Feuerwehr schlägt Alarm: Es fehlt der Nachwuchs - nicht nur wegen Corona

Hinter den Versmolder Brandbekämpfern liegt ein eigentümliches Jahr. Trotz der Corona-Pandemie verzeichneten die Löschzüge erstaunlich viele Einsätze. Dafür gibt es Gründe. Das Feuerwehrleben liegt hingegen brach.

Marc Uthmann

Der optisch beeindruckendste Einsatz des vergangenen Jahres war sicher der Treckerbrand auf dem Hof von Dieter Westmeier. Reichlich Schaum war vonnöten, dann hatten die Feuerwehrleute die Flammen Ende März unter Kontrolle. - © Rita Sprick
Der optisch beeindruckendste Einsatz des vergangenen Jahres war sicher der Treckerbrand auf dem Hof von Dieter Westmeier. Reichlich Schaum war vonnöten, dann hatten die Feuerwehrleute die Flammen Ende März unter Kontrolle. (© Rita Sprick)

Versmold. 190 Einsätze hatte die Versmolder Feuerwehr im vergangenen Jahr zu verzeichnen, das sind trotz eines Jahres mit insgesamt drei Lockdowns aufgrund der Corona-Pandemie nur fünf weniger als im Jahr zuvor. 2018 waren die Kameradinnen und Kameraden noch 217 mal ausgerückt.

Auf den ersten Blick verblüffend: der starke Anstieg bei den Brandeinsätzen von 56 im Jahr 2019 auf 84 in den vergangenen zwölf Monaten (2018: 77). Hier spielt allerdings ein statistischer Effekt eine große Rolle. Denn alle Einsätze, die durch Brandmeldeanlagen ausgelöst wurden, werden zu den Brandeinsätzen gezählt. Ihre Zahl stieg im vergangenen Jahr deutlich an, 38 Mal wurden die Einsatzkräfte 2020 über diese Melder gerufen – und hatten viele Fehlalarme zu verzeichnen. „Die Versicherer fordern von den Betrieben verstärkt den Einbau von Brandmeldeanlagen ein; dementsprechend rücken wir von Jahr zu Jahr zu mehr Einsätzen aus", erklärt der Versmolder Wehrführer Sören Fuest. Große Brände hatten die vier Löschzüge (Versmold, Oesterweg, Bockhorst, Hesselteich) 2020 nicht zu bewältigen, in der Statistik stehen 13 kleinere Feuer.

Der „schwarze Tag" am 15. Juli bleibt in Erinnerung

Bei einem schweren Unfall auf der Langen Straße mit elf beteiligten Personen war die Feuerwehr im Juli gefordert. - © Andreas Eickhoff
Bei einem schweren Unfall auf der Langen Straße mit elf beteiligten Personen war die Feuerwehr im Juli gefordert. (© Andreas Eickhoff)

Doch in Erinnerung werden in diesem Jahr andere Einsätze bleiben. So waren am 22. Januar alle Löschzüge bei der Suche nach einer vermissten Person gefordert. Mehr als 16 Stunden lang war ein 88-jähriger Mann ohne Orientierung unterwegs, der Einsatz dauerte von Dienstag, 16 Uhr, bis Mittwochmorgen, 9.30. Eine Drohne und die Hundestaffel wurden eingesetzt. Schließlich wurde der Vermisste den Umständen entsprechend wohlbehalten an der Bundesstraße 476 entdeckt.

Sören Fuest denkt auch noch an den „schwarzen Tag" am 15. Juli. Da hatte es zahlreiche schwere Unfälle im Kreis Gütersloh gegeben, auf der Langen Straße in Versmold ereignete sich ein Zusammenstoß mit drei Pkw und elf beteiligten Personen. Davon abgesehen hatte die Feuerwehr indes ein sehr ruhiges Jahr zu verzeichnen. „Im gesamten April hatten wir zum Beispiel nur acht Einsätze", berichtet Sören Fuest. „Auch im November war es sehr ruhig." Dabei kam seinen Feuerwehrleuten auch zugute, dass Versmold im vergangenen Jahr von größeren Stürmen und Unwettern im Wesentlichen verschont blieb.

Die Corona-Pandemie hingegen hat die Feuerwehr stark gefordert – das klingt angesichts vieler ruhiger Phasen zwar paradox. Doch leidet die für die Stadt so wichtige ehrenamtliche Gemeinschaft extrem darunter, dass es seit Wochen kein normales Feuerwehrleben mehr gibt. Übungsabende, Fortbildungen, Feste und Projekte, alles ist nahezu auf Null gefahren. Das drückt zum einen auf Stimmung und Zusammenhalt, zum anderen bedeutet es auch ein Problem für die nachhaltige Qualitätssicherung in der Brandbekämpfung.

