VersmoldVersmolder Traditionsbetrieb hat neuen Eigentümer - und wächst gewaltig

Das Jahr des 90. Geburtstages ist für das Vollpappen-Verarbeitungswerk Wenner ein richtungweisendes. Der Verkauf an die Halbzellstoff-Industrie GmbH soll neue Perspektiven eröffnen.

Tasja Klusmeyer

Architekt Mirko Moch (von links), Betriebstechniker Martin Sell, Betriebsleiter Lazar Cvetkovic, Kristian Evers (Geschäftsführer Halbzellstoff-Industrie GmbH) und Geschäftsführer Stephan Potthoff-Wenner zeigen, wie die Produktionsstätte aussehen soll. Zurzeit lassen nur die mächtigen Pfeiler die Dimension erahnen. - © Tasja Klusmeyer, HK
Architekt Mirko Moch (von links), Betriebstechniker Martin Sell, Betriebsleiter Lazar Cvetkovic, Kristian Evers (Geschäftsführer Halbzellstoff-Industrie GmbH) und Geschäftsführer Stephan Potthoff-Wenner zeigen, wie die Produktionsstätte aussehen soll. Zurzeit lassen nur die mächtigen Pfeiler die Dimension erahnen. © Tasja Klusmeyer, HK

Versmold. Gegründet als kleine Holzkistenfabrik im Jahr 1930 hat sich der Versmolder Traditionsbetrieb über die Jahrzehnte zum Verpackungsspezialisten insbesondere für die Fleischwarenindustrie entwickelt. Die Brüder Stephan Potthoff-Wenner und Achim Potthoff führen das Unternehmen in dritter Generation. In Familienhand aber liegt der Betrieb aus dem Industriegelände nun nicht mehr. Die Friedrich Wenner GmbH ist zu 100 Prozent von der Halbzellstoff-Industrie GmbH aus Niedersachsen übernommen worden. Mit der Integration in eine „starke Gruppe“ solle die Zukunft des Unternehmens langfristig gesichert werden.

Stephan Potthoff-Wenner und Achim Potthoff sind weiterhin als Geschäftsführer tätig. „Natürlich treibt einen als Familienunternehmer immer der Schritt zur nächsten Generation um“, sagt Stephan Potthoff-Wenner. Eine Nachfolge innerhalb der Familie aber sei momentan nicht abzusehen. „Unabhängig davon hätten wir diese Entscheidung genauso gefällt“, betont der 61-Jährige.

In mehreren Schritten wurde der Betrieb in der jüngeren Zukunft erweitert und modernisiert. Jetzt wächst Wenner nicht nur räumlich, sondern ist Teil einer mittelständischen Unternehmensgruppe, die sich im „sich stark konzentrierenden Marktumfeld“ behaupten will. Funktionieren soll das mit einem langjährigen Geschäftspartner. Täglich pendelt die Wenner-Lkw-Flotte zwischen Versmold und Varel, um Rohstoff aus der dortigen Kartonfabrik zu holen.

"Wir bewegen uns im Markt der Umsatzmilliardäre"

Das Konterfei von Firmengründer Ewald Wenner hängt im Besprechungszimmer, in dem Stephan Potthoff-Wenner und Kristian Evers, Geschäftsführer der Halbzellstoff-Industrie GmbH, zum Pressegespräch geladen haben. Schon Ewald Wenner und Hellmut Barthel, Gründer der Kartonfabrik Varel, seien enge Weggefährten gewesen, schildern die Nachfolger. „Uns verbindet eine jahrzehntelange partnerschaftliche Kunden-Lieferantenbeziehung. Mit dem Zusammenschluss bieten sich nun neue Möglichkeiten der Produktentwicklung und Kundenansprache“, sagt Kristian Evers.

Die Friedrich Wenner GmbH sichert sich den Zugriff auf Rohstoffe, die Kartonfabrik in Varel hat einen verlässlichen Abnehmer ihres Produktes. Konstrukte, von denen Wenner in der Lebensmittelbranche längst umzingelt ist. Evers und Potthoff-Wenner ziehen als Beleg die Zur-Mühlen-Gruppe von Clemens Tönnies heran, die Schlacht- und Fleischwarenindustrie verbinde. „Wir sind jeder für sich genommen ein kleines Unternehmen und bewegen uns im Markt der Umsatzmilliardäre“, sagt Stephan Potthoff-Wenner. In der Gruppe bekomme man es besser hin, dem „Paroli zu bieten“.

