In Versmold wird besonders viel Geld beim Glücksspiel verzockt

140 Euro landen jährlich pro Einwohner in einem Spielautomaten der Stadt. Damit führt Versmold die Statistik an. Und auch bei der Zahl der Geräte nimmt man einen vorderen Platz ein.

Tasja Klusmeyer

Der Reiz des Gewinnens lockt die Menschen an den Glücksspielautomat. Doch statt viel Geld zu bekommen, wird oft eine Menge verpulvert. Das kann Folgen haben, nicht nur finanzieller Art. (https://www.gluecksspielsucht-nrw.de/) - ©2018 by Landeskoordinierungsstelle Glücksspielsucht NRW
Der Reiz des Gewinnens lockt die Menschen an den Glücksspielautomat. Doch statt viel Geld zu bekommen, wird oft eine Menge verpulvert. Das kann Folgen haben, nicht nur finanzieller Art. (https://www.gluecksspielsucht-nrw.de/) (©2018 by Landeskoordinierungsstelle Glücksspielsucht NRW)

Versmold. Die Zahlen der Landeskoordinierungsstelle Glücksspielsucht NRW sagen zunächst einmal nur aus, wie viel Geld in einer Kommune im Schnitt an Spielautomaten verbrannt wird, und nichts über das Nutzerverhalten der jeweiligen Bevölkerung oder vorhandenes Suchtpotenzial. Denn wer Spielhallen besucht, tue dies aus Gründen der Anonymität gerne außerhalb seines Wohnortes, heißt es in einer Pressemitteilung vom Kreis Gütersloh anlässlich des Aktionstages Glücksspiel.

Die Zahlen stammen aus dem Jahr 2018 und beziehen sich rein auf Automaten in Spielhallen und der Gastronomie. Sportwetten und das illegale Online-Glücksspiel sind bei der Statistik außen vor. 108 solcher Automaten gibt es in Versmold – so viele wie in keinem anderen Ort in dieser Größenordnung im Kreis. Nur in Gütersloh und Rheda-Wiedenbrück sind die Zahlen höher.

Info

Hier gibt es Hilfe

  • Bundesweit sollen rund eine halbe Million Menschen ein problematisches Spielverhalten an den Tag legen. Würde man diese Zahl auf die Einwohner im Kreis Gütersloh herunterbrechen, sind es mehr als 2.300.

  • Der sozialpsychiatrische Dienst des Kreises Gütersloh bietet Betroffenen und Angehörigen Beratung. Marie-Claire Bachmann und Tobias Tegeder sind für den Bereich Glücksspiel zuständig. Kontakt: ` (0 52 41) 85-17 18 oder per Mail an suchtberatung@kreis-guetersloh.de. Das Büro ist montags bis donnerstags von 8 bis 17 Uhr und freitags von 8 bis 15 Uhr besetzt.

  • Die Landeskoordinierungsstelle NRW bietet eine kostenfreie und anonyme Hotline an für Spielsüchtige und deren Angehörige: ` (08 00) 0 77 66 11.

Jährlicher Verlust von drei Millionen Euro

Da die Betreiber Vergnügungssteuer zahlen müssen, kann auf dieser Grundlage der Kasseninhalt hochgerechnet werden. Kreisweit verspielten die Menschen in 2018 rund 28,5 Millionen Euro. Auf drei Millionen Euro kommt die Landeskoordinierungsstelle Glücksspielsucht NRW für Versmold, der Großteil davon entfällt auf einen der drei Spielhallenstandorte mit 2,54 Millionen Euro. Dort befinden sich 79 Geldspielgeräte. Die Gaststätten spielen eine eher untergeordnete Rolle – nicht nur zahlenmäßig. „Spieler, die ein Problem haben, sind selten in Gaststätten unterwegs, sondern lieber weniger sichtbar in der Spielhalle", sagt Tobias Tegeder vom Kreis Gütersloh.

