So meistert eine Familie den Corona-Alltag mit förderbedürftigen Kindern

Zumindest tageweise gehen Kinder wieder zur Schule. Bei Familie Becker ist das nicht möglich. Über Corona-Koller klagt sie dennoch nicht.

Tasja Klusmeyer

Familie Becker mit Lucas, Harald, Sonja, Sarah, Kira und Adrian zeigt die Baumscheibe, die zurzeit dem Geschichtsunterricht dient. In Zeiten von Corona ist Kreativität gefragt. - © Tasja Klusmeyer, HK
Familie Becker mit Lucas, Harald, Sonja, Sarah, Kira und Adrian zeigt die Baumscheibe, die zurzeit dem Geschichtsunterricht dient. In Zeiten von Corona ist Kreativität gefragt. (© Tasja Klusmeyer, HK)

Versmold-Oesterweg. Vor mehr als zwei Monaten fiel die Entscheidung, Schulen zu schließen. Seitdem ist bei Familie Becker die Küche das Klassenzimmer. „Weil dort der größte Tisch steht", sagt Sonja Becker. Die 38-Jährige ist vierfache Mutter und begleitet ihre Söhne Adrian (13) und Lucas (14) sowie die elfjährigen Zwillingsschwestern Kira und Sarah täglich bei der Erledigung der Schulaufgaben.

Die kommen per Post aus Oelde, wo das Quartett die Erich-Kästner-Schule, eine Förderschule mit dem Schwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung, besucht. Zurzeit steht genau für diese Schulform nicht fest, wann eine Wiederaufnahme des Unterrichts möglich sein wird.

Die Eltern gestalten einen eigenen Stundenplan

Für Familie Becker heißt das weiterhin: Die Aufgaben kommen ausschließlich per Post. Einen festen Internetanschluss hat die Familie nicht, digitales Lernen kann ausschließlich übers Datenvolumen des Smartphones erfolgen. Bei instabiler Verbindung im Außenbereich von Oesterweg ist es fast ein Ding der Unmöglichkeit, online alle vier Kinder mit Material zu versorgen. Die Situation beklagen, das möchten Sonja und Harald Becker nicht. Im Gegenteil. Die Eltern gestalten für ihr Quartett einen ganz eigenen Stundenplan. „Wir versuchen, der Langeweile entgegenzuwirken. Sonst streiten sie sich schnell."

Auf dem Tisch im Garten liegt ein dickes Geschichtsbuch. „Hier wird gelesen", sagt Harald Becker. Mal eben so googeln, ist mit fehlendem Internetanschluss schwierig. Neben dem Tisch steht eine dicke Baumscheibe. Über 110 Ringe hat die Familie gezählt – für jedes Jahr sucht sie nun im Buch nach einem historischem Ereignis. Ganz praktisch läuft auch Sachkunde ab. Ein Stückchen weiter befindet sich der neu angelegte Gemüsegarten der Zwillinge, um den sie sich kümmern. Spaziergänge in die Natur gehören ebenso dazu. „Wir sind viel draußen und haben zum Beispiel ein kleines Sportprogramm mit einem Hindernisparcours durch den Garten entwickelt", nennt Mutter Sonja Becker eine weitere Idee.

Vater unterrichtet Rechnen, Mutter Schreiben

Die 38-Jährige selbst kann ihre Kinder als Hausfrau gut in dieser Zeit begleiten. Ihr Mann Harald unterstützt am Nachmittag, wenn er von der Arbeit kommt. „Das, was wir können, bringen wir den Kindern bei." Die Rollenverteilung ist klar: Vater Harald liegt eher das Rechnen, Mutter Sonja das Schreiben. Den Kontakt zu den Schulfreunden, die eben nicht um die Ecke, sondern weiter weg wohnen, vermissen die Kinder. Ebenso müssen sie größtenteils auf ihre Hobbys verzichten, genauso wie auf Besuche bei den Großeltern. „Es ist anders, es ist anstrengend", sagt Sonja Becker. Ihr Mann fügt hinzu: „Aber was würde es uns nutzen, Trübsal zu blasen?"

Sonja Becker verarbeitet den neuen Familienalltag und die neue Situation, indem sie Corona-Tagebuch schreibt. „Das, was jetzt passiert, wird uns alle verändern", sagt die Oesterwegerin. Sonja Becker zählt, genauso wie eine ihrer Töchter mit einer Herzerkrankung zur Corona-Hochrisikogruppe. Sie hat Sorgen, empfindet aber vor allem Dankbarkeit. Im Tagebuch steht: „In dieser Zeit zeigen sich die Helden, die schon immer da waren, die wir aber nicht gesehen haben. Denn vor lauter Selbstverständlichkeit sind wir blind geworden denen gegenüber, die jeden Tag dafür sorgen, dass es uns gut geht."

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