Nach Erdrutschsieg: Jetzt beginnt das Pokern um wichtige Posten

Nach dem Wahlabend ist für die Versmolder Politik keinesfalls Pause. Es gilt, die Arbeit des neuen Rates vorzubereiten. Die CDU ist in einer komfortablen Lage. Durchregieren kann und will sie nicht.

Tasja Klusmeyer

Daumen hoch für den wiedergewählten Bürgermeister und fürs eigene Abschneiden. Die Grünen-Vertreter Hans Kahre (von rechts), Wolfgang Beuge, Doris Makitta-Holz und Rainer Husmann gratulieren Michael Meyer-Hermann zum Sieg. Künftig haben sie ein entscheidendes Wörtchen am Sitzungstisch mitzureden. - © Tasja Klusmeyer, HK
Daumen hoch für den wiedergewählten Bürgermeister und fürs eigene Abschneiden. Die Grünen-Vertreter Hans Kahre (von rechts), Wolfgang Beuge, Doris Makitta-Holz und Rainer Husmann gratulieren Michael Meyer-Hermann zum Sieg. Künftig haben sie ein entscheidendes Wörtchen am Sitzungstisch mitzureden. (© Tasja Klusmeyer, HK)

Versmold. Die Sitzordnung in der Sparkassenarena kann sinnbildlich für die neuen Kräfteverhältnisse im Stadtrat gesehen werden. Auf der einen Seite der Tribüne das christdemokratische Bollwerk, im Mittelblock versammeln sich in kleineren Grüppchen die anderen Parteien.

Wahlbezirk für Wahlbezirk geht an die CDU, selbst jene, die traditionell SPD-geprägt sind. „Das haben wir so nicht erwartet“, sagt Stadtverbandschefin Kirsten Wehmöller einen Tag nach dem Triumphzug ihrer Partei. „Mein persönliches Ziel waren 15 Sitze. Dass es mehr werden würden, hatte ich gehofft, dass es so großartig ausgeht, hat uns alle überrascht.“

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Der Kommentar zum Wahlergebnis

"Wir wollen keine Alleinshow"

Bei aller Freude – die CDU betont ihre Gesprächsbereitschaft gegenüber den anderen Parteien. „Wir wollen keine Alleinshow. Auch die anderen haben gute Ideen“, sagt Wehmöller. Heute trifft sich die CDU-Fraktion in neuer Zusammensetzung, „um Revue passieren zu lassen, was eigentlich passiert ist“. Viele neue Gesichter sind dabei, da gilt es laut Stadtverbandsvorsitzender Wehmöller zunächst auszuloten, wer welche persönlichen Schwerpunkte mitbringt und wer in welchem Ausschuss mitarbeiten möchte.

Das sind Fragen, die sich auch die anderen Fraktionen stellen. Konstituierende Sitzung des Stadtrates ist am 12. November. Bis dahin werden einige Gespräche fraktionsintern und -übergreifend stattfinden.

UWG ist froh über die neue Rolle

Die UWG hat da ihre ganz eigene Haltung. „Wir nehmen keinen Posten von irgendwem an“, sagt Susanne Stuckmann-Gale. Mit dem Ausgang der Wahl ist sie zufrieden. Vor allem, weil sie es in den Kreistag geschafft hat und dort nun „endlich wieder der Nordkreis vertreten ist“. Vor Ort hätte sich Stuckmann-Gale einen dritten Sitz gewünscht, kann sich aber auch über die leicht gestiegenen Stimmanteile freuen. „Wir sind froh, dass wir nicht mehr das Zünglein an der Waage sind“, sagt sie zur bisherigen Rolle der Unabhängigen.

Die Grünen sind mehr als zufrieden. 18 Prozent und sieben Sitze sind eine deutliche Steigerung zu 2014. Fraktionssprecher Hans Kahre verspricht sich davon mehr „Durchschlagskraft“. Geliebäugelt hatte seine Fraktion gar mit einem Direktmandat; in Bockhorst wäre das beinahe gelungen. Bündnis 90/Die Grünen blicken etwas sorgenvoll auf die Konstellation CDU/FDP. „Es wäre schöner gewesen, wenn sie nicht die absolute Mehrheit hätten.“

Ringen um Ausschüsse und Ämter

FDP-Fraktionschef Henry Lucas Lohmann will sich bei der Mehrheitsbildung nicht festlegen und – trotz inhaltlicher Nähe zur CDU – keinesfalls allein die Rolle des Juniorpartners annehmen. „Es geht uns um sachbezogene Politik. Wir wollen eigene Akzente setzen und die FDP etwas grüner machen.“ Mit weiterhin drei Sitzen und einer schlagfertigen Gruppe sei er „sehr gut zufrieden“. Den Gesprächen mit den anderen Parteien über Posten und Ausschuss sehen die Liberalen gelassen entgegen. „Wir schauen, wohin die Reise geht. Spannend ist die Frage, was mit den Ausschüssen passiert.“

2014 hatten SPD, Grüne und UWG mit hauchdünnem Vorsprung für die neuen Ausschüsse Energie, Klima und Umwelt sowie Integration, Generation, Inklusion und Soziales gestimmt. Auch das Amt der stellvertretenden Bürgermeister wird zur Sprache kommen. Bisher füllt den ersten Posten CDU-Mann Jörn Hainer aus; FDP-Frau Ulrike Poetter wurde Ende 2017 Vize, nachdem die SPD bei einem internen Personal-Scharmützel keine gute Figur machte. Bis zu diesem Zeitpunkt gehörte es zum Abkommen, dass die zweitstärkste Fraktion den Posten besetzt.

Bürgermeister nimmt sich erstmal Zeit mit der Familie

Das ist trotz herber Verluste weiter die SPD. Deren Ortsvereinsvorsitzender Patrick Schlüter betont, dass man entsprechend „Pflichten und Rechte hat, bestimmte Positionen zu besetzen“. Am Montagabend stand bei den Sozialdemokraten erstmal interne Manöverkritik an. „Der Blick soll ganz schnell wieder nach vorne gehen“, so Schlüter.

Und Bürgermeister Michael Meyer-Hermann? Der Arbeitstag nach dem langen Wahlabend begann für ihn etwas später. Den Vormittag verbrachte er in aller Ruhe mit der Familie – das sei zuletzt etwas zu kurz gekommen. Zweifel am Sieg, so sagt er, habe er nicht wirklich gehabt. „Mit dieser Deutlichkeit habe ich aber nicht gerechnet.“ Trotz Stärke seiner CDU – bei seiner Arbeit möchte Meyer-Hermann „möglichst viele mitnehmen“. Der neue Stadtrat hat gleich eine große Aufgabe: Am Tag der konstituierenden Sitzung wird der Haushalt 2021 eingebracht.

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