Versmold"Gnadenloses Preisdiktat" in der Fleischbranche: Kommentar zu neuen Gesetzen

Werkverträge im Kernbereich der Fleischwarenindustrie sind verboten, die Leiharbeit wird nach einer Übergangsfrist folgen. Das könnte das Geschäftsmodell der Branche nachhaltig verändern. HK-Redakteur Marc Uthmann kommentiert:

Marc Uthmann

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Was ist moralisch richtig? Spätestens seit der großen Tönnies-Krise steht zumindest fest, was falsch ist: Menschen aus Osteuropa werden in Massen ans Band gestellt, in unzureichenden Unterkünften zusammengepfercht und gesundheitlichen Risiken ausgesetzt.

Bezeichnend, dass erst eine Corona-Pandemie kommen muss, um diese Missstände in das Zentrum der gesellschaftlichen Debatte zu rücken. Immerhin: Jetzt reagiert der Staat und schafft die Missstände per Gesetz ab.
Er geht dabei gründlich vor, indem er die gesamte Fleischwarenbranche stärker reguliert. Die wiederum ist in Versmold stark verwurzelt: mittelständisch, oft familiär geführt, dennoch Garant von mehr als 2.000 Arbeitsplätzen. Vor allem bei Wiltmann ist nun die Empörung groß, dass man mit den schwarzen Schafen in einen Topf geworfen werde. Und in der Tat: Die Gewerkschaft NGG bestätigt, dass die Peckeloher verlässliche Tarifpartner sind, dass sie Werkvertrags- und Leiharbeiter so gut es geht in die betrieblichen Abläufe integrieren. Darüber hinaus ist das Traditionsunternehmen sozial engagiert und wie Reinert aus Loxten auch ein anerkannt fürsorglicher Arbeitgeber. Aber reicht das aus, um eine Branche von jeglichen Missständen freizusprechen?

Natürlich stehen die Fleischwarenhersteller doppelt unter Druck. Auf der einen Seite mächtige Schlachtkonzerne, auf der anderen noch mächtigere Handelsriesen. Nur wer seine Kosten optimiert und flexibel ist, kann am Markt bestehen und letztlich Arbeitsplätze sichern – so lautet die Rechnung, die Unternehmen gemeinhin aufmachen. Und wenn dann wie jetzt auf Druck des Gesetzgebers angepasst werden muss, wird gefeilscht: Ist Verpacken jetzt noch Kerngeschäft oder schon Kommissionierung? Wenn Letzteres gilt, wird’s billiger.

Aber so einfach darf es nicht sein. Woher kommt denn die Logik, dass Betriebe Arbeit, die schon immer unter ihrem eigenen Dach angefallen ist, plötzlich an Dritte vergeben? Zu niedrigeren Löhnen, als sie „ihren eigenen" Mitarbeitern zahlen würden.

Dieses System ist vom Weg abgekommen und hat sich dann selbstoptimierend dorthin entwickelt, wo es heute ist: zu einem Produktionsprozess unter gnadenlosem Preisdiktat. Sozial ist diese Marktwirtschaft beim Fleisch schon lange nicht mehr. Die „Lex Tönnies" darf erst der Anfang gewesen sein – das System gehört viel grundlegender reformiert, auf allen Wertschöpfungsstufen. Ob diese Gesellschaft das schafft?

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