Fehlendes Grundwasser: Versmolder Landwirt beklagt Ernteeinbußen

Seit Jahren schwelt der Streit zwischen Landwirten und dem Wasserbeschaffungsverband um Entschädigungszahlungen. Jetzt nimmt das Land NRW das Thema in den Blick. Die Bauern hoffen auf ein Pilotprojekt in Füchtorf. Doch es wird ein langer Weg.

Marc Uthmann

Der Loxtener Landwirt Rolf Schlüter vor vertrockneten Bäume in einem Füchtorfer Wald. In diesem Einzugsgebiet des Wasserwerkes besitzt er Ackerland. - © Marc Uthmann
Der Loxtener Landwirt Rolf Schlüter vor vertrockneten Bäume in einem Füchtorfer Wald. In diesem Einzugsgebiet des Wasserwerkes besitzt er Ackerland. (© Marc Uthmann)

Versmold. Zielsicher steuert Rolf Schlüter ein Waldstück in Füchtorf an. Acker reiht sich an Acker, hin und wieder unterbrochen von Schonungen, vereinzelt stehen Häuser. Hier kennt sich der Loxtener Landwirt bestens aus, 30 Hektar Fläche besitzt er im Einzugsgebiet des Füchtorfer Wasserwerks. Und was er dort seit geraumer Zeit beobachtet, treibt den 60-Jährigen um.

Im Wassereinzugsgebiet müssen Förderbrunnen und Äcker nebeneinander funktionieren. - © Marc Uthmann
Im Wassereinzugsgebiet müssen Förderbrunnen und Äcker nebeneinander funktionieren. (© Marc Uthmann)

„Die Bäume vertrocknen hier reihenweise und kippen um", sagt Schlüter. Für ihn ein Beleg dafür, dass ihnen Grundwasser fehlt. Der Klimawandel habe das Problem sicher verschärft, aber auch die intensive Wasserförderung entziehe der Natur die Lebensgrundlage. Nun ist dieses Problem nicht neu: Der Wasserbeschaffungsverband Sassenberg-Versmold-Warendorf fördert seit 1980 im Wasserwerk Füchtorf für die drei Städte. Die Landwirte, die Flächen im Einzugsbereich der Förderung besitzen, werden für ihre Ertragseinbußen entschädigt.

Landwirt hat vor Gericht verloren

Um diese Entschädigungszahlungen gab es in den vergangenen Jahrzehnten wiederholt Streit. Sie beruhen auf zwei Gutachten. Eine hydrologische Untersuchung stellt fest, wie hoch die Grundwasserneubildung in dem Gebiet ist und wie der Spiegel durch die Entnahme des Wasserwerks folglich beeinflusst wird. Ein zweites Gutachten errechnet darauf aufbauend die Entschädigungszahlungen für die Landwirte.

Vor einigen Jahren hat Landwirt Stefan Wöstmann, unterstützt von drei weiteren Bauern, gegen das hydrologische Gutachten geklagt und verloren. Zu den Mitstreitern des Füchtorfers zählt auch Rolf Schlüter: „Wie Gutachter Thomas Baum unsere Entschädigungszahlungen berechnet, damit sind wir sehr zufrieden. Aber wir haben Probleme mit dem ersten Gutachten, das die Grundlage dafür bildet", erklärt Rolf Schlüter.

Für die Landwirte steht fest: Die Förderung durch das Wasserwerk beeinflusst die umliegenden Ländereien in einem weiteren Umkreis als durch das Gutachten belegt. Und es werde zum Teil mehr Grundwasser entnommen, als es angesichts der Neubildung gerechtfertigt wäre. „Laut dieses Gutachtens bildet sich im Bereich Versmold/Füchtorf deutlich mehr Grundwasser neu als in anderen Einzugsgebieten der Region. Das kann doch nicht sein", kritisiert Rolf Schlüter. Er habe für seine 30 Hektar im Wassereinzugsgebiet zuletzt 13.000 Euro Entschädigung erhalten. „Meine Einbußen liegen aber bei 25.000 Euro. Wo wir sonst sechs Tonnen je Hektar Triticale ernten konnten, waren es jetzt drei. Damit können wir nun wirklich nicht auskommen." Schlüter führt einen großen Betrieb mit 150 Hektar Nutzfläche, 120 Milchkühen und 700 Schweinen. Er ist auf das Futtergetreide angewiesen, muss sonst zukaufen.

