habe.

"Die Virenschleudern sind doch der ÖPNV"

„Es ist ein kleiner Schritt in die richtige Richtung", sagt Karl-Friedrich Brinkmann. Schon jetzt hätten sich einige Kunden für das Click-and-Meet, wie der Termineinkauf mit einem Anglizismus aufgepeppt genannt wird, angemeldet. Und mit einer Inzidenz von unter 50, die im Kreis Gütersloh fast erreicht ist, könnte man sogar für eine begrenzte Kundenanzahl öffnen.

Es sei wichtig, so Brinkmann, „dass wir die Krise in den Griff bekommen. Eine schlagartige Öffnung war eh nicht zu erwarte. Nun wird langsam geöffnet, das ist auch richtig so". Er sei zuversichtlich, dass in Halle alles positiv verläuft. „Die Virenschleudern sind doch der ÖPNV. In Halle habe man die Sache im Griff. Hier kämen die Kunden mit dem Auto und parken direkt vor dem Haus.

Kein Nachfolger im Modehaus Brinkmann

Dennoch sieht es so aus, als würde die Corona-Krise dem Modehaus das endgültige Aus bescheren. Bereits im Sommer hatte Brinkmann angekündigt, sich zurückzuziehen. Mit 70 Jahren sei es Zeit für den Ruhestand. Nun beginne man mit dem Räumungsverkauf. „Es gab Interessenten, nicht nur aus dem Modebereich, aber in Zeiten von Corona halten sich alle sehr bedeckt", sagt Brinkmann. Er hoffe, dass sich in den nächsten Wochen noch eine Nachfolgenutzung ergebe.

„Im schlimmsten Fall steht das Gebäude leer", sagt Karl-Heinz Brinkmann. Sollte sich doch noch ein neuer Modehändler finden, wünscht Brinkmann diesem nur eines: „Dass es keine 3. Welle gibt, denn die ertragen wir alle nicht."

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