VersmoldGefährliche Vogelgrippe: Geflügelhalter im Kreis sind wachsam

Zum Schutz vor der Geflügelpest ergreifen Kreis und Land Sicherheitsmaßnahmen. Dazu zählen Stallpflicht und eine Überwachungszone in Nähe des betroffenen Betriebes. Tierhalter sind in Sorge.

Tasja Klusmeyer

Für freilaufende Hühner gilt ab sofort Stallpflicht. - © Andreas Frücht
Für freilaufende Hühner gilt ab sofort Stallpflicht. © Andreas Frücht

Versmold. Rund 2.000 Geflügelhalter im Kreis Gütersloh sind in Alarmbereitschaft. Der Ausbruch der Vogelgrippe vom Typ H 5 in einem Versmolder Entenmast-Betrieb hat Konsequenzen für die ganze Region. Seit Donnerstag, 0 Uhr, gilt für Geflügel offiziell Stallpflicht im Kreis Gütersloh und dem Regierungsbezirk Detmold; darüber hinaus wurde vom zuständigen Landesministerium eine provisorische Überwachungszone in näherer Umgebung des Hofes festgelegt. Diese umfasst im Wesentlichen den Ortsteil Hesselteich sowie Teile von Oesterweg. Das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) hat am Donnerstag offiziell bestätigt, dass es sich um den Erregner H5N8 handelt. Wie der Kreis darauf reagiert, lesen Sie hier.

„Massive Krankheitssymptome"

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Das sagt der Kreisveterinär

Das, was die Corona-Pandemie für die Gesundheitsämter ist, ist die Geflügelpest für Veterinäre. Seit Sonntagabend, so berichtete Kreisveterinär Patrick Steinig den Mitgliedern des Kreisgesundheitsausschusses, sei das Thema Hühnergrippe für den Kreis Gütersloh akut. Sichtlich angefasst schilderte er die schlechte gesundheitliche Verfassung der 15 Tage alten Entenküken. Ihre Bewegung sei erheblich eingeschränkt gewesen, viele hätten Nervenprobleme gehabt. 40 seien am Samstag gestorben, 90 am Sonntag, am Montag hätten an die 900 Tiere schon deutliche Krankheitssymptome gezeigt. „Ich habe selten so viel Leid auf einem Haufen gesehen wie in diesem Stall“, berichtete er. Bis tief in die Nacht sei am Dienstag dann der komplette Bestand von 20.000 Tieren gezielt und tierschutzkonform getötet worden.

Wie das Virus in den Betrieb gekommen ist, kann Steinig noch nicht sagen. „Der Virustyp H5N8 grassiert in Deutschland“, sagt er. Zeitgleich mit dem Ausbruch in Versmold waren auch in Paderborn bei einem Hobbyhalter Fälle von Hühnergrippe aufgetaucht. „Der Verdacht liegt nahe, dass Wildtiere das Virus übertragen haben“, so der Kreisveterinär.

Für die Betriebe in der Überwachungszone kündigte Patrick Steinig an: „In diesem Bereich werden wir alle Betriebe klinisch untersuchen.“ 60 Geflügelhalter seien das. Eine Maßnahme, vergleichbar mit PCR-Tests bei einem Corona-Ausbruch.

Und dann gibt es auch hier einen Bereich, der vergleichbar mit der Quarantäne bei der Covid-Pandemie ist“, veranschaulichte Steinig das Beobachtungsgebiet mit einem Radius von zehn Kilometern. „Hier sprechen wir von 500 bis 600 Betrieben“, so der Kreisveterinär. Auch für sie gebe es klare Restriktionen, was beispielsweise den Handel mit Produkten angehe. In diesem Bereich gebe es auch einen Junghennenhalter mit 120.000 Hühnern und einen Broilermäster mit 200.000 Hähnchen. (jahu)

Die Enten des Versmolder Betriebes wiesen Anfang der Woche laut Ministerium zum Teil „massive Krankheitssymptome" auf; eine erste Untersuchung der Proben in einem Labor in Detmold bestätigte den Verdacht. Noch am Dienstag wurde der gesamte Bestand von etwa 20.000 Tieren gekeult. In der Überwachungszone gelten nun strenge Vorschriften für Geflügelhalter. Dazu gehört auch ein Verbringungsverbot für Geflügel, Geflügelfleisch, Eier, Futtermittel, Dung und Einstreu aus Beständen. Ausnahmen können nur „auf Antrag in begründeten Fällen und unter speziellen Voraussetzungen genehmigt werden", heißt es in der Allgemeinverfügung.

Das Land hat eine Überwachungszone eingerichtet. Innerhalb der roten Umrandung gelten für Geflügelhalter und Betriebe per Allgemeinverfügung strenge Vorschriften. - © Amtsblatt, Kreis Gütersloh
Das Land hat eine Überwachungszone eingerichtet. Innerhalb der roten Umrandung gelten für Geflügelhalter und Betriebe per Allgemeinverfügung strenge Vorschriften. (© Amtsblatt, Kreis Gütersloh)

Unter dem Namen Versmolder Freilandeier vermarktet Familie Kleine-Knetter aus Knetterhausen Eier aus ihren mobilen Hühnerställen. Das wird in nächster Zeit nur noch mit einer Genehmigung des Kreises geschehen, denn die neue Allgemeinverfügung von Freitag schreibt nicht nur die Aufstallungspflicht vor, sondern verbietet auch den Transport und Verkauf von Tieren und Tierprodukten - und darunter fallen auch die Eier der Familie Kleine-Knetter. Und nicht nur sie sind betroffen, gut 500 Betriebe im Beobachtungsbereich müssen sich nun auf der Seite des Kreises informieren, wenn sie Eier und Co. verkaufen wollen.Auf der Homepage gibt es bald Formulare zu finden, mit denen die Hühnerhalter entsprechende Anträge stellen können.

