Gefälschte Bewertungen sind für dieses Versmolder Unternehmen Alltag

Die Versmolder S&O Handelsgesellschaft hat in den vergangenen Jahren ein gewaltiges Wachstum hingelegt. Der Erfolg beruht zu einem wesentlichen Teil auf der Online-Plattform Amazon. Doch müssen sich die Versmolder dort gegen schmutzige Methoden wehren.

Marc Uthmann

Carsten Wehmöller (von links), Fred Seidel, Martina Janssen und Carsten Schlink im Lager von S&O. - © Marc Uthmann
Carsten Wehmöller (von links), Fred Seidel, Martina Janssen und Carsten Schlink im Lager von S&O. (© Marc Uthmann)

Versmold. Die wachsende Bedeutung eines Unternehmens dokumentiert sich immer auch an der steigenden Aufmerksamkeit, die es auf sich zieht. Dass es bei S&O jetzt eine Videokonferenz mit dem CDU-Bundestagsabgeordneten und Fraktionsvorsitzenden Ralph Brinkhaus, Amazon-Vertreter Matthias Ernst und Vertretern der Stadt Versmold gab, war hierfür Beleg genug. S&O-Chef Fred Seidel sprach die Schattenseiten des Online-Handels an.

Flachs in Richtung Stadt

Carsten Wehmöller, allgemeiner Vertreter von Bürgermeister Michael Meyer-Hermann, und die städtische Wirtschaftsförderin Martina Janssen waren persönlich vor Ort, Brinkhaus und Ernst wurden zugeschaltet. Und Fred Seidel konnte sich einen kleinen Flachs in Richtung Stadt nicht verkneifen: „Sie haben von uns Notiz genommen, als der Kämmerer den Bürgermeister darauf hingewiesen hat, dass hier einer ganz schön Gewerbesteuer zahlt."

Gut eine Million Aufträge

In der Tat ist die S&O Handelsgesellschaft mit ihren Marken SO-Tech und Junker (Großhandel) eine Erfolgsgeschichte. Fred Seidel hat mit einer Tischlerei begonnen und mittlerweile einen der führenden europäischen Versandhändler für Möbelbeschläge, Küchenzubehör und Werkzeug aufgebaut. Seit dem Kauf der Tennishalle an der Speckstraße ist das Unternehmen kontinuierlich weitergewachsen, 100 Mitarbeiter sind in Versmold tätig, fünf am Standort in Varel. S&O führt mehr als 12.000 Artikel und wickelt gut eine Million Aufträge jährlich ab.

S&O interessant für Amazon

„Wir verzeichnen 50.000 Amazon-Käufe im Monat. Ohne diese Marktplätze wären Händler generell aufgeschmissen. Mit einem Klick alle Marktplätze – das ist das Faszinierende", erklärt Seidel. Allerdings hat auch sein Unternehmen Dimensionen erreicht, die es für Amazon interessant machen. Weshalb der Online-Riese die Videokonferenz einfädelte. Matthias Ernst wollte die Politik für die Probleme mittelständischer Online-Händler sensibilisieren – wovon Amazon profitieren würde.

Info

Wenig geht ohne Amazon


• 7.900 kleine und mittelständische Unternehmen allein aus NRW exportierten ihre Produkte nach Angaben von Amazon 2019 über diese Plattform. Und erzielten 750 Millionen Euro Exportumsätze über Amazon Stores.

• 110.000 Mitarbeiter in Deutschland seien damit beschäftigt, das Amazon-Geschäft für ihre Unternehmen abzuwickeln.

Gekaufte Bewertungen

In der Tat gibt es einige Probleme, die Fred Seidel im Online-Handel umtreiben – die aber auch mit dem System Amazon zu tun haben. „Gefälschte Nutzerrezensionen sind die größte Verbrauchertäuschung, die es gibt." Der Kauf von positiven und negativen Bewertungen sei auf allen Online-Marktplätzen möglich und werde von Wettbewerbern auch angewandt: „Mancher Konkurrent hübscht eigene Bewertungen auf und schadet uns mit schlechten. 2018 haben wir einmal ein Gerichtsverfahren angestrengt und auch gewonnen. Heute lassen sich solche Tatbestände aber kaum noch nachweisen", sagt Seidel. So könnten Nutzer mittlerweile Sterne vergeben, ohne das begründen zu müssen. Welcher Straftatbestand letztlich vorliege, sei zudem schwer zu definieren. Ein Umstand, den CDU-Fraktionschef Ralph Brinkhaus sehr interessiert aufnahm. Fred Seidel jedenfalls muss sich manchmal wundern: „Wir kriegen für einen Klebehaken in zwei Jahren 40 Bewertungen, der chinesische Konkurrent mehr als 2.000." Man klage bei S&O auf hohem Niveau, „aber natürlich will ich am liebsten 100 Prozent positive Rezensionen". Dass sich sein Unternehmen mit professionellen Abmahnvereinen herumschlägt, daran hat sich der Unternehmer hingegen mittlerweile gewöhnt: „Seit wir wachsen, werden diese Attacken, die zum Teil auf kleinste Fehler in unseren Veröffentlichungen zielen, auch weniger."

Deutsche lieben Retouren

Zunehmenden Aufwand muss S&O bei Retouren betreiben. „Gerade die Deutschen sind sehr retourenaffin, weil das Rücksenden ab einem gewissen Warenwert kostenlos ist. Das kennen andere Länder gar nicht", sagt Vertriebschef Carsten Schlink. Hierzulande liege die Quote bei sechs bis sieben Prozent, in China bei einem Prozent, in Ländern wie Frankreich oder Österreich bei zwei bis drei Prozent. „Und selbst wenn der Rückversand vier Euro kostet, schicken uns manche Kunden Fünf-Euro-Artikel zurück – da sind bei uns dann drei Leute mit beschäftigt." Das sei teuer und alles andere als nachhaltig.

Was die Stadt tun kann

Fred Seidel bekennt sich als Hesselteicher zu seiner Heimat. „Wir haben in Versmold investiert und ich stehe zum Standort." Auch wenn er Probleme habe, Personal zu finden: „Kaufleute im e-Commerce bilden wir mit Blick auf die Zukunft selbst aus, Fachkräfte für das Lager muss ich woanders abwerben." Martina Janssen von der Wirtschaftsförderung sagte Unterstützung über die städtischen Netzwerke und Portale zu. Mit Blick auf das Lager an der Speckstraße, das in ein bis zwei Jahren wieder zu klein sein dürfte, betonte Carsten Wehmöller: „Wir tun alles, um Gewerbeflächen zu entwickeln, aber unsere Möglichkeiten sind begrenzt." Ein so spannendes Unternehmen zu haben, schätze die Stadt aber sehr hoch und werde unterstützen, wo sie könne. S&O ist mittlerweile also deutlich genug aufgefallen.

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