Jugendfeuerwehr verliert einige Mitglieder

283 Mitglieder hatte die Feuerwehr Versmold Ende 2020, das sind 17 weniger als im Vorjahr (2018: 287). Die Zahl der aktiven Kameradinnen und Kameraden ist mit 165 (2019: 167) allerdings nahezu konstant geblieben. Rückgänge sind in der Ehrenabteilung (66 auf 62) und bei der Jugendfeuerwehr (29 auf 22) zu verzeichnen. Vor allem der letztgenannte Umstand macht Sören Fuest Sorgen. Und er führt ihn auch auf die Pandemie zurück: „Seit März können wir dort niemandem mehr aufnehmen. Denn schließlich könnten wir ja gar nichts anbieten – es gibt keine Möglichkeiten für Präsenzdienste."

Diese Delle beim Nachwuchs werde bei der Feuerwehr mittelfristig ein Loch reißen und „richtig weh tun", befürchtet Fuest. Ganz unabhängig von Corona hatte sich der Wehrführer eigentlich vorgenommen, die Mitgliederwerbung zu intensivieren und dabei vor allem professioneller vorzugehen. „Wir wollten bei Veranstaltungen präsent sein, auf uns aufmerksam machen – das geht nun nicht." Dennoch seien im aktuellen Haushaltsentwurf Mittel für Mitgliederwerbung und Öffentlichkeitsarbeit vorgesehen. „Das ist aktuell noch ein vorausschauendes Projekt – aber in fünf bis sechs Jahren bekommen wir ein Problem", so Fuest.

Job und Familie fordern viele mögliche Quereinsteiger zu sehr

Und das habe nur zum Teil mit Nachwuchsmangel aufgrund der Corona-Pandemie zu tun. „Uns fehlen zunehmend die Quereinsteiger in das Feuerwehrwesen", berichtet Fuest. Er führt das auf die zunehmende Beschleunigung im Leben der Menschen zurück: „Job und Familie fordern viele so sehr, dass sie nicht noch ein zusätzliches Amt annehmen wollen."

Umso fataler ist es für die Feuerwehr, dass derzeit auch ihr Ausbildungsbetrieb quasi brach liegt: „Acht Kameraden hängen bei der Truppmann-Ausbildung aktuell in der Warteschleife. Das zehrt natürlich an der Motivation", sagt der Wehrführer. Ebenso wie der Umstand, dass zahlreiche Fortbildungen unterbrochen sind. „Als wir im August wieder einen abgespeckten Ausbildungsbetrieb anbieten konnten, da war die Freude groß", erinnert sich Sören Fuest.

Es gibt erste digitale Einsatzabende

Und umso größer die Enttäuschung, als das zarte Pflänzchen mit den neuerlichen Einschränkungen im Oktober schon wieder verblüht war. Das kann dem Wehrführer nicht gefallen, sorgen die Aus- und Fortbildungen doch auch für ein höheres Niveau seiner Brandbekämpfer im Einsatz. „Immerhin haben wir auf Stadtebene jetzt erste digitale Einsatzabende. Das kann aber natürlich die Präsenz nicht ersetzen. Das Zwischenmenschliche fehlt."

All diesem Frust zum Trotz wagt Sören Fuest einen optimistischen Blick nach vorn: „Wir können als Feuerwehr mit allen Situationen flexibel umgehen – weil wir nicht problem-, sondern lösungsorientiert arbeiten." Darum reiße man sich jetzt am Riemen und hoffe im Sommer auf mehr Möglichkeiten.

Zukunftsprojekte werden vorangetrieben

Zudem werden mehrere Zukunftsprojekte vorangetrieben. Das Hesselteicher Gerätehaus verfügt überall über W-Lan, die Einsatzkräfte können über einen eigenen Server im Rathaus direkt mit der Kreisrettungsleitstelle kommunizieren. Die Digitalisierung wird auch in Versmold und Oesterweg abgeschlossen – in Bockhorst steht gar der Bau eines neuen Gerätehauses auf der Agenda: „Vielleicht können wir Ende des Jahres noch den ersten Spatenstich setzen."

Seiner Wehr empfiehlt der Chef für 2021 folgendes: „Ich wünsche mir, dass alle Kameradinnen und Kameraden zuversichtlich bleiben." Sören Fuest geht dabei in jedem Fall voller Pläne voran.

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