Was bedeutet die Aufstallungspflicht konkret für Betroffene? Das Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft und Natur- und Verbraucherschutz NRW hatte am Dienstag eine Aufstallpflicht für Ostwestfalen-Lippe angekündigt, umsetzen müssen das die Veterinärämter vor Ort. „Sämtliches Geflügel ist unverzüglich aufzustallen oder durch Überdachung und Schutzzäune so zu sichern, dass ein Kontakt zu Wildvögeln nicht möglich ist", heißt es in der Pressemitteilung des Kreises. Als Geflügel gelten demnach Fasane, Puten, Gänse, Enten, Legehennen, Rebhühner, Perlhühner und Sträuße. Auch Futter und Einstreu sind so abzusichern, dass Wildvögel keinen Zugang dazu haben. Wie lange das Geflügel nicht mehr draußen frei herumlaufen darf, hängt von der Entwicklung ab.

Folgen für Freilandhühner

Die etwa 1.000 Hühner vom Hof Kleine-Knetter picken normalerweise den ganzen Tag über auf der Wiese. Das Konzept des Betriebes baut auf dieser Haltungsform auf. Seit Mittwochmorgen sind die Tiere im Stall. „Wir haben zum Glück kleine Gruppen", sagt Laura Pleitner, die zusammen mit ihrem Lebensgefährten Dominik Kleine-Knetter den Betrieb führt. Klein heißt in diesem Fall fünf mobile Ställe mit jeweils 210 Tieren. Das Platzangebot reiche grundsätzlich, die Gewohnheit der Tiere aber ist eine andere.

Ob die andere Haltung zu Stress führt und sich dieser auf die Legeleistung auswirkt, vermag sie noch nicht einzuschätzen. „Was die Situation genau mit den Tiere macht, wissen wir nicht", sagt Laura Pleitner. Es sei nun wichtig, für Ablenkung im Stall zu sorgen. „Mehr Beschäftigung", sagt die Landwirtin. Auf dem Hof bestehe die Möglichkeit, die mobilen Ställe an einer Scheune anzudocken, um dort drinnen sicheren Auslauf zu bieten.

Schwierig für Hobbyhalter

Die Corona-Pandemie hat die Nachfrage nach regionalen Produkten steigen und den kleinen Betrieb wachsen lassen. An diesem Freitag sollten die ersten Weidehähnchen einen neuen Stall beziehen und die Produktpalette erweitern. Die Tiere haben die Kleine-Knetters angesichts der aktuellen Geschehnisse erst mal abbestellt. Wie andere Geflügelhalter müssen sie die Entwicklung abwarten.

Reinhard Lechtenfeld, Vorsitzender vom örtlichen Geflügelzuchtverein, beobachtet die Situation ebenfalls genau. „Wir sind achtsam, wollen uns aber nicht verrückt machen lassen", sagt er. Viele der Mitglieder hielten ihre Tiere ohnehin in überdachten Volieren – so wie es jetzt die Vorschrift verlangt. Die Einschränkungen für die Tiere sind aus seiner Sicht deshalb vertretbar, „wenn man den Platz dafür hat". Einige Hobbyhalter, deren Hühner sonst frei im Garten herumlaufen, stünden nun vor anderen Herausforderungen. Grundsätzlich sei die Aufstallungspflicht für viele Geflügelhalter einfacher umzusetzen. In der momentanen Brutzeit bräuchte das Geflügel oft weniger Bewegung. „Schlimmer wäre es im Mai", sagt Lechtenfeld. Wenn die Küken flügge werden, wirke sich eine Stallpflicht anders auf den Bestand aus.

Situation im Naturschutzgebiet Bruch

Aufmerksam beobachtet auch Bernhard Walter die Ereignisse. Zugvögel stehen in Verdacht, die für Geflügel hochansteckenden Viren auf ihren Reisen einzuschleppen. Zugvögel steuern dieser Tage gerne das Versmolder Bruch an. Als Leiter der Biologischen Station Gütersloh-Bielefeld ist Walter für das Naturschutzgebiet zuständig. Viruserkrankungen können auch für Wildvögel tödlich sein, wenngleich die meisten Tiere mit den Erregern „im Großen und Ganzen gut zurechtkommen". In der Regel bedrohe er keinen ganzen Bestand, sondern treffe geschwächte Vögel. „Es gibt eine ganze Palette von Viren", sagt Bernhard Walter. Verendete Tiere habe er im Bruch bisher nicht gesichtet.

Angesichts des Ausbruchs Anfang der Woche ist Bernhard Walter wachsam und sensibilisiert. „Wir werden das weiterverfolgen." Sollten tote Wildvögel aufgefunden werde, stehe man in Kontakt zum Veterinäramt, wo im Verdachtsfall Untersuchungen angeordnet werden. So weit, so hofft er, soll es gar nicht erst kommen.

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