"Ein Herz für GT": Zwei Versmolderinnen senden Botschaft an die Nachbarn

Menschen aus dem Kreis Gütersloh erfahren zurzeit Ausgrenzung und Anfeindungen. Zwei Freundinnen wollen das nicht einfach so hinnehmen – und sind aktiv.

Tasja Klusmeyer

Jennifer Krüger (links) und Janine Stolzen wünschen sich einen fairen Umgang mit den Menschen aus dem Kreis Gütersloh. Für Stigmatisierung haben sie kein Verständnis. - © privat
Jennifer Krüger (links) und Janine Stolzen wünschen sich einen fairen Umgang mit den Menschen aus dem Kreis Gütersloh. Für Stigmatisierung haben sie kein Verständnis. (© privat)

Versmold. „Wir wollten ein friedliches Zeichen setzen", sagt Jennifer Krüger. Zusammen mit ihrer Freundin Janine Stolzen, die sie seit Kindertagen kennt, ist die 26-Jährige am Samstag zum stummen Protest an die Dissener Straße gegangen. An jene Strecke, die täglich von vielen Pendlern passiert wird, die als schnelle Verbindung zwischen dem Kreis Gütersloh und dem südlichen Landkreis Osnabrück gilt. Die beiden Frauen halten Plakate hoch – mit dem Appell an die Nachbarn, wieder mehr Menschlichkeit walten zu lassen.

Bis nach Niedersachsen ist es für die Bockhorster nur ein Katzensprung. Viele kaufen in Dissen oder Bad Rothenfelde ein, arbeiten dort oder haben Familie und Freunde jenseits der Landesgrenze. Die Übertretung ist seit den Lockdown-Regeln im Kreis Gütersloh für viele zu einem Spießrutenlauf geworden. Der Landkreis Osnabrück hat am 23. Juni verschiedene Verbote für die Menschen aus dem Kreis Gütersloh erlassen. Bürger berichten dort, aber auch in anderen angrenzenden Orten, von Anfeindungen und abgesagten Arztterminen. Autos sollen zerkratzt worden sein, Arbeitgeber fordern negative Corona-Tests oder schicken Mitarbeiter ins Homeoffice.

"Lasst den Hass nicht an uns aus"

Sie selbst sei zum Glück noch nicht beleidigt oder angegangen worden, sagt Jennifer Krüger. Anders ihre Freundin Janine Stolzen, die in Hilter arbeitet und dort angesprochen worden sei, warum sie denn nicht in ihrem Kreis einkaufen könne. „Eine befreundete Krebspatientin wurde vom Krankenhaus nach Hause geschickt", schildert die Bockhorsterin einen anderen Fall. Die 26-Jährige kann das Verhalten nicht nachvollziehen.

„Lasst den Hass an Tönnies aus, aber nicht an uns", appellieren sie deshalb an die Menschen aus der niedersächsischen Nachbarschaft. Sie fordern „Ein Herz für GT". Ihr friedlicher Protest findet viel Zuspruch – an der Straße und in den sozialen Netzwerken. „Die meisten haben uns zugehupt und uns Daumen hoch gezeigt", sagt Jennifer Krüger. Eine Frau sei sogar extra umgedreht, um die beiden für die Aktion zu loben. Nur einmal haben sie den Mittelfinger gesehen – von jemandem mit Gütersloher Kennzeichen.

Die Reaktionen im Internet, wo die beiden Video und Foto von der Aktion veröffentlichen, motivieren Jennifer Krüger und Janine Stolzen, ein weiteres Mal mit ihren Plakaten auf die Straße zu gehen. Am Montag, da wurde gerade der Lockdown im Kreis verlängert, wiederholten sie die Aktion. Sie hoffen, dass sich die Haltung der Menschen aus dem Kreis nicht über den Lockdown hinaus manifestieren wird. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Leute nächste Woche sofort einen Cut machen", befürchtet die 26-Jährige.

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Kein Herz für Gütersloher? Ausgrenzung und Stigmatisierung in den angrenzenden Kreisgebieten oder im Urlaub bewegen in diesen Tagen viele Gütersloher. Das wollen Janine Stolzen und Jennifer Krüger (Foto) nicht stillschweigend hinnehmen. Sie setzten Samstag ein Zeichen für "ihren" Lieblingskreis. Die beiden demonstrierten gemeinsam mit ihren Müttern am Ortseingang von #Bockhorst an der Dissener Straße. "Es gab einige positive Reaktionen", erzählt Jennifer Krüger. Deshalb überlegt sie, die Aktion gemeinsam mit ihren Mitstreitern zu wiederholen. (©Jennifer Krüger) #KreisGütersloh #Gütersloh #Versmold #AltkreisHalle #wirhaltenzusammen #hallewestfalen #werther #steinhagen #borgholzhausen #Soschönistderaltkreis

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„In großer Sorge" wegen Stigmatisierung

Versmolds Bürgermeister reagiert auf die Entwicklung im Nachbarkreis Osnabrück:

Post aus Versmold hat gestern Anna Kebschull, Landrätin des Landkreises Osnabrück, bekommen. Bürgermeister Michael Meyer-Hermann sah sich angesichts der zunehmenden Anfeindungen gegenüber Menschen aus dem Kreis Gütersloh dazu veranlasst.

Er spricht darin von guten nachbarschaftlichen Beziehungen über Jahrzehnte, die nun aufgrund der aktuellen Vorkommnisse „belastet" würden. Die Beschränkungen, die der Landkreis Osnabrück als Konsequenz aus dem Lockdown rund ums Tönnies-Ausbruchsgeschehen für Menschen aus dem Kreis Gütersloh verfügt habe, könne er aus Sicht des Infektionsschutzes und eventueller Ausweichbewegungen hinein nachvollziehen. „Doch das Signal in beide Bevölkerungen hinein ist ein stigmatisierendes", kritisiert er.

Immer mehr Menschen auch aus Versmold sähen sich in den niedersächsischen Nachbarkommunen Anfeindungen gegenüber, Menschen könnten nicht zur Arbeit oder Kinder nicht zur Schule. Eine Mutter habe ihm davon berichtet, dass ihr Sohn als Einziger in seiner Klasse bis zu den Ferien nicht am Unterricht teilnehmen dürfe, so Meyer-Hermann. „Die Menschen fragen sich, ob sie überhaupt noch bedenkenlos über die Landesgrenze fahren können, um alltägliche Dinge zu erledigen oder einen Arzt aufzusuchen?"

Als Gegenreaktion sei zu spüren, dass Menschen im Kreis Gütersloh sich dazu verabredeten, künftig den Landkreis Osnabrück oder auch die Stadt Münster, die ähnliche Regelungen erlassen hat, zu meiden. „Beides erfüllt mich mit großer Sorge." Meyer-Hermann befürchtet, dass Ausgrenzung auch über die Zeit des vorübergehenden Lockdowns hinaus bestehen bleiben könnten.

Versmolds Verwaltungschef bittet Landrätin Kebschull deshalb um eine öffentliche Stellungnahme, ähnlich wie sich Dissens Bürgermeister Eugen Görlitz vor Kurzem positioniert hat. Auch von Bürgermeistern von Bad Laer und Bad Rothenfelde wünscht er sich Initiative. „Gerade in diesen Zeiten ist es wichtig, zusammenzustehen und den Menschen Orientierung und Hoffnung zu geben."

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