Versmold„Ich hatte keine Langeweile“: Friseure, Gastro und Händler in der Krise

Während die Friseure in den Startlöchern stehen, macht der anhaltende Lockdown der heimischen Gastronomie und Geschäftswelt zu schaffen. Die Kaufmannschaft IGEV eilt da mit der Aktion „Wir machen Sie schöner“ zu Hilfe.

Tasja Klusmeyer

Semra Temur, Fabriciano Avar Gonzalez, Mirsad Memic, Seda Mutlu, Johnny Celli und Ursula Ernst - © Tasja Klusmeyer, HK
Semra Temur, Fabriciano Avar Gonzalez, Mirsad Memic, Seda Mutlu, Johnny Celli und Ursula Ernst © Tasja Klusmeyer, HK

Versmold. „Wir wollen ein Zeichen setzen und als starke Gemeinschaft zusammenrücken“, sagt Rosi Dieckmann-Rose von der Interessengemeinschaft Einkaufsstadt Versmold (IGEV). Seit einem Jahr haben die Mitglieder mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie zu kämpfen. Durch kleine Aktionen und Veranstaltungen machen die Kaufleute das möglich, was erlaubt ist.

Auftakt ins Festjahr

Eigentlich hätte die IGEV am 3. März ihr 40-jähriges Bestehen feiern wollen. Das geht nun nicht. Das Festjahr startet stattdessen mit der Aktion „Wir machen Sie schön“. Davon sollen sechs ihrer Mitglieder aus den Branchen Gastronomie und Friseurhandwerk profitieren. Sobald weitere Lockerungen anstehen, wird die IGEV ebenso etwas auf die Beine stellen, kündigt Rosi Dieckmann-Rose vom Vorstand an.

Zweieinhalb Monate lang lagen die Scheren unbenutzt im Friseurwagen. Ab Montag, 1. März, können sie wieder in die Hand genommen werden. Für Semra Temur ist die Wiedereröffnung zugleich eine Neueröffnung. Die Versmolder Friseurin betreibt künftig einen zweiten Salon an der Münsterstraße.

Mehr Platz für Kunden

Hinter ihr liegen trotz Lockdown-Schließung arbeitsreiche Wochen. „Ich hatte keine Langeweile“, sagt sie mit Blick auf die Baustelle. Einen Großteil des früheren M 10-Ladenlokals hat sie zum modernen Friseursalon umbauen und einrichten lassen. Die Räumlichkeiten an zentraler Stelle blieben also nicht lange leer.

Ist eine Neueröffnung mitten in Pandemiezeiten nicht ein gewagter Schritt? Semra Temur sieht den Vorteil. Der zweite Salon ist doppelt so groß wie das andere Ladenlokal in Nachbarschaft auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Angesichts von strengen Corona-Vorschriften hat sie so die Möglichkeit, mehr Kunden zu empfangen und Mitarbeiterinnen einzusetzen.

Nach dem ersten Lockdown im Frühjahr war das auf den 60 Quadratmetern nur sehr eingeschränkt möglich. Ihr Team teilte sie in zwei Gruppen auf, die abwechselnd Dienst hatten – auch um im Fall einer Corona-Ansteckung nicht allesamt im Quarantäne schicken zu müssen.

Der zweite Standort bringt nun Erleichterung für „Semra Temur & Friseure“. „Wir müssen diesmal nicht bis Mitternacht arbeiten“, sagt die Geschäftsfrau. Die Woche nach dem ersten Lockdown sei „schlimm“ gewesen, genauso wie die Woche vor der erneuten Schließung im Dezember.