Einladung in den Düsseldorfer Landtag

Stefan Wöstmann (von links), Wilhelm Freese, der Landtagsabgeordnete Daniel Hagemeier, Markus Ostermann, die agrarpolitische Sprecherin Bianca Winkelmann und Rolf Schlüter beim Gespräch im Düsseldorfer Landtag zu Grundwasserproblemen. Foto: Büro Daniel Hagemeier - © Büro Daniel Hagemeier
Stefan Wöstmann (von links), Wilhelm Freese, der Landtagsabgeordnete Daniel Hagemeier, Markus Ostermann, die agrarpolitische Sprecherin Bianca Winkelmann und Rolf Schlüter beim Gespräch im Düsseldorfer Landtag zu Grundwasserproblemen. Foto: Büro Daniel Hagemeier (© Büro Daniel Hagemeier)

Ihr Protest führte die Landwirte vor kurzem nach Düsseldorf. Nachdem sie ihre Probleme auch der Politik geschildert hatten, erhielten sie eine Einladung des für den Kreis Warendorf zuständigen Landtagsabgeordneten Daniel Hagemeier (CDU) und der agrarpolitischen Sprecherin der CDU-Fraktion, Bianca Winkelmann. Die Landesregierung in Düsseldorf hat eine Novelle des Landeswassergesetzes zur Beratung in den Landtag eingebracht, um die Interessenkonflikte bei der Wasserverteilung zu regulieren.

Bianca Winkelmann betonte dabei, dass die Belange der Landwirtschaft im Fokus der Gesetzesnovelle stünden. Was die Probleme in Versmold und Füchtorf angeht, wiesen die Politiker auf aktuelle Arbeiten des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) hin. Die Behörde hat einen „Workshop Grundwasserneubildung" mit verschiedenen Fachbehörden, Wasserversorgern und der Landwirtschaftskammer auf die Beine gestellt. Die Situation in Füchtorf wurde dabei sogar in einem Pilotprojekt unter der Regie der Bezirksregierung Detmold analysiert.

Bezirksregierung empfiehlt Prüfung

Die kommt in ihrem Prüfbericht zu dem Ergebnis, dass der „Bilanzüberschuss" beim Wasser für größere Planungsräume – auch mit hohen Entnahmen – „ausreichend groß" sei. Werde der Planungsraum allerdings kleiner, könne es bei intensiver Wasserentnahme in Trockenzeiten zu Problemen bei der Deckung der Bedarfe kommen.

Die Behörde empfiehlt, die lokalen Verhältnisse intensiv zu prüfen, um plausiblere Daten zu erhalten. Für die nutzbaren Wassermengen müssten Abschläge für Trockenjahre einkalkuliert werden. Zudem sei zu berücksichtigen, dass Landökosysteme, die vom Grundwasser abhängen, gesichert und erhalten werden. Der LANUV-Fachbericht 106 wird inhaltlich geprüft und soll noch 2020 veröffentlicht werden.

Die heimischen Landwirte erhoffen sich von diesen Projekten Rückenwind und eventuell sogar eine Gesetzesänderung, die sie finanziell künftig besser stellt oder die Wasserentnahme deckelt. Bei der Stadt Versmold, deren Kämmerer Andreas Pöhler für die kaufmännischen Belange des Wasserwerkes zuständig ist, äußert man sich zu den aktuellen Entwicklungen vorerst nicht. „Wir warten ab, bis die Ergebnisse der Untersuchungen veröffentlicht sind", sagte Stadt-Sprecherin Jennifer Oldach auf Anfrage des Haller Kreisblattes.

Fest steht, dass die Förderrechte des Wasserwerkes erst 2010 für 30 Jahre verlängert wurden und die Gutachten aktuell rechtssicher sind.

Rolf Schlüter schaut derweil über das Land, wo eingezäunte Förderbrunnen an Äcker grenzen, und sagt: „Die Leute, die Entscheidungen treffen, haben oft keine Vorstellung, wie Natur funktioniert. Behörden lernen ja dazu. Aber man muss sie auf die Probleme stoßen."

Bianca Winkelmann und Daniel Hagemeier wollen am 19. November nach Sassenberg kommen, um mit den Landwirten nicht nur dieses, sondern auch andere agrarpolitische Themen zu diskutieren.

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