Der Suchttherapeut und Sozialarbeiter gehört dem Team des sozialpsychiatrischen Dienstes an. Beim Aktionstag Glücksspielsucht suchte er zusammen mit einer Kollegin unter anderem Versmold auf, um mit den Bürgerinnen und Bürgern über ein Thema ins Gespräch zu kommen, über das in der Öffentlichkeit gerne geschwiegen wird. Angesprochen auf die Problematik hätten sich die Passanten in der Stadt durchaus offen gezeigt und vor allem von eigenen Erfahrungen aus dem Umfeld berichtet.

"Ein Glücksspieler ist erfinderisch"

An den Betroffenen selbst zu gelangen, ist für die Suchtberater oft schwierig. Meistens dauere es so lange, „bis jemand nicht mehr vor oder zurück weiß", bis die Schuldenfalle zugeschnappt hat, bis der Familie oder Freunden etwas auffällt. Denn anders als beispielsweise bei Alkohol oder Drogen sei die Abhängigkeit erstmal fürs Umfeld nicht direkt wahrnehmbar.

„Ein Glücksspieler ist erfinderisch – das muss er auch sein, um an Geld zu kommen", schildert Tobias Tegeder. „Jemand, der Spielprobleme hat, ist oft berufstätig und unauffällig", beschreibt er ein typisches Muster. Und noch andere Merkmale lassen sich ausmachen: Der Großteil der Spieler ist männlich, meist jünger und oft mit Migrationshintergrund. „Es gibt natürlich auch Frauen, die in die Spielhalle gehen. Die tauchen aber weniger bei uns in der Beratung auf."

Sportwetten und Onlinespiel auf dem Vormarsch

Kognitiv seien Spieler zu vielem in der Lage, beispielsweise spielten sie bei der Arbeit neben der Maschine stehend. Der wachsende Markt des Onlinespielens begünstige dies: rund um die Uhr verfügbar sowie anonym. „Es ist einfacher, daran teilzunehmen", sagt Tobias Tegeder. In Corona-Zeiten, wenn Spielhallen wie momentan schließen müssen, sind Online-Casinos eine Alternative.

Sportwetten verzeichnen ebenso Zulauf – nicht selten angefeuert durch prominente Sportler als Werbefiguren, die mit hohen Gewinnaussichten locken. Bekannte Gesichter auf Plakaten und im TV sowie Influencer in den sozialen Netzwerken erreichen insbesondere die junge Zielgruppe. „Bei Sportwetten wird oft erzählt, wie viel Gewinn gemacht wird. Über Verluste wird nicht gesprochen", so Tegeder. Für die Anbieter indes sind Sportwetten ein Milliardengeschäft.

Laut Statista, einem bekannten Online-Statistikportal, wurden 2018 in Deutschland insgesamt rund 8,8 Milliarden Euro auf Sportereignisse gewettet. Etwa 95 Prozent der Einsätze fielen dabei auf private Sportwetten kommerzieller Anbieter, die staatlichen Produkte aus den Toto- und Lotto-Annahmestellen erzielten lediglich einen Marktanteil von rund drei Prozent.

Wichtiger Tipp für das Umfeld

Auf der einen Seite der regulierte Markt (Anbieter mit deutscher Konzession), auf der anderen Seite das illegal betriebene Glücksspiel im Internet, oft mit Firmensitz im steuerfreundlichen Ausland. Der neue Glücksspielstaatsvertrag tritt Mitte 2021 in Kraft und soll das Online-Glücksspiel aus der rechtlichen Grauzone holen. Mit der Legalisierung verbunden ist die Regulierung beispielsweise durch Einzahlungslimit, Werbe-Einschränkungen und Spielersperren. Durch Vorgaben will der Staat die Gefahr von Spielsucht eindämmen.

Tobias Tegeder weiß, wie schwer der Weg für Betroffene aus der Sucht-Spirale sein kann. Der Kontakt zu Beratungsstellen oder Selbsthilfegruppen ist der erste Schritt. „Das ist kein Prozess, der schnell abgehakt ist." Offenheit herzustellen, über das Problem zu sprechen, sei wichtig. Und einen Rat hat der Suchtberater fürs Umfeld.: „Das Schlimmste ist, einem Spieler Geld zu leihen. Das wäre so, als ob man einem Alkoholiker Alkohol nach Hause bringt."

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