Arbeitsplätze bleiben erhalten

Das soll keinesfalls eine Kampfansage an die Konkurrenz sein. „Wir wollen nicht den Markt anheizen, sondern neue Märkte angehen“, sagt Kristian Evers und nennt Potenzial für das Produkt Vollpappe in Europa sowie international. Beim Zusammenschluss gehe es um Versorgungssicherheit, gemeinsame Logistikkonzepte auch im Sinne von Nachhaltigkeit, Kooperationen beispielsweise in Vertrieb, IT oder Marketing und gemeinsame Weiterentwicklung bei neuen Herausforderungen wie der Digitalisierung.

Die Frage, ob Wenner durch den Verkauf Arbeitsplatzabbau drohe, verneint Kristian Evers vehement: „Definitiv nicht. Klassische Synergieeffekte stehen überhaupt nicht im Fokus dieses Zusammenschlusses.“ Er sei „zutiefst überzeugt“ davon, dass die Identifikation eines Unternehmers mit dem Betrieb der Schlüssel zum Erfolg sei und Entscheidungen von Personen vor Ort getroffen werden müssten. Stephan Potthoff-Wenner und Achim Potthoff werden deshalb die Entwicklung des Unternehmens „maßgeblich weiter mitverantworten“. Kristian Evers erwartet eher personelles Wachstum am Standort Versmold. Zurzeit erwirtschaften die 70 Mitarbeiter einen Jahresumsatz von 27 Millionen Euro.

Größte Investition der Unternehmensgeschichte

Von Wachstum zeugt die Großbaustelle, zu der es nach dem Pressegespräch geht. Nachdem in den vergangenen Jahren die Bereiche Lager und Versand auf der gegenüberliegenden Straßenseite zentralisiert wurden, konnte Anfang Februar die alte Lagerhalle dem Boden gleichgemacht werden. Dort entsteht eine 3.500 Quadratmeter große Produktionsstätte, wo moderne Maschinen untergebracht werden können, die immer mehr Platz benötigen. Die alten Hallen sind längst an ihrer Kapazitätsgrenze.

Im Herbst soll die neue Produktionshalle in Betrieb gehen. Zehn Millionen Euro nimmt das Unternehmen dafür in die Hand – und schafft damit gute Voraussetzungen, um den gestiegenen Anforderungen des Marktes gerecht zu werden.

Info

Die Unternehmensgruppe

´ Die Halbzellstoff-Industrie GmbH mit Sitz in Varel (Landkreis Friesland) ist als Holdinggesellschaft an verschiedenen Unternehmen insbesondere in der Verpackungsindustrie beteiligt. Mehrheitsgesellschafter ist die gemeinnützige Barthel-Stiftung, gegründet 1991 von Gertrud und Hellmut Barthel mit dem Ziel, die Allgemeinheit an dem Unternehmenserfolg teilhaben zu lassen.´ Nach dem Tod des Firmengründers Hellmut Barthel 1999 gingen seine Firmenanteile an die Stiftung über. Sie unterstützt Bildungs- und Umweltprojekte, versteht sich zudem als Kulturförderer. Vorsitzender ist Kristian Evers, zugleich Geschäftsführer der Halbzellstoff-Industrie GmbH.´ Die Keimzelle der Unternehmensgruppe, die 1938 gegründete Papier- und Kartonfabrik Varel, ist ein Hersteller von Recyclingkartons und Wellpappenpapieren. Jährlich produziert sie zirka 850.000 Tonnen Papier und Karton für die weiterverarbeitende deutsche und internationale Verpackungsindustrie. ´ Die Friedrich Wenner GmbH bezieht seit Jahrzehnten ihren Rohstoff aus Varel und ist nun Teil der Unternehmensgruppe.Der Gesamtumsatz der Halbzellstoff-Industrie GmbH lag eigenen Angaben zufolge 2019 bei etwa 430 Millionen Euro. Sie beschäftigt 850 MitarbeiterInnen.

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.