Flut an Terminanfragen

Seit bekannt ist, dass die Friseure ab März wieder öffnen dürfen, stehen bei vielen die Telefone nicht mehr still. Um die hohe Nachfrage nach Terminen bedienen zu können, wird Semra Temur zum Start auch montags öffnen. „Die Preise werden gleich bleiben. Die Kunden können ja nichts dafür“, sagt sie. Nach einer harten Zeit geht der Blick nun nach vorne: „Wir freuen uns, dass wir endlich wieder arbeiten dürfen und Geld verdienen können.“

Hohe Verluste

Das würden andere auch gerne sagen. Zum Pressetermin mit der IGEV sind Vertreter der Versmolder Gastronomie gekommen. Sie haben anders als Friseure zwar die Möglichkeit, mit Außerhaus-Angeboten Geld zu verdienen. Dafür befindet sich ihre Branche schon seit Anfang November im Lockdown – eine Öffnungsperspektive gibt es bisher nicht. Das geht an die Substanz.

Abhol- und teilweise auch Lieferservice ersetzen eben nicht das normale Geschäft der Gastronomie. Bisher spielte bei Fabriciano Alvar Gonzalez, Inhaber von „Bröcker Tapas & more“, die Außerhausgastronomie so gut wie keine Rolle. Einen Prozent vom Jahresumsatz machte sie 2019 aus. „Wir leben nicht davon“, sagt er. Betriebe wie seiner lebten von den Menschen an den Tischen und an der Theke. 2020 musste er mehrere Monate lang schließen, der Jahresumsatz brach um 39 Prozent ein. Die übrige Zeit konnte den Verlust nicht ausgleichen, auch wenn der Sommer „sehr gut lief“. Fabriciano Alvar Gonzalez führt das darauf zurück, dass weniger Leute im Urlaub gewesen seien und stattdessen vor Ort raus wollten. Wirtschaftlich gesehen sei das Jahr insgesamt aber „eine Katastrophe“ gewesen.

Kollege Johnny Celli, Pizzabäcker von der Ravensberger Straße, pflichtet ihm bei. „Manchen ist gar nicht bewusst, wie einige leiden, weil das Geld nicht reinkommt.“ Ihn selbst hat die Corona-Krise nicht ganz so hart getroffen wie andere Gastronomen. Außerhausverkauf nimmt ohnehin einen großen Teil seiner Arbeit ein. Mürbe mache ihn die Situation dennoch. „Wir brennen doch alle für unseren Beruf.“ Zurzeit gehe es nur darum, „auf Distanz ein Geschäft abzuwickeln“, sagt er. „Die Kommunikation fehlt.“ Das mache doch die Tätigkeit in der Gastronomie aus.

Essen und gewinnen

Seit Anfang November ist es wieder völlig still im Gastraum. Die Inhaber geben das verpackte Essen an der Tür oder am Tresen aus. Die einzige Möglichkeit, wenigsten etwas Geld einzunehmen. „Wir wollen nicht in Vergessenheit geraten“, nennt Mirsad Memic einen weiteren wichtigen Grund. Ursula Ernst von der essBar an der Friedrich-Menzefricke-Straße spricht ihren Kunden ein Lob aus. „Die Zeit ist für viele schwer, aber wir haben wirklich tolle Kunden.“ Fabriciano Avar Gonzalez will ebenso nicht allzu schwarz sehen: „Ich bin guter Dinge, dass es wieder anders wird“, sagt der Bröcker-Wirt. Aufgeben gilt nicht.

Friseure und Wirte: zwei Branchen – ähnliche Probleme. Die IGEV bringt Schere und Speisekarte mit ihrer Aktion zusammen. Wer bis Sonntag, 28. Februar, Essen to go bestellt, kann einen Friseurtermin gewinnen. Dafür müssen bei Abholung einfach nur Kontaktdaten angegeben werden. Folgende Restaurants nehmen teil: Bröcker, essBar Ernst, Pizzeria Adria, Imbiss Krumkühler und Restaurant Memic. Friseurtermine sind momentan begehrt, die Kaufmannschaft hat sich für den Zeitraum 3. bis 6. März welche bei Semra Temur gesichert. Außerdem gibt es für die fünf Glückspilze einen Gutschein über 60 Euro von der IGEV dazu. Die Gewinner erhalten am Montag, 1. März, nach der Ziehung Bescheid.

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